Im Juli feierte man Richtfest, jetzt herrscht neue Klarheit über die Gesamtkosten des Flugfeldklinikums. Foto: Archiv/Klinikverbund Südwest

Nachdem mehr als 75 Prozent aller Bauarbeiten vergeben sind, liegt eine neue Schätzung für die Gesamtkosten des Flugfeldklinikums vor: Das derzeit teuerste Krankenhaus-Projekt in Baden-Württemberg soll 750 Millionen Euro kosten. Das sind 130 Millionen Euro mehr als zuletzt geplant.

Am Dienstag ließ Landrat Bernhard die Bombe platzen: Das Budget für das Flugfeldklinikum soll nach derzeitigem Stand auf 750 Millionen Euro angehoben werden. Das sind 129 Millionen Euro mehr als zuletzt angenommen. Noch im Sommer war von einem Finanzierungsvolumen von 621 Millionen Euro die Rede, die für das größte Bauprojekt des Landkreises aufzubringen seien. Damals war allerdings schon klar, dass dieser Kostenrahmen aufgrund der gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten nicht zu halten sein würde. Im Herbst wollte man neue Zahlen präsentieren, da dann 75 Prozent aller Gewerke ausgeschrieben und auch vergeben seien – dieser Zeitpunkt ist jetzt gekommen.

 

Woher kommen die Mehrkosten? Landrat Roland Bernhard sagte im Kreistag: „Wir haben keine Kostensteigerungen zu verzeichnen, die durch Missmanagement verursacht sind.“ Bereits durch die Corona-Pandemie sei es in der Bauwirtschaft immer wieder zu Engpässen in der Lieferung und Beschaffung gekommen. Die Engpässe auf dem Rohstoff- und Materialmarkt hätten sich durch den Krieg in der Ukraine massiv verschärft: Preise für Energie, Metalle, Holz und erdölbasierte Baustoffe seien seitdem explodiert, sagte er.

Wie teilen sich die Kosten auf? Von den 129 Millionen Euro Mehrbedarf sind rund 69 Millionen Euro tatsächlich schon angefallen. Dies entstanden in den bereits vergebenen Gewerken Rohbau, Fassade, Heizung, Kälte, Lüftung, Sanitär sowie den medizinischen Großgeräten. Nähme man nur diese Summe, stünde bei den Gesamtkosten noch eine Sechs vorne. Doch der Landkreis antizipiert bereits jetzt weitere Steigerungen. Rund 60 Millionen Euro würden demnach noch für Baupreissteigerungen für zukünftig zu vergebende Leistungen eingepreist, so der Landrat. „Für diese wurde ein Szenario von 2,5 Prozent Baupreissteigerung je Quartal bis zum Ausführungsschwerpunkt im zweiten Quartal 2024 angenommen“, sagt Bernhard. Noch zu vergeben sind die Gebäudeautomation, Metallbau, medizinischer Festeinbau, lose Ausstattung, Schreinerarbeiten und Freianlagen.

Wie soll das finanziert werden? Der Landkreis will die 129 Millionen aus drei verschiedenen Töpfen aufbringen. Zum einen kann sich der Landkreis über 53 Millionen Euro an zusätzlicher Förderung vom Land Baden-Württemberg freuen. Die brachte Landesgesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) schon zum Richtfest am 14. Juli mit nach Böblingen. Hinzu kommen fünf Millionen für das Besucherparkhaus. Weitere 42 Millionen Euro will der Landkreis umwidmen aus dem Budget für die medizintechnische Ausstattung der bestehenden Kliniken. Das Geld soll dort nicht mehr investiert werden, sondern in den Neubau fließen. Die fehlenden 30 Millionen Euro finanziert der Kreis aus einem Bauspardarlehen, das er in weiser Voraussicht während der Nullzinsphase aus Rücklagen angelegt hatte, um keine Negativzinsen zahlen zu müssen. So sollen die 129 Millionen zusammenkommen. Von den Gesamtkosten in Höhe von 750 Millionen Euro schießt demnach das Land 284 Millionen Euro zu, 343 Millionen Euro stammen aus Darlehen, 94 Millionen Euro hat der Kreis über Jahre aus Eigenmitteln angespart und 30 Millionen kommen aus besagtem Bausparvertrag.

