Die Kugel in den Spielbanken rollt – aber weniger Gäste spielen mit Foto: dpa

Rien ne va plus, nichts geht mehr. Davon sind die drei Spielkasinos in Baden-Württemberg zwar noch weit entfernt, doch Besucherzahlen und Erlöse gehen seit Jahren zurück.

Rien ne va plus, nichts geht mehr. Davon sind die drei Spielkasinos in Baden-Württemberg zwar noch weit entfernt, doch Besucherzahlen und Erlöse gehen seit Jahren zurück.

Stuttgart - Am fehlenden Sakko muss der Topgewinn im Stuttgarter Kasino nicht scheitern: Die Garderobe hält stets einige Modelle zum Leihen bereit. Die Krawatte kann der Gast ohnehin vergessen, und für das Spiel am einarmigen Banditen, wie man die Automaten nennt, reicht „gepflegte Freizeitkleidung“.

Auch sonst müht sich die Spielbank im Erlebniscenter SI, die Schwelle zur Welt der Zocker möglichst niedrig zu halten. Nicht mal das Geld ist ein triftiger Hinderungsgrund: Bei einem Eintrittspreis von 2,50 Euro lässt sich wohl nirgends in der Stadt ein preiswerterer Abend mit Livemusik verbringen als zwischen Spieltischen – vorausgesetzt, man beweist beim Roulette etwas Selbstdisziplin.

Manchmal beschleicht den Gast sogar das Gefühl, das Glücksspiel sei eigentlich Nebensache. Das stimmt natürlich nicht, es ist nur gut verpackt in eine weltläufig elegante Atmosphäre und in den handfesten Rahmen eines Events.

Nach diesem Rezept verfährt man auch in den beiden anderen Kasinos. Baden-Baden spielt die kulturelle Karte und lockt mit Konzerten und Lesungen, kommende Woche zum Beispiel mit Publizistin Amelie Fried. Konstanz wiederum empfiehlt vor dem französischen Roulette die französische Küche – natürlich im hauseigenen Restaurant. Auch Stuttgart trumpft kulinarisch auf: mit dem ehemaligen Zwei-Sterne-Koch Martin Öxle. Gleichzeitig umwirbt es mit dem Kasino-Club Grace jugendliche Nachtschwärmer, die ansonsten die Lounges der City bevölkern.

Durchschlagenden Erfolg haben sie damit aber alle nicht. „Der Wettbewerb ist schwierig“, sagt Otto Wulferding, der Chef der drei Kasinos, die das Land unter dem Dach der Spielbanken GmbH & Co. KG vereint hat. Von 2006 bis 2013 gingen die Bruttospielerträge, also die Einsätze minus die Spielergewinne, um fast 50 Prozent zurück. Bei den Spielautomaten noch heftiger als beim klassischen Spiel. Die Besucherzahl schrumpfte in dieser Zeit um 30 Prozent.

Dem Land als Eigentümer kann das nicht gefallen, denn der Löwenanteil der Erträge fließt in Form der Spielbankabgabe in den Haushalt – und von dort zu Kultur und Denkmalschutz. 34,63 Millionen Euro waren dies noch 2010, drei Jahre später nur noch 31,8 Millionen. Und die muss Finanzminister Nils Schmid (SPD) auch noch im Länderfinanzausgleich verrechnen.

Doch andernorts läuft es auch nicht besser. Der Bruttospielertrag der 65 staatlich konzessionierten Spielbanken in Deutschland schnurrte zwischen 2007 und 2013 von 923 auf 523 Millionen Euro zusammen. Wulferding, der auch Vorsitzender des Deutschen Spielbankenverbands ist, nennt dafür drei Gründe: die illegale Konkurrenz im Internet, die legale Konkurrenz der Spielhallen – und auch das Rauchverbot.

„Glücksspiel und Rauchen hängen zusammen“, sagt der gelernte Ökonom, der früher selbst als Croupier gearbeitet hat. Wie genau, wäre zwar noch zu erforschen, doch unbestritten ist, dass viele Menschen gern einen tiefen Zug aus der Zigarette oder Zigarre nehmen, wenn sie Geld aufs Spiel setzen. Zwar gibt es separate Raucherräumen, doch die bieten nicht das komplette Angebot. Das seit 2007 geltende Rauchverbot hat jedenfalls bundesweit den Spielbanken Verluste beschert.

Am heimischen PC lässt sich beides bequem verbinden. Das ist aber nur einer der Gründe, warum das Online-Zocken derart boomt. Anonymität und schnelle Verfügbarkeit kommen hinzu. Auf 1,4 Milliarden Euro Umsatz hat die Europäische Kommission den deutschen Umsatz auf diesem Sektor 2012 geschätzt. Doch in der Branche gilt das als maßlos untertrieben. Angeblich werden in Europa jährlich über 100 Milliarden Euro mit Poker, Bingo oder Baccara umgesetzt, am meisten davon in Deutschland. Und das, obwohl Online-Glücksspiel laut Staatsvertrag verboten ist.

