Ein Team von Ehrenamtlichen der Psychosozialen Notfallversorgung des DRK-Kreisverbands Göppingen hat an der Ahr mit vielen Menschen gesprochen, deren Leben Mitte Juli gänzlich aus den Fugen geriet.
Göppingen/Ahrtal - Die Bilder im Fernsehen machen betroffen, aber sie bereiten nicht annähernd darauf vor, was einen vor Ort erwartet.“ Alexander Schmidt engagiert sich seit vielen Jahren beim DRK-Kreisverband Göppingen und ist als Mitarbeiter der Notfallnachsorge (Psychosoziale Notfallversorgung) immer dann da, wenn vielleicht die Worte fehlen.
Schmidt blickt auf ungezählte Einsätze mit Menschen in Extremsituationen zurück. Die Betroffenheit nach seinem Einsatz an der Ahr ist dem erfahrenen DRK-Mitglied aber deutlich ins Gesicht geschrieben. „Ich habe noch nie so viel Leid und Zerstörung an einem Ort gesehen. Es ist nicht in Worte zu fassen“, sagt er. Alexander Schmidt stellt fest: „So einen Einsatz hatten wir noch nie. Es war unvorstellbar.“
Vom guten Gefühl, helfen zu können
Am Mittwoch, 4. August, waren er und weitere sechs Mitarbeitende der Notfallnachsorge des DRK-Kreisverbands Göppingen zusammen mit einem Team der kirchlichen Notfallseelsorge des Landkreises ins Katastrophengebiet im Ahrtal gefahren. „Wir wurden vom DRK-Landesverband Baden-Württemberg angefragt, da das Führungs- und Lagezentrum über das baden-württembergische Innenministerium eine entsprechende Anforderung aus Rheinland-Pfalz erhalten hatte.“
Für Alexander Schmidt wie auch für Damaris und Gerd Walter war es überhaupt keine Frage, sich für diesen Einsatz zu melden. „Helfen zu können, ist ein gutes Gefühl“, sagt das Eislinger Ehepaar, das seinen Handwerksbetrieb für ein paar Tage schloss. Seit einem Jahr erst engagieren sie sich in der Notfallnachsorge des DRK.
Geschichten, die in Erinnerung bleiben
„Wir haben mehr als einmal schlucken müssen“, berichten sie. Etwa, als sie sahen, „dass ein älterer Herr seit drei Wochen auf einer nassen Matratze auf dem Fußboden schläft“. Oder, wenn Menschen stoisch vor ihrem Haus sitzen, weil es abgerissen werden muss und in den Nachbarhäusern fleißig an der Sanierung gearbeitet wird. „Die Verzweiflung ist spürbar.“
Es sind diese ganz persönlichen Geschichten, die ihnen in Erinnerung bleiben. „Es war surreal, nach vier Tagen nach Hause zu kommen. Wir hatten das Gefühl, ganz lange fortgewesen zu sein. So viel passiert normalerweise nicht in so kurzer Zeit.“
Nach einem Tag der Anreise im Verbund mit insgesamt etwa 20 Fahrzeugen aus dem ganzen Land von der Landesfeuerwehrschule Bruchsal aus waren die Helferinnen und Helfer aus Göppingen am Abend des 4. August in Mendig, etwa 50 Kilometer vom Einsatzgebiet im Ahrtal entfernt, eingetroffen. „Dort ist die Einsatzleitung der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) verortet und dort ist auch ein Container-Dorf aufgebaut, in dem wir schliefen“, berichtet Alexander Schmidt. Am Tag darauf fuhren die Einsatzkräfte ins Katastrophengebiet – und waren geschockt. „Aus der trügerischen Idylle heraus sahen wir plötzlich das ganze Ausmaß der Zerstörung“, erzählt Gerd Walter. Das Fernsehen zeige zwar die Gesamtsituation. „Die Realität ist aber eine ganz andere.“ Für ihn und seine Frau Damaris war es der Staub, der sich in alle Ritzen setzt, der sie besonders belastete.
Geruch von Heizöl und vermodertem Holz
Alexander Schmidt hat noch den Geruch von Heizöl und vermodertem Holz in der Nase. Gemeinsam mit seinem Team war der stellvertretende Leiter der PSNV im DRK-Kreisverband Göppingen für insgesamt über 120 betroffene Bürgerinnen und Bürger sowie Helfende in zwei Tagen wichtiger Ansprechpartner. „Wie für ein paar blutjunge Soldaten“, erzählt er. Sie richteten einen Friedhof, der komplett überflutet und zerstört war, wieder so her, dass die Menschen wenigstens wieder ihre Grabsteine finden.“
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Großen Respekt hat Schmidt in der Nachschau nicht nur vor den zahlreichen professionellen Helfern, sondern auch vor all den Privatpersonen, die – ohne lange zu fragen – einfach helfen. Wie ein Caterer, der mit seinem Imbisswagen und tausend Würsten einfach nach Altenahr gekommen war und die Menschen zwei Tage lang mit Currywurst und Pommes versorgte. „Dass so viele Menschen aus der ganzen Republik kommen und einfach helfen, das ist bei allem Schrecken eine tolle Erfahrung.“
Nachbesprechung mit einem Supervisor
Bei aller Erschöpfung und Betroffenheit – „wir waren genau an dem Punkt, an dem wir helfen konnten. Das ist ein gutes Gefühl“, betonen die Mitarbeiter der Psychosozialen Notfallversorgung. Sie werden bei einer Nachbesprechung des Einsatzes über ihre Emotionen mit einem Supervisor sprechen können. Und dann auf ihren nächsten Einsatz warten und für Menschen da sein, wenn das eigentlich Unsagbare in Worte gefasst werden will.
Was macht die Psychosoziale Notfallversorgung
Hilfe
Maßnahmen der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) zielen auf die Bewältigung von kritischen Lebensereignissen und der damit einhergehenden Belastungen für Betroffene (Angehörige, Hinterbliebene, Menschen, die jemanden vermissen, Zeugen von Notfällen) einerseits und für Einsatzkräfte andererseits ab. Der Notfallnachsorgedienst ist vor allem für Menschen da, die durch Not- und Unglücksfälle aus der Normalität ihres Lebens gerissen werden – so wie es jetzt im Katastrophengebiet an der Ahr geschehen ist.
Ausbildung
Mitarbeitende sind in einer psychosozialen Grundausbildung, der Qualifizierung zum Kriseninterventionshelfer, sowie Hospitations- und Praktikumsphasen auf ihre Einsätze vorbereitet worden. Fortbildungen und Supervision sind verbindlich.