Insgesamt rund 220 Einsatzkräfte aus Stuttgart, Weil der Stadt, Renningen, Böblingen, Sindelfingen, Gärtringen, Herrenberg waren zur Vergärungsanlage geeilt, um die Brände nach den nächtlichen Explosionen zu stoppen. Foto: factum/Jürgen Bach

Nach dem verheerenden Brand in der Vergärungsanlage für Biomüll in Warmbronn ist die Gefahr noch nicht völlig gebannt. Der Schaden wird auf 15 bis 20 Millionen Euro geschätzt.

Leonberg - „Wir hatten Riesenglück.“ Wolfgang Zimmermann, dem Leonberger Feuerwehrkommandanten, steht die Anspannung ins Gesicht geschrieben, die selbst nach zwölf Stunden im Einsatz nur langsam nachlässt. Im Hintergrund qualmen in den völlig zerstörten Hallen riesige Haufen Biomüll. Der Rauch steigt durch die eingestürzten Dächer gen Himmel oder wabert durch geborstene Fensterscheiben und Türen über das Gelände.

Die Lage ist soweit wie möglich unter Kontrolle, doch die Feuerwehr wird noch Tage mit den Folgen des riesigen Brandes in der Vergärungsanlage beschäftigt sein – hier wird der gesamte Biomüll des Landkreises verarbeitet. Was Zimmermann als Glück nennt, hängt mit der Explosion eines Gastankes in einer Halle zusammen. „Mit einem ohrenbetäubenden Knall ist ein 50 Meter hoher Feuerpilz in den Nachthimmel aufgestiegen. Einige Feuerwehrkameraden, die näher am Brand waren, hat die Druckwelle der Explosion zu Boden geworfen – glücklicherweise wurde niemand verletzt“, atmet der Feuerwehrkommandant erleichtert auf. Warum es in der Anlage gebrannt hat, ist noch nicht klar. Die Kripo ist eingeschaltet

Erst schien alles ganz harmlos

Eigentlich hat alles ganz harmlos begonnen. Gegen 2 Uhr kam eine Alarmmeldung „Feuerschein über dem Glemseck“ in der Notrufzentrale an. „Das ist eigentlich die niedrigste Alarmstufe“, sagt Feuerwehrchef Zimmermann. Doch wenig später gingen geballt zahlreiche Anrufe von Autofahrern ein, die das Feuer von der Autobahn aus sahen.

220 Rettungskräfte versuchten, die Flammen zu löschen. Foto: SDMG
Zunächst stehen die Einsatzkräfte vor dem verschlossenen Eisentor der Vergärungsanlage, die der Landkreis Böblingen auf der ehemaligen Leonberger Erddeponie betreibt. Kurzerhand wird das Tor aufgeflext, denn der gesamte Gebäudekomplex steht bereits über eine Länge von rund 200 Metern lichterloh in Flammen.

Auf dem Gelände ist der Strom ausgefallen. „Das könnte auch der Grund sein, warum die Brandmeldeanlage nicht ausgelöst wurde“, vermutet der Feuerwehrkommandant. Als die Feuerwehrleute dann den Einsatz starten, kommt es zu der Explosion. Doch das ist nur ein kleiner Tank gewesen, im Vergleich zu der riesigen Gaskugel, die auf der Rückseite der Hallen, neben dem Gärturm stand.

Stand, weil auch von der etwa acht Meter hohen Metallkugel nur noch verbogenes und geschmolzenes Metall übrig ist. Der Tank ist nicht explodiert, sondern das ausströmende Methan, das bei der Vergärung der Bioabfälle entsteht und in dem Tank gesammelt wurde, ist entwichen und hat das Metall zum Schmelzen gebracht. Hier lodern auch weiterhin meterhohe Flammen, denn in dem 25 Meter hohen Gärturm nebenan bildet sich weiterhin das brennbare Biogas.

„Das Ganze kann platzen“

„Wir haben eine provisorische Gasfackel“, erläutert der Leonberger Feuerwehrkommandant. „Wir suchen noch nach einem Weg, den Gasaustritt geregelt zu beenden.“ Einfach einen Gashahn abdrehen, das ginge nicht. „Das ist viel zu gefährlich. Das Ganze kann dann platzen.“ Die Notfackel soll auch verhindern, dass ein sogenannter Rückbrand auf den Gärturm übergreift und auch diesen zerstört.

Der Feuerball war weithin sichtbar. Foto: SDMG
Auf dem Gelände gibt es zwar einen Wasserspeicher mit 50 000 Liter Löschwasser für den Brandfall, doch das erwies sich schnell als zu wenig für eine solche Lage. „Auf so einen Brand kann man fast gar nicht vorbereitet sein – so ein Riesenfeuer hatten wir noch nie“, sagt Zimmermann im Rückblick. Die Lösung: Von den Feuerwehren der Landeshauptstadt und der Landkreise Ludwigsburg und Enzkreis wurden Großtanklöschfahrzeuge angefordert, die in einem Pendelverkehr Löschwasser ankarrten.

