Götz Alsmann: „Als Sammler sage ich: Jeder soll sich glücklich schätzen, wenn er diese Platte hat, und wenn er sie im Original hat, so wie ich, reicht das für eine mittelprächtige Erektion.“  Foto: Jens Buch

Götz Alsmann spricht über seine Plattensammlung, über den „Geheimen Garten des Jazz“ und über den WDR.

Stuttgart - Seit über zweieinhalb Jahrzehnten macht Götz Alsmann Radiosendungen, bei denen er ausschließlich Musik aus seinem Schallarchiv spielt. Im Interview erzählt der Entertainer, Musiker und Moderator, was den Sammler vom Hörer unterscheidet und wie er sich in seiner Sammlung zurechtfindet.

 

Herr Alsmann, was war die erste Schallplatte, die Sie sich gekauft haben?

Die erste Single, die ich mir gekauft habe, war „Lady Madonna“ von den Beatles. Da war ich elf.

War das schon der Beginn Ihrer Sammelleidenschaft?

Zwischen meinem elften und 15. Lebensjahr hatte die Anhäufung von Platten, die mir gefallen haben, noch nichts mit Sammeln zu tun. Was Schallplattensammeln heißt, habe ich erst begriffen, als ich mit 15 Anschluss an ein paar Musiker, ältere Kollegen, gefunden habe, in deren Band ich mitspielte und mit denen ich auch meine ersten Platten gemacht habe. Darunter befand sich ein richtiger Sammler, der den Ehrgeiz entwickelt hatte, alle Skiffle-Platten zu besitzen, die es gibt. Mittlerweile – wir sind immer noch befreundet – nähert er sich den 80, und er hat immer noch nicht alle.

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Und der gab den Anstoß zum Sammeln?

Bei ihm habe ich gesehen, was es bedeutet, mit Listen zu arbeiten, Kontakte zu internationalen Händlern aufzubauen, Diskografien zu erstellen, alte Musikzeitschriften nach Anzeigen zu durchforsten. Da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben verstanden, was es heißt, Platten zu sammeln. Außerdem habe ich gelernt, dass jemand, der Schallplatten sammelt, nichts mit jemandem zu tun hat, der sich Platten kauft, um ein bisschen Musik zu hören. Wer sich eine Briefmarke kauft, um eine Postkarte zu verschicken, wird ja auch nicht automatisch zum Briefmarkensammler.

Irgendwo steht zu lesen, Ihre Sammlung sei „legendär“.

Der Ausdruck stammt nicht von mir. Legendär ist auch kein Ausdruck von Größe, sondern von Qualität – oder davon, dass Menschen, die die Sammlung gesehen haben, sehr beeindruckt waren.

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Wie groß ist sie denn?

Es ist eine Zahl irgendwo im fünfstelligen Bereich.

Wie finden Sie sich da zurecht?

Ich sortiere nach drei verschiedenen Systemen. Einmal geht es nach Medium: Es gibt ja 45er-, 33er- und 78er-Platten. Die sind in sich schon verschieden strukturiert, deshalb kann man sie nicht nach den gleichen Prinzipien anordnen. Das Problem bei Schellackplatten ist, dass sie oft verschiedene Interpreten auf Seite A und Seite B haben. Platten, die wir heute als Hervorbringung einer Gesangssolistin oder eines Gesangssolisten empfinden, waren früher eher die Platten eines Orchesterchefs. Da konnte ganz groß „Harry James Orchestra“ stehen und ganz klein „Frank Sinatra“. Oder „Werner Müller“ und ganz klein „Bully Buhlan“ darunter. Heute verstehen wir das als Platte von Bully Buhlan, aber dann ist auf der zweiten Seite eine Instrumentalnummer von Werner Müller. Wo sortiere ich das ein? Deshalb habe ich bei Schellackplatten etwas gemacht, was für mich eher untypisch ist: eine Excel-Tabelle mit Sparten wie „Orchester“ und „Gesangssolist“.

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Und die Langspielplatten?

Da ist es ein bisschen einfacher; die habe ich durchnummeriert wie in einer Bibliothek. Es gibt fünf grobe Stilrichtungen, innerhalb derer ich nach Alphabet sortiere, und für die Sampler – die gab es ja auch schon in den 1950er Jahren – habe ich eine eigene Rubrik. Da muss ich halt versuchen, mithilfe meines oh so phänomenalen fotografischen Gedächtnisses durchzusteigen.

Wissen Sie, was Sie alles besitzen?

Ich weiß eine Menge, bin aber auch manchmal überrascht. Wenn ich für meine wöchentlichen Sendungen – das mache ich seit 1986 – mein Archiv durchsuche, stolpere ich auch über Sachen, die ich komplett vergessen habe. Etwa über Interpreten, die mich vielleicht vor 30 Jahren irrsinnig fasziniert haben. Da tauche ich dann ein, stelle zu meiner Verblüffung fest, wie viel ich von diesem Interpreten habe, und bin hocherfreut, weil das eine neue Sendung ergibt.

Wie sind Sie auf John Plonsky gekommen, den Sie zum Auftakt Ihres neuen Formats „Der geheime Garten des Jazz“ vorgestellt haben?

