Das Goldene Buch des Landkreises Esslingen ist ein Dokument der Zeitgeschichte. Es wurde Mitte der 1970er-Jahre eingeführt. Seither haben sich zahlreiche Ehrengäste in den ersten und bislang einzigen Band eingetragen.
Das Gästebuch des Landkreises Esslingen muss streckenweise auf einem Rollwagen zu Festveranstaltungen transportiert werden. Mit knapp 30 Kilogramm Gewicht und einem halben Meter Länge lässt es sich anders kaum bewegen – zumal es zu seinem Schutz in einen unhandlichen Holzkoffer gebettet ist. „Den haben Schülerinnen und Schüler der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen vor ein paar Jahren extra angefertigt“ erzählt Sarah Panten, während sie behutsam und mit Handschuhen bekleidet den mächtigen Wälzer heraus nimmt. Die Mitarbeiterin der Esslinger Kreisverwaltung ist so etwas wie die „Hüterin“ des Goldenen Buches.
Wappen ziert den Einband
Das entgegen dem Wortsinn gar nicht golden ist: Der Einband besteht aus beigefarbenem Ziegenleder. Allerdings wurde die Verzierung auf der Vorderseite mit reichlich Blattgold gestaltet. Es zeigt das Wappen des Landkreises Esslingen, das zum 1. Januar 1973 im Zuge der Kreisgebietsreform entstand: Der Reichsadler steht für den alten Kreis Esslingen, insbesondere für das Gebiet der ehemaligen freien Reichsstadt. Die Rauten der Herzöge von Teck und das goldene Hifthorn der Herren von Neuffen symbolisieren den ehemaligen Landkreis Nürtingen.
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Um 1900 herum haben viele deutsche Städte damit begonnen, als Teil der protokollarischen Ehren kunstvoll gestaltete Gästebücher zu führen, in denen sich prominente Besucher mit Grußworten und Unterschriften verewigten. Auch der neu gegründete Landkreis Esslingen ließ eigens einen gut zehn Zentimeter dicken Folianten in aufwendiger Handarbeit fertigen. „Es stammt vom Nürtinger Buchkünstler Gotthilf Kurz“, hat Sarah Panten von Kreisarchivar Manfred Waßner erfahren. Kurz (1923-2010) galt als einer der Großen in seinem Metier in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der erste Eintrag im Goldenen Buch ließ jedoch einige Jahre auf sich warten: Auf die Eröffnungsseite aus festem, handgeschöpftem Papier setzten die Gäste der feierlichen Einweihung des Kreisverwaltungsgebäudes in Esslingen am 24. Februar 1978 ihre Unterschriften. Es folgte der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel, der am 9. Juni 1978 das 125-jährige Jubiläum des Deutschen Feuerwehrverbandes in Plochingen besuchte. Auch der spätere Amtsinhaber Johannes Rau trug sich ins Gästebuch des Landkreises ein – als Ehrengast des Deutschen Trachtenfestes 2002 in Wendlingen.
Langes Warten auf ersten Eintrag
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„In erster Linie hat sich politische Prominenz verewigt“, stellt Sarah Panten beim Durchblättern fest. Die baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth, Erwin Teufel, Günther H. Oettinger und Winfried Kretschmann hinterließen ihre Signaturen, ebenso zahlreiche frühere Minister der Landesregierungen wie Harald B. Schäfer, Thomas Schäuble, Annette Schavan, Ernst Pfister, Brigitte Unger-Soyka und Susanne Eisenmann, zudem die Regierungspräsidenten Thomas Schmalzl und Susanne Bay. Gekrönte Häupter, Staatschefs, Olympiasieger oder Musiklegenden sucht man indes vergebens. „Die besuchen eher die Landeshauptstadt Stuttgart“, lautet Sarah Pantens Begründung dafür.
Erinnerungen an besondere Ereignisse
Darin unterscheidet sich das Goldene Buch des Landkreises Esslingen von den Gästebüchern vieler Städte: Es ist kein „who is who“, sondern vielmehr eine Chronik, in der besondere Ereignisse festgehalten wurden – samt Unterschriften der Anwesenden: die Eröffnung des Naturschutzgebiets Schopflocher Alb am 21. April 1984 zum Beispiel, die Einweihung des Freilichtmuseums Beuren am 12. Mai 1995 oder das Künstlerfest für Günther Wirth am 10. Oktober 2010, das der Kreis für ihn als „Dank für 35 Jahre aktive Mitarbeit und Unterstützung bei der Kunstförderung“ ausrichtete. Erinnert wird ebenso an die Besuche von Delegationen aus der israelischen Partnerstadt Givatayim und dem polnischen Partner-Landkreis Pruszkow sowie an diverse Einbürgerungsfeiern.
„Die Gäste solcher besonderen Anlässe sind immer sehr stolz, sich hier eintragen zu dürfen“, erzählt Sarah Panten, die für die Pflege des Goldenen Buches zuständig ist – und der Unterzeichnung stets mit wachsamen Augen beiwohnt. Sie blättert die Seiten um, sie sorgt für Füller oder Stifte, die nicht schmieren – „die werden vorher natürlich ausprobiert“. Wer sich ins Goldene Buch eintragen darf, entscheidet die Kreisverwaltung. „Es gibt keine protokollarische Richtlinie, wie prominent jemand sein muss“, erläutert Sarah Panten. Auch keine Vorschriften, was reingeschrieben werden darf – so finden sich teilweise persönliche Widmungen, häufig aber auch nur schlicht eine Unterschrift unter dem vorbereiteten Text.
Es gibt keine protokollarischen Richtlinien
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Der Gestalter der Seiten ist seit vielen Jahren der Stuttgarter Kalligraf Michael Kern. Mit Metallfeder und viel Geschick hält er den Anlass in kunstvoller Schönschrift auf dem Papier fest, der Name des Gastes prangt dort in roten Lettern. Eine Seite jedoch unterschiedet sich vom üblichen Design: Den Eintrag zur letzten Sitzung des Kreistages am 7. April 2022 ziert eine Zeichnung des alten Esslinger Landratsamtes. „Zur Einweihung des Neubaus in ein paar Jahren soll es dann wieder eine Zeichnung geben“, plant Sarah Panten. Für diesen Anlass gibt es noch reichlich Platz in dem erst zur Hälfte gefüllten Goldenen Buch. Bislang ist der Landkreis Esslingen mit einem einzigen Exemplar ausgekommen.
Goldenes Buch
Begriff
Ein Goldenes Buch ist ein in Gemeinden, Städten und Landkreisen verwendetes Buch, in dem sich Ehrengäste während eines Besuchs eintragen dürfen. Die Bezeichnung spielt an auf die goldenen Verzierungen auf dem Ledereinband oder den Goldschnitt der Seiten.
Inhalt
Die Einträge der Gäste werden in der Regel von Kalligrafen gestaltet, indem diese den Namen des Gastes, das Datum und den Umstand des Besuchs vorschreiben. In vielen Kommunen gibt es Richtlinien, wer sich ins Goldene Buch eintragen darf – in der Regel sind es Personen, die sich in besonderer Weise verdient gemacht haben.
Geschichte
Ihren Ursprung haben Goldene Bücher im mittelalterlichen Italien: Damals gab es in vielen Städten ein Adelsregister, das als Goldenes Buch (Libro d’Oro) bezeichnet wurde.