Der Beschluss, Wände für Graffiti freizugeben, entspringt auch einer Art Notwehr – besprüht werden sie ohnehin. Foto: factum/Bach

Die Stadt hat ein schlichtes Konzept für Graffiti erarbeitet: Was bisher verboten war, soll künftig erlaubt sein. Auch Böblingen und Sindelfingen bemühen sich, Sprayer aus der Illegalität zu holen.

Herrenberg - Die jüngsten Fälle im Landkreis stammen aus Weissach: Am 3. November haben Unbekannte eine Sporthalle besprüht, drei Tage später einen Kindergarten. So meldete es die Polizei. Graffiti-Sprayer werden wegen Sachbeschädigung verfolgt. Zumindest für die Hauseigentümer ist die Farbe an der Wand nicht nur ein Ärgernis, sondern teuer. Auf rund 2500 Euro schätzte die Polizei den Schaden in diesen beiden Fällen.

Was jugendlichen Sprayern wohl nicht immer bewusst ist. Zumindest haben sie eine andere Sicht auf Graffiti. Sie empfinden die Bilder als Verschönerung von kahlen Wänden im Stadtbild. Dies haben diverse Treffen zum Thema in Herrenberg ergeben. Graffiti sei ein kreatives Hobby und könne letztlich sogar den Tourismus fördern. So ist es in einem Argumentationspapier nachzulesen, das die Stadt nunmehr in ein Konzept gegossen hat. Der Gemeinderat hat das Vorhaben genehmigt, letztlich auch in einer Art Notwehr, denn „in Herrenberg nimmt die Zahl der gesprayten Flächen immer mehr zu“. So ist es gleich im ersten Satz des Papiers zu lesen.

Was bisher eine Straftat war, soll künftig legal sein

Die Grundlage des Konzepts ist schlicht. Was bisher eine Straftat war, soll künftig legal sein. Erlaubte Flächen sind künftig Wände, die schon in der Vergangenheit regelmäßig besprüht worden sind. Die seither dort als Verschandelung empfundenen Werke gelten künftig als Verschönerung.

Um dies sicher zu stellen, hat ein eigens gegründeter Arbeitskreis eine ganze Reihe von Bedingungen für die Sprayer erarbeitet. Sie müssen sich bewerben, samt Skizzen der Werke, die sie an die Wände bringen wollen. Eine sechsköpfige Jury entscheidet über die Einreichungen. Verboten sind gewalt-, drogenverherrlichende, rechtsradikale oder pornografische Inhalte, außerdem Beleidigungen und Beschimpfungen. Wer sie auf kaltem Wege trotzdem sprüht, ist für die Entfernung haftbar. In regelmäßigem Turnus sollen die Bilder wechseln. Gedacht ist an alle zwei Monate. Mit dem Plan ist sogar die Hoffnung verbunden, dass sich private Auftraggeber begeistern. Wer sich eine bunte Wand wünscht, dem vermittelt der Herrenberger Graffitibeauftragte einen Sprayer.

Das Problem ist nicht neu, samt dem Versuch einer Lösung

Selbstredend ist weder das Problem neu, noch der Versuch einer Lösung. In Böblingen sind Graffiti „eher ein Hintergrundrauschen“, sagt der städtische Jugendreferent Frank Kienzler. „Eine problematische Szene gibt es nicht.“ Dennoch hat die Stadt Betonwände aufstellen lassen, an denen Sprayer sich austoben können. Sie stehen auf einer Skateranlage. Damit die Werke eher künstlerisch als kakofonisch wirken, bietet das Jugendreferat Workshops an. Jugendliche durften mehrere Unterführungen besprühen und zuletzt Stromverteilerkästen. Dies aus dem gleichen Grundgedanken heraus wie in Herrenberg. „Die wurden eh immer beschmiert“, sagt Kienzler. Verbunden ist mit solchen Projekten stets die Hoffnung auf Besserung – sofern die Werke gefallen, werden sie nicht verschandelt.

In Sindelfingen hat die Stadt gar eine Unterführung zur „Hall of fame“ erklärt. Sie ist bedingungslos zum Besprühen freigegeben. Der Oberbürgermeister Bernd Vöhringer eröffnete sie mit offiziellem Akt. „Das wird auch rege genutzt“, sagt die Pressesprecherin der Stadt, Nadine Izquierdo, „leider besprühen die Jugendlichen ab und an auch die Lampen“. Was zur Folge hat, dass weder der Weg noch die Werke mehr erkennbar sind. Ansonsten können Sprayer sich bei punktuellen Aktionen versuchen, vorwiegend an Bauzäunen.

Im vergangenen Jahr reifte eine Zeit lang sogar der Plan, den Boden der gesamten Fußgängerzone Untere Vorstadt besprühen zu lassen. Der Stuttgarter Graffitikünstler Jeroo alias Christoph Ganter hatte ein Konzept erarbeitet. Letztlich scheiterte das Vorhaben am Praktischen: keine Farbe hält der Dauerbelastung stand.

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