Nur einer der vier Männer war freiwillig im Anti-Gewalt-Training. Foto:  

Sie haben als Kinder Gewalt erlebt – und später selbst begonnen, ihre Partnerinnen zu misshandeln. In einem Training zur Gewaltprävention berichten vier Männer aus ihrer Sicht davon, wie sie gewalttätig geworden sind.

Rems-Murr-Kreis - Schläge, Raufereien, Gewalt: Das kennt Murat (alle Namen geändert) aus Waiblingen schon seit der Kindheit. Seine Eltern haben auch mal zugelangt, „die meisten Schläge habe ich aber von meinem Bruder bekommen“, erzählt der 24-Jährige ruhig und sachlich. Doch man merkt ihm an: Er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Er ist vorbestraft, zweimal wegen Körperverletzung. Heute sagt er: „Das meiste hätte nicht passieren müssen.“

Mit 15 oder 16 Jahren sei er zum ersten Mal mit der Polizei in Berührung gekommen. „Da haben sich zwei Gruppen geprügelt – und ich habe nur die Jacken gehalten und fand das lustig“, sagt Murat. Die Polizei hat dann alle mitgenommen – und er kassierte seine erste Anzeige wegen Körperverletzung.

Lesen Sie hier eine Reportage aus der Sicht eines Opfers von häuslicher Gewalt

Beim Gewalt-Sensibilisierungstraining ist er gelandet, weil er eine „Auseinandersetzung“ mit seinem Bruder hatte. So ist seine Wortwahl. „Das geht so schnell, zum Täter zu werden“, erzählt er. „Es gab Stress, wir haben uns angeschrien.“ Beleidigungen gingen hin und her. Erst schlug der Bruder zu, dann Murat. „Das hatte sich über Jahre angestaut.“ Sein Bruder zeigte ihn später an. Nun sitzt Murat geknickt im Kurs: „Im Nachhinein bereut man schon seine Tat“, sagt er und ist froh, in dem Training gelandet zu sein. Hier habe er gelernt, worauf er achten sollte, wenn es zu einem Konflikt kommt. „Ich versuche dann, einen kühlen Kopf zu bewahren.“ Zu seinem Bruder hat er keinen Kontakt mehr.

Toni fühlt sich von seiner Frau provoziert

Toni laufen die Tränen, er ringt mit der Fassung. Was passiert ist zwischen ihm und seiner Frau – daran trägt der 43-Jährige aus Fellbach schwer. „Heute lasse ich mich nicht mehr von ihr provozieren“, erzählt der Mann. Denn genau das sei im vergangenen Jahr passiert.

Im Jahr 2018 hatten er und seine Frau sich getrennt. „Am Anfang habe ich das akzeptiert und habe in der gemeinsamen Wohnung auf der Couch geschlafen“, erzählt Toni. Dann gab es immer wieder Streit. „Sie ist eine Frau, die gerne provoziert“, sagt er. Und irgendwann habe sich der Konflikt so hochgeschaukelt, dass es zu den Handgreiflichkeiten gekommen sei – weswegen er nun im Gewalt-Sensibilisierungstraining sitzt. „Sie hat angefangen“, sagt er. Das Schlimmste für ihn: „Das ist vorgefallen, als unsere Kinder zu Hause waren.“

Seine Frau habe ihn angezeigt, er hat ein Annäherungsverbot von nur wenigen Metern – und wohnt nach wie vor im selben Haus, jedoch inzwischen in einer anderen Wohnung. „Sie provoziert mich jeden Tag“, erzählt Toni. Dann kommen ihm die Tränen: Seine Kinder sieht er derzeit nicht – obwohl er auch das Sorgerecht hat. Aber: „Sie gibt mir die Kinder nicht.“

Ein Ende des Konflikts sieht der 43-Jährige nicht. Umziehen sei nicht so einfach in Zeiten wie diesen, wo doch Wohnungen so heiß begehrt sind. Um die Kinder kämpft er nun – aber nicht mit Fäusten, sondern vor einem Familiengericht. „Ich ignoriere meine Ex-Frau jetzt immer, wenn ich sie sehe, und gehe einen anderen Weg. Ich lasse sie lieber als Gewinner dastehen.“ Aus dem Kurs weiß er auch, dass er aus der Gewaltspirale ausbrechen kann. Er ist einer von vielen, die Gewalt als Kind erlebt haben – in seinem Fall in der Familie und von Lehrern.