Doch darum kümmere sich niemand, klagt Wulferding. Bei der Kontrolle der Tausenden Internetseiten mit Kasinospielen ­gebe es ein erhebliches Vollzugsdefizit. Da widerspricht nicht einmal der Innenminister: „Das illegale Glücksspiel ist noch nicht so eingedämmt wie gewünscht“, sagte Reinhold Gall (SPD) unlängst im Landtag. Denn die Anbieter sitzen meist im Ausland und entziehen sich so dem behördlichen Zugriff.

Die Konkurrenz lauert aber auch nebenan: In den rund tausend Spielhallen im Südwesten rattern und piepsen 15 000 Glücksspielautomaten. Allein in der Stadt Kehl sind es 500 – so viele wie in allen drei staatlichen Kasinos zusammen. Mehr als vier Milliarden Euro setzen die Hallen jedes Jahr um, dagegen nimmt sich der Anteil der staatlich konzessionierten Spielautomaten verschwindend gering aus.

Eine staatliche Konzession benötigen die Betreiber der Spielhallen nicht, ein Gewerbeschein und das Plazet der Kommunen reichen. Und das wird zumeist gern erteilt, denn selbst Großstädte wie Freiburg schöpfen für den Haushalt gern die Vergnügungssteuer ab.

Das alles ärgert die staatlich konzessionierten Spielbankbetreiber, denn sie sehen das Glücksspiel mit zweierlei Maß gemessen. Das „besondere Wirtschaftsgut“ (Wulferding) müsse endlich einheitlich behandelt werden. In Wirklichkeit aber würden die Spielbanken viel härter an die Kandare genommen. Sie seien zum Beispiel verpflichtet, lückenlos die Ausweise zu kontrollieren, um sicherzustellen, dass auch alle Gäste 21 Jahre alt sind. Für viele Spielhallen reicht dagegen Volljährigkeit. Auch strengere ­Sozialkonzepte zur Prävention von Glücksspielsucht erlege man ihnen auf, von der regelmäßigen Kontrolle der Finanzbehörden ganz zu schweigen. Dabei sei die Suchtgefahr in den privaten Spielhallen nicht geringer. Fachleute sagen in der Tat, der Anteil der problematischen Spieler sei bei Geldspielautomaten erheblich höher als etwa dem klassischen Roulette.

Die Spielhallenbetreiber halten das aber für Propaganda. Bei ihnen gebe es zwar kein Rauch-, dafür aber Alkoholverbot, argumentiert Alfred Haas, früherer CDU-Landtagsabgeordneter und jetzt in Diensten des Automatenverbands.

Konzepte gegen Spielsucht müssten nach dem neuen Landesglücksspielgesetz auch Spielhallen vorlegen. Und verglichen mit den Summen, die man an einarmigen Banditen verlieren könne, nämlich Zehntausende Euro, sei der maximale Verlust in Spielhallen auf 80 Euro pro Stunde begrenzt. Haas: „Da können Sie kein Vermögen verschieben.“ Nein, wenn die Spielkasinos einen Schuldigen brauchten, dann bitte nicht die Kollegen um die Ecke, sondern die illegale Konkurrenz im Netz. Haas: „Doch dagegen ist der Staat machtlos.“

Die Bank gewinnt immer, heißt es. Doch dass sich die Kugel dreht, ist keineswegs selbstverständlich. In Warnemünde und Schwerin zum Beispiel haben die Spielbanken im vergangenen Jahr dichtgemacht, weil sie unrentabel wurden. Auch ein Bewerbermangel bei Ausschreibungen wurde mancherorts registriert.

Das wirft die Frage auf, wie es im Südwesten weitergeht, wo die Konzession für die drei Spielbanken Ende 2015 ausläuft. Interessenten aus ganz Europa konnten sich bis 16. Juli beim Innenministerium bewerben. Wie viele das getan haben, darüber wahrt man in der Behörde Stillschweigen. Wulferding jedenfalls war dabei.

Vor nächstem Frühjahr, so heißt es, werde keine Entscheidung fallen, denn das Verfahren ist aufwendig. Nur eines ist bereits sicher: Einen vierten Standort wird es nicht geben. Mannheim war dafür im Gespräch, doch Grün-Rot zuckte zurück. Man wolle die Spielsucht nicht noch mehr fördern, hieß es. Außerdem zeigten die Mannheimer dem Spiel die kalte Schulter: Einer Umfrage ­zufolge waren nur 19 Prozent dafür.

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