In den frühen Morgenstunden hatten nicht nur die Wehrleute aus Leonberg ganze Arbeit zu leisten. Insgesamt rund 220 Einsatzkräfte aus Stuttgart, Weil der Stadt, Renningen, Böblingen, Sindelfingen, Gärtringen, Herrenberg waren zur Vergärungsanlage geeilt, um die Brände nach den nächtlichen Explosionen zu stoppen. Der Rettungsdienst und 26 Helfer des Technischen Hilfswerks waren auch vor Ort. Die THW-ler haben eine Stromversorgung aufgebaut. Die Polizei war mit sechs Streifenbesatzungen und einem Hubschrauber vor Ort.

Türen und Fenster geschlossen lassen

Angesicht der Brisanz der Lage war auch der Bezirksbrandmeister Friedrich Lieb und der Kreisbrandmeister Thomas Frech vor Ort, der zusammen mit Zimmermann den Einsatz geleitet hat. Hinzugezogen wurde zudem die Feuerwehr aus Bad Waldsee, die Land einen Fachberater für Biogasanlagen hat. „Regelmäßig wurden auch Schadstoffmessungen vorgenommen, aber nichts Auffälliges festgestellt“, erläutert Zimmermann. Vorsorglich wurden trotzdem die Anwohner von Warmbronn und der Mahdentalsiedlung sowie die Bewohner von Stuttgart-Büsnau aufgefordert, Türen, Fenster und Lüftungsanlagen geschlossen zu halten. Verschiedene Straßen rund um die Vergärungsanlage und der Verkehrsübungsplatz am Leonberger Glemseck waren gesperrt, damit die Einsatzkräfte freie Bahn hatten. Und die Straße nach Warmbronn blieb das auch den ganzen Tag über.

Am Boden zerstört sind die Mitarbeiter der Vergärungsanlage. Still sehen sie sich immer wieder für kurze Zeit das Trümmerfeld an, bevor sie sich wieder ins Bürogebäude zurückziehen. „Unsere schöne neue Fotovoltaikanlage, die erst kürzlich auf den Hallen montiert wurde, ist einfach weggeschmolzen“, sagt einer.

Der Schaden wird auf 15 bis 20 Millionen Euro geschätzt. Foto: factum
Auch Wolfgang Bagin, der Werkleiter das Abfallwirtschaftsbetriebes (AWB) des Landkreises Böblingen, ist fassungslos. „Da ist ein Schaden zwischen 15 und 20 Millionen Euro entstanden“, schätzt er. Die Anlieferungshalle, die Halle für die Aufbereitung der Bioabfälle, die Halle mit dem Herzstück der Anlage, der Hauptrotte, sowie die Trockenanlage sind ein qualmender Trümmerhaufen. Die Motoren, in denen das Gas verbrannt wurde, und die Stromgeneratoren seien zum Glück intakt.

Auf der Suche nach einer Lösung

Wie geht es jetzt weiter? „Jetzt werden wir wohl Biomüll nach Kirchheim in den Kreis Esslingen fahren müssen, wo bisher die Gärreste aus der Leonberger Anlage entsorgt wurden. Danach muss eine tragbare Lösung gefunden werden“, sagt der AWB-Leiter. „Für die Bürger heißt es, dass der Biomüll wie im Abfallkalender vorgesehen, abgeholt wird – der Abfallwirtschaftsbetrieb wird sich um das Weitere kümmern“, erläutert Bagin.

„Das Wichtigste ist, dass niemand zu Schaden gekommen ist“, sagt der Leonberger Oberbürgermeister Martin Georg Cohn, der sich am Vormittag selbst ein Bild von der Lage gemacht hat. „Alle Einsatzkräfte haben hervorragende Arbeit geleistet“, ist der Rathauschef voll des Lobes für die vielen Helfer. „Alle haben einen höchst professionellen Umgang mit der Gefahrensituation bewiesen und noch größeren Schaden abgewendet“, so Martin Georg Cohn weiter.

Noch gut 100 Feuerwehrleute sind am Mittwochvormittag im Einsatz, um nach der nächtlichen Explosion in der Vergärungsanlage Leonberg Schlimmeres zu verhindern. Große Mengen an Biomasse wurden beseitigt, ein brennender Hackschnitzelberg Schaufel für Schaufel abgeräumt. Gegen 9 Uhr hatten die Einsatzkräfte das Feuer unter Kontrolle.

Wo ist der Gastank hin?

Notfall-Alarm ist um 5 Uhr morgens auch bei Gunther Kirn in Rottenburg-Hailfingen eingegangen. Die Firma, die Kanalreinigungen vornimmt, holt von Zeit zu Zeit Schlamm ab, der in der Vergärungsanlage anfällt. Doch nun wurde das 24 000 Liter fassende Tankfahrzeug der Firma anderweitig benötigt. Mehr als 100 000 Liter kontaminiertes Löschwasser sind bei der Brandbekämpfung angefallen und konnte in Zisternen aufgefangen werden.

Foto: privat
Dieses Wasser befördert Gunther Kirn nun direkt in die Leonberger Kläranlage im Glemstal. Und plötzlich traut er seinen Augen nicht, als er Ausschau nach einer Zisterne hält, die er gelegentlich auch ausgepumpt hat. „Wo um Himmelswillen ist der riesige Gasballon aus Stahl, neben dem der mein Lastwagen wie ein Spielzeug wirkte?“ Der ist in der höllischen Hitze des Brands weggeschmolzen.
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