Es gibt in Belgien eine eigenartige Tanz-, Soul-, Rock ’n’ Roll-, Latin-Szene, die Popcorn-Musik. Daraus hat sich eine eigene Sound-Auffassung, eben Popcorn, entwickelt. Auf einem mäßig legal hergestellten Popcorn-Sampler fand ich das Stück „Blonde Caboose“, von dem ich völlig baff war – das war John Plonsky. Dann habe ich zehn Jahre gebraucht, bis mir jemand gesagt hat, da gibt es etwas, das heißt Discogs; ich bin ja immer der Letzte, der solche technischen Dinge erfährt. Dort habe ich die Platte überhaupt erstmals gesehen, und dann hat es noch Jahre gedauert, bis jemand dieses Album tatsächlich angeboten hat. Das habe ich dann gekauft, für einen exorbitanten Preis und ohne groß zu verhandeln.

Suchen Sie gezielt, oder finden Sie interessante Sachen eher zufällig?

Beides. Es gibt noch diese Listen, von denen ich vorhin sprach. Allerdings werden die kaum noch postalisch versandt. In den siebziger und achtziger Jahren verschickten Schallplattenhändler Heftchen, die in Rubriken wie Popcorn, Soul, Rhythm and Blues, Rockabilly, Vocal Pop, Instrumental Pop, Easy Listening, Latin unterteilt waren. Hinter den Platten stand der Preis oder bei einer Auktion das Mindestgebot. Wenn Sie damals kein Geld hatten, so wie ich, war klar: Auf eine Auktion lasse ich mich gar nicht erst ein. Aber was gibt es denn hier so an Angeboten? Wenn die postalische Bestellung beim Händler einging, konnte es allerdings sein, dass die Platte längst weg war.

Wie wichtig ist es Ihnen, Originalpressungen zu kriegen?

Für meine Sammlung ist es wichtig, für meine Rundfunksendungen ist das vollkommen egal.

Spielen Sie Musik auch von CDs?

Mitunter, ja. Vor allem, wenn Originale sehr restaurierungsbedürftig sind. Es gibt da Computerprogramme zur Bearbeitung, durch die der Tontechniker, mit dem ich seit Jahrzehnten zusammenarbeite, solche schröggeligen Exemplare durchschleust. Aber wenn sich schon mal jemand vorher die Mühe gemacht hat, gibt es keinen Grund, nicht darauf zurückzugreifen.

Und zu Hause?

Das Machen von Rundfunksendungen sehe ich pragmatischer als die Befriedigung meiner Sammelleidenschaft. Im Radio sage ich als Trüffelschwein, hier unter diesem Baum gibt es die dicksten Trüffel. Plonsky findet man vielleicht auch auf Streamingdiensten, aber wer käme auf die Idee, ihn dort zu suchen? Als Sammler sage ich: Jeder soll sich glücklich schätzen, wenn er diese Platte hat, und wenn er sie im Original hat, so wie ich, reicht das für eine mittelprächtige Erektion, aber den Musikgenuss beschert im Zweifel auch Youtube.

WDR 3 Persönlich mit Götz Alsmann“ dauert zwei Stunden. Wie lange brauchen Sie, um die Sendung vorzubereiten und aufzunehmen?

Das Zusammenstellen der Sendung dauert im Durchschnitt vier bis fünf Stunden. „Persönlich“ ist ja ein buntes Potpourri, und das ist manchmal schwieriger zu basteln, als eine monothematische Sendung. Das Programm sollte einigermaßen ausgewogen sein, wobei ich kein Verfechter von „für jeden etwas“ bin. Für jeden etwas heißt: Für alle nichts. Die Produktion geschieht dann in Echtzeit.

WDR 3 ist ein Spartensender, Sie bedienen mit Ihren Jazzsendungen eine Sparte innerhalb der Sparte. Wie ausschlaggebend sind für Sie die Einschaltquoten?

Auch WDR 3 als Kultursender braucht eine gewisse Hörerschaft, und ich finde den Blick auf diese Hörerschaft nicht verwerflich. Als Bühnenkünstler weiß ich ja, dass es keinen Spaß macht, ohne Publikum zu spielen, und ich weiß auch, dass es viel Spaß macht, wenn am Ende der Ruf „Zugabe“ ertönt. Wer an der Gestaltung eines Kultursenders wie WDR 3 mitwirkt, vollführt ständig einen Spagat, einen Seiltanz zwischen dem eigenen Anspruch und der Erreichbarkeit des Publikums, dessen Erwartungshaltung selbstverständlich befriedigt werden muss. Meine Sendung samstagmittags etwa hat ein anderes Publikum als eine Sendung abends um 22 Uhr. Wer abends um zehn eine Sendung hört, hat sich bewusst gegen das Fernsehen und gegen den kompletten Konsum-Mainstream unserer Gesellschaft entschieden.

Wie verändern Mediatheken und Podcasts die Hörgewohnheiten?

Darüber darf ich gar nicht nachdenken: Ich bin es gewöhnt, dass Radio verpufft. Egal, welchen Unfug man erzählt: Sobald die Sendung vorbei ist, weiß es keiner mehr. Jetzt aber – uiuiui (lacht).

Zur Person

Götz Alsmann
Der Entertainer wird am 12. Juli 1957 in Münster geboren. Er lernt früh Klavierspielen, bald kommen Gitarre, Banjo und Ukulele dazu. Nach dem Abitur studiert er Musikwissenschaft. 1986 holt ihn der WDR erstmals vor die Fernsehkamera; Zehn Jahre später startet er zusammen mit Christine Westermann „Zimmer frei!“. Sein neuestes Format „Der geheime Garten des Jazz“ erscheint als Podcast und wird flankiert von einer Radiosendung, die 14-täglich montags ab 22 Uhr auf WDR 3 zu hören ist. Er lebt in Münster, ist verheiratet und hat einen Sohn.