Marios Frau zieht ihre Anzeige zurück

Mario hat sein Leben wieder im Griff. „Ich bin stolz, dass ich ein besserer Mensch geworden bin“, sagt der hochgewachsene Mann aus Schorndorf. Im vergangenen Jahr sah es noch ganz anders aus. Da hatte er einen heftigen Streit mit seiner Ehefrau. „Das hat sich so hochgeschaukelt“, erzählt der 44-Jährige. Es ging um Lügen, um Eifersucht – und Mario griff zur Schnapsflasche. Der Streit ging stundenlang hin und her – bis die Situation komplett eskalierte. „Ich wollte eigentlich nur raus aus der Wohnung“, so erinnert sich Mario. Doch sie habe ihm den Weg verstellt – und er schubste sie beiseite. Offenbar heftiger als geplant. Vor der Tür standen schon Nachbarn, das Ordnungsamt und schließlich auch die Polizei. Mario bekam Hausverbot und übernachtete im Auto.

Er blickt zu Boden, reibt seine Hände aneinander. „Ich schäme mich dafür, was ich getan habe, kann aber aus meiner Haut nicht raus.“ Die Versöhnung mit seiner Frau kam recht schnell. Er entschuldigte sich, sie zog die Anzeige schließlich zurück. Trotzdem musste Mario zur Fachberatungsstelle Gewaltprävention Rems-Murr. Er hatte zunächst Einzelgespräche, schließlich landete er im Gewalt-Sensibilisierungstraining. „Ich habe hier gelernt, mich zu beherrschen“, sagt er.

Dass die Tipps aus dem Kurs auch im Alltag tatsächlich funktionieren, das hat Mario neulich hautnah erlebt. Denn „auf der Arbeit“ habe ein Kollege ihn aus heiterem Himmel beleidigt, habe seine Nationalität beschimpft und wollte ihn sogar schlagen. „Ich habe meine Gefühle kon­trollieren können“, sagt Mario und wagt ein kleines Lächeln. „In meinem Kopf war nur das, was ich hier gelernt habe.“ Mit seiner Frau ist er nach wie vor zusammen – und das soll auch so bleiben.

Marcel ist als Einziger freiwillig im Anti-Aggressions-Training

Marcel ist der Einzige in dem Gewalt-Sensibilisierungstraining, der freiwillig da ist. „Ich hab Scheiße gebaut“, sagt der Endzwanziger aus Waiblingen und schaut auf den Boden. Das heißt in seinem Fall: Er war mächtig eifersüchtig wegen seiner damaligen Freundin. „Ich bin schon betrogen und angelogen worden“, erzählt Marcel. Eifersüchtig war er, weil er wissen wollte, mit wem sie telefoniert hat. Das war alles, sagt er. Doch sie weigerte sich, eine Antwort zu geben. Er wollte das Handy, wollte den Code. Und sie schubste ihn aufs Bett. „Da hab ich sie zurückgeschubst – und sie ist auf den Boden geknallt“, sagt Marcel. Sein Blick ist nach wie vor gesenkt, als er sich an den Vorfall erinnert. Damals sei er so wütend gewesen, dass er sogar ihr Handy aus dem Fenster und auf die Straße geworfen hat.

Seine Freundin lief erst raus, und als sie wiederkam, legte sie sich aufs Bett. „Die hat so benommen geguckt, da bin ich schnell mit ihr ins Krankenhaus gefahren“, erzählt Marcel weiter. Am nächsten Tag, als er sie wieder besuchen wollte, durfte er auf einmal nicht mehr zu ihr. Stattdessen musste er mit der Polizei sprechen. „Bevor die mich anzeigt, gehe ich zur Polizei und zeige mich selbst an“, habe er damals gedacht.

Warum er gewalttätig geworden ist? Seine Antwort: In seiner Kindheit hat er wie so viele Gewalttäter selbst Gewalt erlebt – und sie nun reproduziert. „Ich habe gemerkt, das kann richtig schiefgehen“, sagt er. Deswegen hat er sich Hilfe gesucht – und bei der Fachberatungsstelle Gewaltprävention gefunden. Erst mit Einzelgesprächen, dann im Kurs. „Das ist voll cool in der Gruppe“, sagt Marcel nun nach neun Sitzungen. Er habe richtig was gelernt: „Erst mal nachdenken und an die Folgen denken.“

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