Günter Ziwey gewann 1994 und hält immer noch den Streckenrekord über die Halbmarathon-Distanz. Weil der Jurist anschließend nach Flagstaff/Arizona auswanderte, ist er nie wieder in Stuttgart gestartet – was sich irgendwann ändern könnte.
Einzigartige Felsformationen, die gigantische Tiefe, seine unfassbare Weite: Der Grand Canyon ist ein Wunder der Natur. Niemand, der seine überwältigende Schönheit gesehen hat, wird sie je vergessen. Und manche bleiben sogar für immer – wie Günter Ziwey.
Der Rechtsanwalt aus Flagstaff hat ein ganz besonderes Verhältnis zu der gewaltigen Schlucht, sie übt eine große Anziehungskraft auf ihn aus. Immer wenn er ihr erliegt, schnappt er sich seine Sportschuhe – und läuft. Vom Nordrand des Grand Canyon hinunter auf den Grund und wieder hinauf zum Südrand, das macht rund 38 Kilometer. Würde es auf dieser Strecke ein Rennen geben, es hieße „Rim2Rim“. Und Günter Ziwey (61) hätte gute Chancen, in seiner Altersklasse weit vorne zu landen – auch wenn seine besten Zeiten schon ein Weilchen zurückliegen. Vor fast 30 Jahren verewigte er sich in der Rekordliste des ersten Stuttgart-Laufes, und dort steht sein Name immer noch: ganz oben.
Die Bestmarke von 1994 hat gehalten
1357 Sportlerinnen und Sportler nahmen am 28. August 1994 an der Premiere der neuen Großveranstaltung teil. Auf der Halbmarathon-Distanz war keiner schneller als Günter Ziwey. Der Sieger benötigte nur 1:05:46 Stunden, es war eine starke Zeit. Sie ist bis heute der Streckenrekord, was den ersten Gewinner ein bisschen stolz macht. „Es ist schön, dass diese Marke noch steht“, sagt er vor der 30. Auflage des Rennens an diesem Wochenende, „das zeigt aber zugleich auch den Charakter des Stuttgart-Laufes. Es ist eher eine Breitensport-Veranstaltung, bei der es ja auch keine Preisgelder gibt. Das habe ich immer gut gefunden.“
Ziwey selbst bewegte sich in seiner Laufbahn stets auf dem Grat zwischen ambitioniertem Hobbyathleten und Leistungssportler. Er studierte Jura, startete zugleich für den namhaften Leichtathletik-Club ASV Köln, trainierte mit Stars wie Dieter Baumann oder Thomas Wessinghage. Er startete bei deutschen Meisterschaften, für vordere Platzierungen reichte es allerdings nicht. Seine Bestzeiten über 5000 Meter (unter 14 Minuten), 10 000 Meter (unter 29 Minuten) und im Marathon (2:17 Stunden) fand er selbst „ganz in Ordnung, aber eben auch nichts Besonderes“. Anders ausdrückt: „Ich war kein Profi, aber auch kein Amateur mehr, sondern irgendetwas dazwischen.“ Aber allemal gut genug für den Sieg in Stuttgart.
Viele Zuschauer in Stuttgart
Am dortigen Oberlandesgericht absolvierte Günter Ziwey, der aus Stockach stammt, 1994 sein Referendariat. Er wohnte in Vaihingen, trainierte nebenher hart und spürte zweierlei: dass seine Karriere sich dem Ende zuneigte. Allerdings auch, dass er noch ein bisschen was in den Beinen hatte. Das zeigte er bei seiner Teilnahme am ersten Stuttgart-Lauf. „Da wollte ich unbedingt dabei sein“, erinnert er sich, „und es war dann auch ein supertolles Ereignis. In der Stadt sind massenhaft Zuschauer gewesen, das Gefühl, das ich beim Einlaufen ins Stadion hatte, werde ich nie vergessen. Und dann habe ich ja auch noch eine gute Zeit hingelegt. An dem Tag lief es einfach.“
Trotzdem blieb es bei diesem einen Start. Denn Günter Ziwey plagte das Fernweh.
Zwei Jahre zuvor war er vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zu einem Trainingslager in die Höhe von Flagstaff (2106 Meter) eingeladen worden – als Teil eines superstarken Nationalteams um Dieter Baumann, den späteren Olympiasieger, und Stephane Franke. Günter Ziwey fand nicht nur Gefallen an der Laufarbeit mit den Kollegen, ihn begeisterte vor allem auch die Landschaft. Die Sehnsucht nach dem Hochplateau in Arizona und dem Grand Canyon ließ ihn anschließend nicht mehr los. 1995 wanderte er aus – nach Flagstaff.
Kleines Blockhaus, großes Grundstück
Dort startete er nicht mehr in Turnschuhen durch, sondern beruflich. Er baute sich nun als Anwalt eine Karriere auf. Laufen blieb zwar wichtig, stand aber nicht mehr an erster Stelle. Knapp 30 Jahre später lebt Günter Ziwey („Ich habe mein Herz an Nordarizona verloren“) immer noch in Flagstaff. Er arbeitet in einer Kanzlei, wohnt mit seiner Lebensgefährtin in einem kleinen Blockhaus auf einem großen Grundstück. Er ist hochzufrieden mit seinem Leben – zu dem auch die Freude an der Bewegung gehört.
Günter Ziwey läuft immer noch drei- bis viermal pro Woche, im Winter auch auf Skiern. Ständig in der Natur unterwegs zu sein, dort auch Gleichgesinnte zu treffen, hat seine Integration erleichtert. Manchmal bestreitet der Auswanderer, der noch drei oder vier Jahre als Anwalt tätig sein will, auch Wettkämpfe. Auf der Straße, im Gelände oder am Berg, da ist er völlig flexibel. Und eventuell kommt ja irgendwann ein Rennen in der Stadt dazu, in deren sportlichen Annalen sich Günter Ziwey verewigt hat: „Ich habe sehr schöne Erinnerungen an damals. Es ist toll, dass der Stuttgart-Lauf sich so lange gehalten hat und immer noch eine attraktive Veranstaltung ist. Vielleicht schaffe ich es ja, dort noch einmal zu starten.“ Es wäre allerdings eine vorübergehende Rückkehr.
Seinen Lebensabend, da gibt es keine Zweifel, wird der sportliche Jurist in Flagstaff verbringen, unweit des Grand Canyon. „Klar schmerzt es manchmal, weit weg von der Heimat zu sein“, sagt er, „aber dann schaue ich hier in Arizona in Richtung Horizont – und weiß, dass ich am richtigen Platz bin.“