Die Grippewelle strapaziert zunehmend die Kinderkliniken im Land: Ärzte des Olgahospitals am Klinikum Stuttgart vermelden einen Höchststand an Patienten in der Notaufnahme. Sie rufen insbesondere Eltern zu mehr Besonnenheit auf.
Die Betten im Olgahospital in der Landeshauptstadt sind voll belegt „Es fehlt nicht mehr viel – und wir sind am Anschlag“, sagt Axel Enninger, der Ärztliche Direktor der Allgemeinen und Speziellen Pädiatrie am Klinikum Stuttgart. Das betrifft vor allem auch die Notaufnahme des Kinderkrankenhauses: Werden normalerweise etwa 90 Patienten pro Tag notfallmäßig versorgt, so sind vor allem in der Zeit um Weihnachten und Neujahr 130 Kinder und Jugendliche in die Notaufnahme des Kinderkrankenhauses gekommen, um medizinische Hilfe zu erhalten.
Aktuell überrollen gleich mehrere Krankheitswellen Kinder und Erwachsene im Land. Überdurchschnittlich viele Kinder infizieren sich gerade mit dem Influenza-Virus, aber auch mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus, kurz RSV, und mit Rhinoviren, erklärt der Kinderarzt Enninger. Gleichzeitig gibt es viele krankheitsbedingte Ausfälle beim Pflegepersonal, weswegen weniger Betten in der Kinderklinik frei sind.
Nur „echte Notfälle“ gehören in die Notaufnahme
„Wir müssen daher bei der Versorgung streng darauf achten, dass wirklich nur echte Notfälle behandelt werden“, sagt Enninger. Damit sind Kinder gemeint, denen es akut sehr schlecht geht, die beispielsweise Fieber in den ersten acht Lebenswochen haben oder unter einer ausgeprägten Atemnot leiden, zunehmend schläfrig sind oder eine auffallend blasse oder bläuliche Haut haben.
Um die medizinische Hilfe für solche Fälle zu gewährleisten und eine Überfüllung der Notaufnahmen in Kinderkliniken wie dem Olgahospital zu vermeiden, rufen nicht nur Krankenhäuser, sondern auch niedergelassene Kinder- und Jugendärzte sowie die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) und das Gesundheitsamt Stuttgart dazu auf, mit kranken Kindern erst beim Kinder- und Jugendarzt vorstellig zu werden: „Auch wenn die Kinder- und Jugendarztpraxen in der Infektzeit stark ausgelastet sind, sind sie die erste Anlaufstelle, wenn Kinder krank sind und Eltern eine ärztliche Vorstellung für notwendig erachten“, heißt es in einem offiziellen Schreiben.
Hier finden Eltern auch außerhalb der Praxiszeiten Hilfe
Sollte ein Kinder- und Jugendarzt außerhalb der normalen Sprechzeiten nicht erreichbar sein – etwa wegen Urlaub –, werden Eltern gebeten, sich nur an die namentlich genannten Vertreterpraxen zu wenden. Auch gibt es eine Notfallpraxis der niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte (Noki) im Olgahospital des Klinikums Stuttgart, die wochentags abends und tagsüber auch am Wochenende erreichbar ist.
Grundsätzlich aber sind kranke Kinder zu dieser Jahreszeit eher der Normalfall denn eine Naturkatastrophe. Im Kindergartenalter sind bis zu 15 Infekte im Jahr die Regel. Experten wie der Klinikarzt Enninger raten Eltern daher zu Geduld und Besonnenheit: „Bei Symptomen wie Fieber und Husten reicht es für gewöhnlich, das Kind zu Hause zu lassen, damit es den Infekt auskurieren kann.“ In dieser Zeit können Eltern ihrem Nachwuchs mit einfachen Mitteln helfen: Ein ruhiger Tagesablauf wäre da beispielsweise wichtig, ebenso das Kind immer wieder zum Trinken zu animieren. Um die Schleimhäute nicht mit trockener Heizungsluft zu strapazieren, ist es auch sinnvoll, die Wohnung regelmäßig zu lüften. Und sind die Hustenanfälle im Liegen besonders stark, hilft es, das Kind etwas erhöht schlafen zu lassen. Meist verschwinden die Erkältungssymptome dann nach ein paar Tagen schließlich von selbst.
Diese Hausmittel helfen kranken Kindern
Ob es sinnvoll ist, auch Kinder und Jugendliche gegen das Influenza-Virus zu impfen, sind sich Experten uneins: So empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert Koch Instituts eine Immunisierung nur Kindern mit Vorerkrankungen. „Die meist niedrige Wirksamkeit der Influenza-Impfung bei Kindern zum Beispiel im Vergleich zur Pneumokokken-Impfung ist für die Etablierung eines allgemeinen Impfprogramms unbefriedigend“, sagt Fred Zepp, Kinder- und Jugendarzt und Mitglied der Stiko. Würden 90 Prozent der Kinder geimpft werden, wäre trotzdem bei zwei von drei Kindern das Auftreten einer Influenza möglich.
Andere Experten – so auch Ärzte vom Klinikum Stuttgart – befürworten dagegen die Haltung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die allen Kindern von null bis sechs Jahren eine Impfung nahelegt: Diese sind eine wichtige Risikogruppe für die echte Virusgrippe, sagt Markus Rose, Ärztlicher Leiter des Bereichs Pädiatrische Pneumologie, Allergologie und CF am Olgahospital. „Kinder spielen zudem eine erhebliche Rolle bei der Übertragung der Viren, deutlich mehr als bei Sars-CoV-2, und können ungeimpft eine Gefahr für abwehrschwache Kontaktpersonen darstellen.“
Grundsätzlich hapert es im Land an der Impfbereitschaft: So vermeldet die Techniker-Krankenkasse (TK) Baden-Württemberg, dass sich in der vergangenen Grippesaison 2022/2023 hierzulande nur 30 Prozent der TK-Versicherten über 60 Jahre gegen Grippe haben impfen lassen. „Bundesweit ist das die niedrigste Quote bei der Grippeimpfung. Selbst der 2020 erreichte Rekordwert von 35,6 Prozent im Land war immer noch deutlich niedriger als der letztjährige Bundesschnitt“, sagt Nadia Mussa, die Leiterin der TK-Landesvertretung Baden-Württemberg. „Es ist wichtig zu wissen, dass eine Schutzimpfung gegen Influenza auch jetzt noch sinnvoll sein kann und besonders für Risikogruppen empfohlen wird.“
Eine Impfung könne zwar keinen hundertprozentigen Schutz gewährleisten. Allerdings verliefen Influenzaerkrankungen bei geimpften Personen in der Regel milder als bei Ungeimpften.