Wiesen, die nicht intensiv genutzt werden, sind selten geworden im Land. Foto: dpa

Ein guter Wegweiser für Artenschutz könnte die EU sein. Doch ihre Richtlinien werden nicht umgesetzt.

Stuttgart - Die Luftbilder vom bayerischen Spessart zeigen die Hölle auf Erden – für jeden Naturschützer zumindest: Wertvolle Buchenwälder, einfach kahlgeschlagen, über weite Strecken steht kein einziger Baum mehr, nur noch Boden ist zu sehen. Die Bilder hat die Umweltorganisation Greenpeace geschossen und auf ihre Internetseite gestellt (www.greenpeace.de). Vergleichbares ist in Baden-Württemberg kaum zu finden, und doch lassen sich Verbindungen knüpfen. Denn ein Großteil der fotografierten Waldflächen in Bayern zählen zum Netz der europäischen Natura-2000-Gebiete. Gebiete, in denen es auch in Baden-Württemberg nur mangelhaft mit dem Naturschutz vorangeht – wie eine Studie des Naturschutzbunds (Nabu) beweist.

Beispiel Grünland, also artenreiche Wiesen und Weiden, die zu den wichtigen Kulturlandschaften Europas gehören. Während der vergangenen fünf Jahre, so der Nabu, seien in Baden-Württemberg durchschnittlich 36 Prozent Grünland verloren gegangen – und das in eben diesen Natura-2000-Gebieten. Im Gebiet Blumberger Pforte und Mittlere Wutach im Schwarzwald seien es sogar 76 Prozent gewesen. Die Gründe? „Intensivierung, Beweidung und Umwandlung der Grünflächen in Ackerland“, heißt es in dem Bericht. „Wiesen und Weiden sind als Lebensraum für Uferschnepfe, Bekassine, Kiebitz und andere Wiesenbrüter unersetzlich“, sagt Nabu-Vogelexperte Hermann Hötker. So dürfe man sich nicht wundern, „dass die dort lebenden Wiesenvögel immer seltener werden“.

FFH-Richtlinie besteht seit 1992

Eigentlich hatte der EU-weite Schutz von bedrohten Arten und Lebensräumen einmal ganz einfach geklungen. Im Jahr 1992 verabschiedeten die EU-Mitgliedstaaten die rechtsverbindliche FFH-Richtlinie (FFH steht für Flora, Fauna, Habitat). Alle Staaten sollten innerhalb von drei Jahren eine Liste der wichtigsten Lebensräume abgeben für mehr als 1000 schutzbedürftige Tier- und Pflanzenarten. Doch erst Ende 1996 stellte Brüssel das Formular fertig, mit dem die Staaten die Gebiete melden konnten. Danach dauerte es noch mal mehrere Jahre, bis die Listen vorlagen, in Deutschland auch deshalb, weil die Bundesländer dafür zuständig waren. Nach Auskunft des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) ließ sich Baden-Württemberg bis 2005 Zeit. BUND-Landeschefin Brigitte Dahlbender kritisiert: Deshalb würden sich auch die sogenannten Managementpläne für die Natura-2000-Gebiete verzögern und könnten nicht wie gesetzlich vorgeschrieben bis 2018 fertig werden. In den Management-Plänen soll stehen, wie Naturschutz in den jeweiligen Gebieten konkret auszusehen hat. Dass zum Beispiel artenreiche Wiesen im Flachland nur wenig Dünger vertragen. Hinter dieser Verzögerung, so Dahlbender, „steckt die bedauerliche Unterbesetzung dieses Bereichs bei den Regierungspräsidien“. Denn die sind zuständig für die Management-Pläne.

20 Jahre besteht die europaweite FFH-Richtlinie nun schon. Ein Jubiläum, das Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne) vor allem für Lob nutzt und dabei eine „beeindruckende Flusslandschaft“ stellvertretend für die 300 Natura-2000-Gebiete im Südwesten hervorhebt: die Obere Donau. Dort werde deutlich, „wie Naturschutz, Landnutzung und Tourismus in einem magischen Dreieck voneinander profitieren“. Doch Bonde teilt die Kritik der Naturschutzverbände, wie er sagt: „Die Vorgängerregierung hat die Frage Natura-2000 in Baden-Württemberg schleifen lassen und ist die Umsetzung zu zögerlich angegangen.“ Nun werde vieles besser. So sei unter anderem der Naturschutzhaushalt der Landesregierung um 20 Prozent erhöht worden, an den Regierungspräsidien seien vier Stellen für Natura-2000-Beauftragte eingerichtet worden. Auch in Sachen Grünland will Bonde gegensteuern. So hat er Mitte vergangenen Jahres ein „Umwandlungsverbot für Dauergrünland“ erlassen. Demnach dürfen Landwirte bestehendes Grünland nicht einfach zu Ackerland machen – sehr zum Unmut der Landwirte. Denn Ackerland bringt finanziell gesehen mehr ein – vor allem durch eine großzügige Förderung der Bundesregierung.

Lebensräume von Tieren sollen besser vernetzt werden

Außerdem will Bonde die Lebensräume von wild lebenden Tieren im Südwesten besser vernetzen – mit Hilfe eines Biotopverbunds. Die Kommunen im Südwesten sollen dieses Konzept künftig beachten, wenn es an den Bau von Gewerbegebieten und Straßen geht. Rechtlich verbindlich ist das freilich nicht. Und doch zeigt es auf, was die Europäische Union schon längst erreichen wollte: die bessere Vernetzung von Tierarten und Lebensräumen.

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