Jubiläum reiht sich zurzeit an Jubiläum: Ende des 19. Jahrhunderts wurden im Kreis Esslingen auffällig viele Turn- und Sportvereine gegründet. Was bewegte die Menschen einst zum Sporttreiben? Das ist die Geschichte dahinter.
Es war die dritte Welle in der Turnbewegung, die in der Region Stuttgart dazu führte, dass innerhalb eines Jahrzehnts dutzende Sportvereine aus dem Boden sprossen. Darunter auch zahlreiche Klubs im Kreis Esslingen wie die TSG Esslingen, der TV Altbach, der TSV Neuhausen, die Wernauer Sportfreunde oder der TSV Deizisau; sie feiern allesamt in diesem Jahr ihr 125-jähriges Jubiläum. So erklärt es der Sporthistoriker Michael Krüger, der an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster lehrt, aber aus Württemberg stammt. Daher kennt er sich mit der Sportgeschichte der Region aus. Die Gegend spielte nämlich historisch eine wichtige Rolle in der deutschen Turnbewegung. Besonders deshalb, weil einer der wichtigsten Köpfe der Rechtsanwalt Theodor Georgii war – ein Esslinger.
In dieser dritten Welle, von der Michael Krüger spricht, formten sich immer mehr Freizeitvereine, die auch Sportarten wie Leichtathletik betrieben, oder den damals recht neuen Fußball. Sie schwappte kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts über Deutschland hinweg. Und nicht nur in Deizisau, Neuhausen und Wernau wurden damals Vereine gegründet. Auch die Turnerschaft Esslingen (Gründung 1890), die Turnvereine in Hegensberg und Liebersbronn (beide 1894), der TV Nellingen (1893) oder der TB Ruit (1892) formierten sich damals neu, um nur einige zu nennen. Doch was war der Grund dafür, dass eine breite Masse an Menschen plötzlich Sport treiben wollte?
Die Geburtsstunde des Schwäbische Turnerbundes
Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst etwas tiefer in die Geschichte des Turnens einsteigen. Wie Sporthistoriker Krüger erklärt, war die erste Welle im Jahr 1848. Es war die Zeit der deutschen Revolution, in der die Aufständischen nach Freiheit und Demokratie strebten. Damals gründeten sich erste Vereine, man schloss sich zusammen, oft aus politischen Gründen. „Angetrieben wurden die Turner 1848 vor allem von einem – dem Streben nach Freiheit: Freiheit der Gedanken, Freiheit im Tun und Freiheit, das eigene Leben zu gestalten“, sagte Alfons Hölzl, der Präsident des Deutschen Turnerbundes (DTB) beim Festakt zum 175-jährigen Jubiläum des DTB Anfang April in Frankfurt. Im gleichen Jahr war auch die Geburtsstunde des Schwäbischen Turnerbundes (STB). Gegründet wurde dieser am 1. Mai 1848 unter anderem von Theodor Georgii, der auch der Vorsitzende des DTB war – und zwar in Georgiis Heimatstadt Esslingen.
Die zweite Welle brauste um 1860 auf. Neben dem staatlichen Schulturnen, das eingeführt worden war, um die Jugend zu stärken, auch für das Militär, bildeten sich immer mehr bürgerliche Turnvereine. Auch hier spielte Georgii eine wesentliche Rolle. Beim ersten Turn- und Jugendfest im fränkischen Coburg, zu dem weit mehr als 1000 Turner in die Stadt strömten, war er einer der Gründer der Deutschen Turnerschaft (DT), dem Dachverband aller deutschen bürgerlichen Turnvereine.
Erstmals gab es so etwas wie Freizeit
Mit dem Freizeitsport kam dann die dritte Welle kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts. Gerade im Neckartal, wo viele Industriebetriebe entstanden waren, gründeten sich Arbeitersportvereine. „Körperliche Fitness und Stärke waren für die Menschen wichtig, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen“, erklärt Historiker Michael Krüger. Die Menschen hatten in den Fabriken körperlich anstrengende Arbeit zu verrichten. Im Gegensatz zu den Bauern hatten sie aber auch Feierabend und damit Freizeit. Um den Körper zu kräftigen und auch um die Freizeit auszufüllen, entstanden die Arbeitersportvereine. Und ja, zum ersten Mal tauchte in dieser Zeit auch der Begriff Sportverein auf, weil auch Spiele wie Fußball oder Leichtathletik betrieben wurden. Diese Klubs waren politisch linksgerichtet und sozialdemokratisch. Es war genau diese Entwicklung, die auch im Kreis Esslingen ankam und dazu führte, dass sich zahlreiche TVs und TSVs bildeten.
Damals wie heute sind Sportvereine enorm wichtig für die Gesellschaft. „Es sind Organisationen, die den Zusammenhalt in den Kommunen fördern“, sagt Krüger. Außerdem haben sie etwas Integratives. Denn wenn man zusammen Sport treibt, sollten Herkunft und Religion keine Rolle spielen. Auch politische Überzeugungen haben beim Sport keinen Platz mehr – das war vor 125 Jahren noch anders.