Was sagen die Kreisräte dazu? In der Sitzung des Verwaltungs- und Finanzausschusses gab es zwar allgemeines Zähneknirschen über die erneute Kostensteigerung bei dem Projekt. Doch die Bürgervertreter signalisierten durch die Bank ihre Zustimmung. Herrenbergs Oberbürgermeister Thomas Sprißler (Freie Wähler) sagte, es sei „eine dicke Kröte, die wir schlucken müssen. Sie kommt aber nicht von ungefähr und ist nachvollziehbar über die Entwicklung, die sich in den vergangenen zwei Jahren ergeben hat“. Ulrich Vonderheid (CDU) war von den Mehrkosten ebenfalls nicht überrascht: „Wer 415 Millionen Euro sagt, muss auch 750 Millionen Euro sagen.“ Roland Mundle (Grüne) erwartet, dass Flugfeldklinikum müsse „ein richtiger Motor werden, um die Defizite im Klinikverbund zu senken“. Tobias Brenner (SPD) sagte, „dass es jetzt so teuer wird, war uns nicht klar. Angesichts der Krisen kommt das aber nicht wie Schneeflocken im April vom Himmel“. Er sieht keine Alternative zum Weiterbauen des Klinikums. Der Meinung war auch Dieter Maurmaier (FDP), der sich dankbar zeigte, „dass die aktuellen Zinssteigerungen uns nicht treffen, da wir die Darlehen noch zur Niedrigzinsphase abgeschlossen haben“.

Welche Vorgeschichte hat das Projekt? Mitte Juli dieses Jahres feierte man auf der Baustelle Richtfest. Damals konnte oder wollte von Seiten den Landkreises und der Projektgesellschaft niemand neue Zahlen nennen, obschon klar war, dass die ursprüngliche Prognose überholt sein könnte. Stand Juli waren 621 Millionen des Krankenhaus-Neubaus finanziert. Das Geld wird nun nicht reichen, um den Bau wie geplant in den kommenden zwei Jahren fertigzustellen. Unklar ist auch, wie sich das derzeit heiß diskutierte neue medizinische Konzept auswirkt.

Denn im Verbund ist ein massives Defizit von bis zu 50 Millionen Euro aufgelaufen – im Jahr. Der neue Geschäftsführer Alexander Schmidtke plant daher, das Angebot im Herrenberger Krankenhaus deutlich zurückzufahren – und das Flugfeldklinikum zum Maximalversorger im Kreis zu machen. Auf dem Niveau einer Universitätsklinik sollen medizinische Disziplinen angeboten werden – inklusive einer Neurochirurgie. Nur war diese in den bisherigen Raumprogrammen des Klinikums gar nicht vorgesehen. Ein Faktum, der die Verantwortlichen bereits vor Fertigstellung umtreibt, wie Landrat Roland Bernhard auf seiner Rede am Richtfest einräumte.

Muss erweitert werden?

Womöglich muss die Großklinik also schon bald noch einmal erweitert werden, am südwestlichen Rand wurde von Anfang an ein Platz dafür freigehalten. Neben dem Landkreis muss womöglich auch das Land Baden-Württemberg noch einmal tiefer in die Tasche greifen. Landesgesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) brachte zum Richtfest im Juli einen weiteren dicken Scheck in Höhe von 53 Millionen Euro mit. Damit stieg die Beteiligung des Landes von zuvor 226 Millionen auf insgesamt 279 Millionen.

Nach der Fertigstellung des Klinikrohbaus im Juli ging es weiter mit dem Innenausbau. Den Sommer über wurden die Aufzüge eingebaut und der Hubschrauber-Landeplatz auf dem Dach fertiggestellt. So gut wie fertig ist das benachbarte Besucherparkhaus auf der Seite Richtung Innenstadt, es soll schon im Oktober dieses Jahres übergeben werden. Das benachbarte Verwaltungshochhaus feierte im Sommer ebenfalls Richtfest, dort sind die Arbeiter schon seit Monaten mit Fassade und Fenstern beschäftigt.