Klaus Hornung (links) und Thomas Sälzle (rechts), vorne eine Mischkanne. Darin wurde Öl und Benzin für die Zweitakter zusammengerührt. Foto: Michael Steinert

Wartburgs, Trabbis und MZs poliert gerade der Klub Zweitakter Süd auf. Im Juli feiert er den Mauerfall.

Denkendorf - Ist es Ostalgie, was die 48 Schrauber des Klubs Zweitakter Süd verbindet? „Es ist der Geruch des Wartburgs meine Onkels, der mich manchmal mitgenommen hat“, sagt Klaus Hornung. Es ist die Erinnerung an die Sachsenring-Kantine in Zwickau, neben der Roman Junghanns seine Polsterei betrieben hat. „Da hab ich immer gegessen“, sagt er, „bis sie in den Kartoffeln mal ’ne Maus mitgekocht haben. Dann brachte ich Brote mit.“

Im Hof einer kleinen Firma in Denkendorf haben ungefähr zehn Männer ihre automobilen Schätze geparkt. Wartburgs, Trabante, einen Barkas-Transporter, eine Simson-Schwalbe, ein MZ-Motorrad. Sie schmieren dort Lenkungen, reparieren die Elektrik, polieren Chromleisten und stehen sich gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite. Denn bald haben sie Großes vor. Vom 19. bis zum 21. Juli wollen sie in Denkendorf auf dem Sonnenhof-Gelände zum 30. Jahrestag des Mauerfalls ihre Ostfahrzeuge präsentieren. Dazu suchen sie noch Zeitzeugen jener Ereignisse.

Was, bitteschön, sind die Unterschiede zwischen einem Zwei- und einem Viertaktmotor? Auf der sinnlichen Ebene: Mehr Töff-töff, mehr Stink und mehr Spaß, würden die Zweitaktfans sagen. Spaß mit überdachten Rasenmähern würden wohl Apologeten der Viertakt-Philosophie entgegenhalten. In der DDR, wo es auf die Umwelt und die Höchstgeschwindigkeiten nicht so ankam, hatte der Zweitakter Vorteile: Er war leichter, billiger und einfacher herzustellen.

Aber nicht nur der Motor war einfacher. „Wollen Sie mal einsteigen?“, fragt der etwa 1.90 Meter große Hans-Jörgen Gebhardt, der seinen Trabant um mehr als Haupteslänge überragt. Und wie geht das? „Zuerst den Oberkörper rein, dann die Beine übereinander schlagen“. Gebhardt fährt einen Renntrabbi mit Ralleysitzen Baujahr 1961, der auf der Autobahn locker seine 100 Kilometer pro Stunde schaffen würde. Aber nur bei etwa Tempo 90 läuft der Zweizylinder-Motor so wunderbar ausgeglichen.

Die DDR-Fahrzeuge sind ein Horror für jeden Ökologen und eine Augenweide für jeden Puristen. Kurbelfenster? Wofür denn, wenn ein Schiebefenster mit Raste reicht? Der große Knopf da am Boden, der aussieht wie ein Türstopper? Das ist der Fußschalter für das Abblendlicht. In den Eingeweiden des quer durchs Auto laufenden Handschuhfachs sieht man dunkel ein paar Knöpfe, das sind Heizung und Choke.

Ähnlich simpel ist der Barkas-Transporter gestrickt. „Na, was braucht denn schon ein Auto? Vier Räder, die bis zum Boden reichen, einen Motor und ein Lenkrad. Die wissen doch heute gar nicht mehr, was sie noch alles einbauen sollen“, sagt Roman Junghanns. Er findet, dass ein Oldtimer nicht nur zum Anschauen da ist, und fährt noch heute seine Polstermöbel mit dem Barkas aus. Bei der Höchstgeschwindigkeit von etwa 85 Kilometern pro Stunde spricht er weniger vom Beschleunigen als vom Entschleunigen.

Die Schatten wandern im Hof der kleinen Fabrik in Denkendorf. Ein DDR-Holztrumm mit Antenne liefert Musik, die Männer treffen sich im Aufenthaltsraum. Auf dem Tisch liegen halbfertige Flyer für den großen Tag im Juli.

Thomas Sälzle treibt den Verein um, der vor fünf Jahren gegründet wurde. Der Ulmer ist Autodesigner und liebt die Konstruktion des Wartburg 353, seine Symmetrie, dieses Auto, dass die Aufbruchstimmung der 60er Jahre verkörpert mit seinen Bauhaus-Formen, die so leicht und billig herzustellen waren. Wenn er liebevoll seinen Wartburg betrachtet, merkt man, dass er sich manchmal diese automobile Unschuld wieder zurückwünscht.

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