Geht da nicht die Hauswand kaputt? Habe ich dann Tiere im Haus? Die Stuttgarter sind zurückhaltend beim Begrünen ihrer Fassaden. Dabei wäre dies fürs Klima wichtig. Zwei Experten erklären, worauf es ankommt.
Die Calwer Passage in der Stuttgarter Innenstadt hat eine, das Theater am Faden in S-Süd ebenfalls, und auch das Grünflächenamt unweit des Killesbergparks: All diese Gebäude haben eine begrünte Fassade. Doch noch bilden diese die Ausnahme. Die meisten Menschen sind zurückhaltend, wenn es darum geht, an ihrer Hauswand Pflanzen wachsen zu lassen: Sie fürchten sich vor Insekten im Haus oder dass die Fassade kaputt gehe.
Diese Ängste seien unbegründet, sagt Hans Müller, Gärtnermeister und Chef von Helix Pflanzensysteme in Kornwestheim: „Wir haben genügend Erfahrungswerte. Und die meisten Ängste haben mit Unwissenheit zu tun.“
Sowohl Hans Müller als auch Hannes Schwertfeger, Architekt und Geschäftsführer des Bureau Baubotanik in Stuttgart, arbeiten an der Schnittstelle zwischen Bauwerken und Pflanzen. Beide beraten selten Privatleute, sondern koordinieren größere Projekte. Doch sie kennen sich mit begrünten Fassaden gut aus – und erklären, worauf es ankommt.
Was spricht für eine Fassadenbegrünung?
„Stuttgart hat nicht unbedingt zu wenig Grün, aber es ist zu viel versiegelt“, sagt Hannes Schwertfeger. Tatsächlich sind einige Stadtbezirke – etwa Mitte, Süd, West und Ost – so dicht bebaut, dass sich dort im Sommer sogenannte Wärmeinseln bilden und die Aufenthaltsqualität leidet. Das liegt daran, dass der Boden durch die starke Bebauung kaum mehr Wasser aufnehmen und speichern kann und wenig Platz für Pflanzen ist. Begrünte Fassaden können helfen, um eine Stadt abzukühlen.
Für Hans Müller spricht noch ein persönlicher Faktor für ein begrüntes Haus: „Man gewinnt ein unmittelbares Naturerlebnis“, sagt er. Niemand könne sich der Freude entziehen, wenn sich Vögel am Haus einnisteten. Damit die Freude möglichst ganzjährig ist, rät er, zwischen verschiedenen Pflanzen an der Hauswand zu variieren: Spätblüher, Frühblüher, vielleicht sogar etwas Essbares.
Bringt das etwas fürs Klima?
Es bringt immer dann viel, wenn mehrere Menschen aktiv werden. Einzelne Fassadenbegrünungen helfen aber zumindest dem Mikroklima: Eine Steinfassade kann sich im Sommer auf 60 bis 80 Grad aufheizen, bei einer begrünten Fassade sind es maximal 35 Grad. Und steht man direkt vor einer begrünten Fassade, kann es dort sechs bis acht Grad kühler sein als in der restlichen Umgebung. Denn die Pflanzen verdunsten das Wasser, mit dem sie gegossen werden. Dadurch entsteht ein Kühleffekt. Darum ist es bei Hitze im Wald auch angenehmer als unter einem Sonnenschirm.
Zudem binden Pflanzen CO2 sowie Staub. Und begrünte Fassaden und Dächer können Regenwasser speichern, das sonst direkt in den Gully fließen würde. Auch Tieren hilft das Ganze: Je vielfältiger man die Pflanzen für eine Begrünung auswählt, desto mehr Habitate schafft man für Vögel, Fledermäuse oder Insekten.
Wie geht man vor, wenn man eine Begrünung will?
„Eine begrünte Fassade ist kein Hexenwerk“, sagt Hannes Schwertfeger. Für die erste Beratung solle man in ein Gartencenter gehen. Dort erfährt man, welche Pflanzen und Kletterhilfen sich eignen. Unter Zweiterem versteht man eine Art Drahtgestell, das man mit etwas Abstand vor die Hauswand stellt, damit die Pflanzen dort entlang wachsen.
Falls man plant, nur ein bis zwei Geschosse zu bepflanzen und gegebenenfalls sogar ein Stahlbalkon vorhanden ist, den man als Kletterhilfe nutzen kann, könne man eine Fassade auch selbst bepflanzen, sagt Hans Müller. Bei größeren Projekten solle man einen Garten- und Landschaftspfleger hinzuziehen. Und wenn auch der an seine Grenzen kommt, gebe es Profis wie von Helix oder vom Bureau Baubotanik.
