On the Road again: Frances McDormand in „Nomadland“ Foto: imago//Fox Searchlight Pictures

Das Armutsdrama „Nomadland“ und der „Borat“-Nachschlag triumphieren bei den 78. Golden Globes – die einige Hinweise gebracht haben, wie die Zeiten sich ändern.

Stuttgart - Die Zeiten ändern sich langsam, aber sie ändern sich. Bei den 78. Golden Globes wurde „Nomadland“ zum besten Filmdrama gekürt. Es ist die Geschichte einer arbeitslosen Witwe (Frances McDormand), die in der Not als moderne Nomadin im Wohnwagen durch die USA zieht und sich mit prekären Jobs über Wasser hält. Chloe Zhao wurde auch für die beste Regie ausgezeichnet – erst als zweite Frau in dieser Kategorie nach Barbra Streisands Triumph mit „Yentl“ im Jahr 1984. Erstmals war mehr als eine Frau nominiert, neben Zhao Regina King mit „One Night in Miami“ und Emerald Fennell mit „Promising Young Woman“. Sie mache Filme, sagte Zhao, wie alle anderen Nominierten per Video zugeschaltet, „weil sie uns die Gelegenheit geben, voneinander zu lernen und mehr Mitgefühl füreinander zu entwickeln“.

 

Es war also eine Verleihung der Frauen – aber auch eine der Kunstfreiheit. Der britische Komödiant Sacha Baron Cohen hält in seiner Satire „Borat subsequent Moviefilm“ den USA ein zweites Mal als Pseudo-Kasache den Spiegel vor. Es gab eine Kontroverse um einen kompromittierenden Auftritt des Trump-Anwalts Rudy Giuliani – und nun Golden Globes für die beste Filmkomödie und den Hauptdarsteller. „Donald Trump zweifelt das Ergebnis an“, sagte Cohen per Video über den Mann, der ihn im Wahlkampf 2020 als „unfunny Creep“ („unlustigen Widerling“) bezeichnete.

Wenig Glamour, viel Witz

Die Zeremonie war pandemiebedingt weniger glamourös als sonst. Die Komödiantinnen Tina Fey und Amy Poehler moderierten sie nach 2013 bis 2015 zum vierten Mal, Poehler vor Ort in Los Angeles vor winzigem Publikum, Fey zugeschaltet aus New York. Und wenn nicht ihre Arme in die Trennlinie des geteilten Bildschirms gerieten, konnte man fast glauben, sie spielten sich im selben Raum die Bälle zu. Diesmal sei es schwierig, Film und Fernsehen auseinanderzuhalten, sagte Poehler: „Die Kinos waren geschlossen, und wir haben alles auf unseren Telefonen angeschaut.“ Unter Anspielung auf die Suchtwirkung von Serien witzelte sie: „Fernsehen ist das, was ich fünf Stunden am Stück anschaue, ein Film ist das, was ich nicht einschalte, weil es zwei Stunden dauert.“

Zu den Gewinnern des Abends gehörte Netflix mit 42 Nominierungen und 10 Siegen – vorwiegend im angestammten Territorium. „The Crown“ wurde zur besten Dramaserie gekürt und bekam drei Darstellerpreise für Emma Corrin (Prinzessin Diana), Josh O’Connor (Prinz Charles) und Gillian Anderson (Margaret Thatcher). Die Trophäe für die beste Miniserie ging an „Queen’s Gambit“, der Darstellerpreis an Anya Taylor-Joy als weibliches Schachgenie Beth Harmon.

Die deutschen Nominierten sind leer ausgegangen

Ohne Auszeichnung blieb ergo die Regisseurin Maria Schrader mit ihrer Miniserie „Unorthodox“. Auch die andere deutsche Hoffnung erfüllte sich nicht: Den Preis für die beste Spielfilmnebendarstellerin bekam nicht Helena Zengel („Neues aus der Welt“), sondern Jodie Foster („The Mauretanian“).

Weniger erfolgreich war Netflix beim Spielfilm. Das Drama „Mank“ über den „Citizen Kane“-Autoren Herman Mankiewicz, sechsmal nominiert, ging leer aus. Immerhin bekam Aaron Sorkin den Drehbuchpreis für sein Gerichtsdrama „Trial of the Chicago 7“ und Chadwick Boseman den Preis als Bluestrompeter in „Ma Rainey’s black Bottom“. Die befürchtete neue Netflix-Dominanz blieb aber aus – und die Globes gelten als Indikator für die Oscars.

Mangelnde Vielfalt und Lustreisen

Überschattet wurde die Verleihung von einem Eklat. Die L. A. Times enthüllte, dass der Verband der Auslandspresse in Hollywood (Hollywood Foreign Press Association, HFPA), der die Globes vergibt, keine schwarzen Mitglieder hat. Zudem soll eine spendierte Luxusreise zum Dreh der Komödienserie „Emily in Paris“ zu deren Nominierung geführt haben. Komplett ignoriert wurde dagegen die viel gelobte HBO-Serie „I may destroy you“ der schwarzen Britin Michaela Coel über die Folgen einer Vergewaltigung. Poehler und Fey wurden deutlich: „Alle sind erschüttert über die HFPA und ihre Auswahl“, sagte Poehler. „Viel glitzernder Müll“ sei nominiert. Und Fey mahnte, Preisverleihungen seien zwar „Blödsinn, aber selbst bei Blödsinn ist Inklusivität wichtig“.

Immerhin gewannen Schwarze Preise, neben Boseman John Boyega („Small Axe“), Daniel Kaluuya („Judas and the black Messiah“) und Andra Day („The United States vs. Billie Holiday“). Als bester Animationsfilm wurde „Soul“ ausgezeichnet, die Story eines schwarzen Musikers, der versucht, den Tod auszutricksen.

Die Britin Rosamund Pike bekam zu Recht einen Globe für ihre Hauptrolle in „I care a lot“. Ihre Figur erschwindelt sich Vormundschaften, schiebt Senioren ins Heim ab und reißt sich ihr Hab und Gut unter den Nagel. Auch sie steht für eine Zeitenwende: „Um es in diesem Land zu schaffen, muss man mutig und dumm und rücksichtslos und fokussiert sein“, sagt sie im Film, „denn wenn man fair spielt und Angst hat, kommt man nirgends hin.“ Das klingt wie aus einer Rede von ... Sie wissen schon, wem.