Die britische Premierministerin Theresa May verkündet den baldigen Rücktritt vom Staats- und Parteiamt. Foto: Getty Images

Die britische Premierministerin verkündet nach drei Jahren im Amt den baldigen Rücktritt von Staats- und Parteiamt. Als Nachfolgerin von Theresa May gilt der Brexit-Hardliner Boris Johnson.

London - Ich habe mein Bestes gegeben.“ Mit diesem Satz hat Theresa May am Freitag in London nach wochenlangen Spekulationen den Schlussstrich unter ihre knapp dreijährige Amtszeit als britische Premierministerin gezogen. Die 62-Jährige will am 7. Juni zunächst als Vorsitzende ihrer konservativen Partei zurücktreten; bis Mitte Juli sollen dann deren Unterhaus-Abgeordnete sowie die Mitglieder über Mays Nachfolge in Partei- und Staatsamt entscheiden. Als Favorit gilt der frühere Außenminister Boris Johnson. Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn forderte sofortige Neuwahlen.

Kurz nach 10 Uhr trat May in einem roten Kleid ans Rednerpult vor ihrem Amtssitz in der Downing Street. Sie empfinde tiefes Bedauern darüber, dass der vom Volk beschlossene EU-Austritt nicht vollzogen sei, sagte die Premierministerin und räumte damit ihr Scheitern an der wichtigsten Aufgabe ihrer Amtszeit ein. Nachfolgerin oder Nachfolger müssten bewerkstelligen, was ihr selbst verwehrt geblieben sei: einen Konsens im Unterhaus zu finden über das beste Brexit-Vorgehen.

Nach zehn Minuten der Ansprache versagt May beinahe die Stimme

„Kompromiss ist kein schmutziges Wort“, zitierte die Regierungschefin einen verstorbenen Bürger ihres Wahlkreises Maidenhead, den Geschäftsmann Nicholas Winton, dessen Kindertransporte zur Rettung von mehr als 10 000 jüdischen Kindern und Jugendlichen aus Nazi-Deutschland beigetragen hatten. May mahnte die Parlamentarier und das zerstrittene Land: „Unser Leben hängt von Kompromiss ab.“ Zum Schluss ihrer zehn-minütigen Ansprache versagte der Premierministerin fast die Stimme, als sie von der „Ehre meines Lebens“ sprach, „dem Dienst an dem Land, das ich liebe“. Unter Tränen verschwand May hinter der schwarzen Tür mit der Nummer 10.

In London lobten konservative Parteifreunde Mays Ansprache als bewegend und würdig. Während Nachfolge-Kandidaten wie Sozialministerin Amber Rudd den „großen Mut“ oder wie Boris Johnson den „stoischen Dienst“ der Scheidenden würdigten, hielt sich die Opposition nicht lang mit Komplimenten auf. Die Ungerechtigkeiten im Land seien schlimmer als vor drei Jahren, kritisierte Labour-Chef Corbyn und betonte das Scheitern der konservativen Partei am EU-Austritt.

Nigel Farage warnt die Konservativen vor dem Aus

Einen Hinweis auf die Priorität der Brexit-Ultras lieferte die Reaktion von Nigel Farage, dessen neugegründete Brexit-Party die in Großbritannien bereits gestern absolvierte Europawahl gewonnen haben dürfte (die Ergebnisse werden erst Sonntag veröffentlicht). May habe die Stimmung im Land falsch eingeschätzt, behauptete der Befürworter des No Deal. Nach zwei pro-europäischen Chefs müssten die Torys nun einen Brexiteer wählen: „Sonst ist die Partei erledigt.“

Tatsächlich konzentrieren sich die Nachfolgeüberlegungen der 313 konservativen Fraktionsmitglieder auf jene Kandidaten, die im Referendum 2016 für den EU-Austritt geworben hatten. Der als Außenminister wegen eines von May geplanten Brexit-Kompromisses zurückgetretene Johnson, 54, hat in den letzten Monaten viele Abgeordnete umworben und so den Makel seiner gescheiterten Kandidatur vor drei Jahren ausgemerzt. Das Parteiverfahren sieht vor, dass die Unterhaus-Abgeordneten das Bewerberfeld in Abstimmungen auf zwei Kandidaten reduzieren, die dann den 120000 Parteimitgliedern zur Wahl gestellt werden.

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