Wie viel Arbeit muss man investieren?
„Es gibt keine grüne Fassade ohne Pflege“, betont Hans Müller. Man müsse sich das vorstellen wie ein Garten, in dem man auch die Pflanzen bewässern sowie hin und wieder zur Schere greifen müsse. In der Regel reiche es aber aus, einmal pro Jahr – am Ende der Wachstumsperiode – die Pflanzen zurückzuschneiden.
Geht da nicht die Fassade kaputt?
Manchmal sieht man es irgendwo: wie kleine Wurzeln vom wilden Wein oder Efeu an Hauswänden festkleben. Teils dringen diese Haftwurzeln auch in die Fassadenfarbe ein – wodurch Risse entstehen können und der Putz angegriffen. Dies könne leicht verhindert werden, sagt Hans Müller: indem man keine selbst klimmenden Pflanzen auswähle, sondern Schlinger und Kletterer. Diese ranken sich um die Kletterhilfe und bleiben nicht an der Fassade kleben.
Hat man dann viele Tiere im Haus?
Nein, sagt Hans Müller. Solange man die Fenster regelmäßig frei schneide, nisteten sich im Haus keine Tiere ein. Und selbst wenn sich mal eine Biene in der Wohnung verirre – so richtig schlimm sei das doch nicht, meint Müller.
Worauf sollte man noch achten?
Bevor man eine Fassade begrünt, müsse man sich fragen, wie man die Pflanzen an der Hauswand bewässern will, sagt Hans Müller. Trinkwasser sollte dafür eher nicht verwendet werden, sondern Regenwasser. Dieses muss zwischengespeichert werden. Das professionellste Mittel dafür sind Zisternen, aber auch Regentonnen können ein Weg sein. Dann empfehlen die Experten noch eine automatisierte Bewässerungsanlage, sodass man auch im Urlaub entspannt sein könne. „An die Bewässerungsanlage kann man dann ja auch einen Apfelbaum dran hängen für besonders trockene Sommer.“
Wie viel kostet das Ganze?
Das ist schwer zu sagen. Aber: Es gibt von der Stadt Stuttgart das sogenannte Grünprogramm, also ein Förderprogramm für Fassaden- und Dachbegrünungen sowie für Entsiegelungen und insektenfreundliche Begrünungen. Und das lohnt sich. Auch in anderen benachbarten Kommunen wie Ludwigsburg gibt es entsprechende Programme.
Stadt Stuttgart fördert bis zu 70 Prozent
Geld
Im Rahmen des Grünprogramms fördert die Stadt Stuttgart bis zu 50 Prozent der Kosten von Dach- und Fassadenbegrünungen sowie Entsiegelungsmaßnahmen, die Obergrenze liegt bei 10 000 Euro brutto pro Maßnahme, insgesamt bei 30 000 Euro je Grundstück. Liegt das Gebäude im Nesenbach- und Neckartal, wo es besonders warm werden kann, liegt der Fördersatz sogar bei 70 Prozent, die Grenzen liegen dann bei 15 000 Euro pro Maßnahme und 45 000 Euro je Grundstück. Wer ein sehr großes Projekt plant, bekommt bis zu 30 000 Euro je Maßnahme.
Richtlinien
Unter den förderfähigen Maßnahmen sind nicht nur die Begrünung selbst, sondern unter anderem auch das Sammeln von Regenwasser durch Zisternen, Teiche oder Versickerungsmulden sowie Entsiegelungs- und Bodenarbeiten, Rankhilfen und Bewässerungsanlagen. Wichtig ist: Zuerst den Förderantrag stellen und eine Fördervereinbarung abschließen, dann loslegen.
Nachfrage
Laut Gabriele Heusel-Voraus aus dem Stuttgarter Amt für Stadtplanung und Wohnen werden Förderungen aus dem Grünprogramm seit dessen Verabschiedung Ende 2014 von Jahr zu Jahr mehr nachgefragt. „Das Bewusstsein für mehr Grün in der Stadt ist gestiegen“, sagt sie. Allerdings liege der Schwerpunkt bisher auf Dachbegrünungen und Entsiegelungen, bei Fassadenbegrünungen seien die Stuttgarter noch „eher zurückhaltend“.