Umweltschützer haben in Grünheide den Wald besetzt, der für die Erweiterung gerodet werden müsste. Foto: dpa/Christophe Gateau

Tesla will seine Produktion im einzigen europäischen Werk verdoppeln und dafür braucht es Platz. Mit dem Vorhaben verhärtet sich der Widerstand gegen den Autobauer. Letztendlich geht es in Grünheide um die Frage: Umweltschutz oder Wirtschaftswachstum?

Nach dem Brandanschlag auf die Stromversorgung des Tesla-Werks im brandenburgischen Grünheide ruhte die Produktion für mehrere Tage. Der Schaden ist gewaltig. Und er steht in einer Reihe mit anderen Problemen. Grund genug für Tesla-Chef Elon Musk, persönlich vorbeizuschauen.

 

Rückblende. Es ist eng auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof Fangschleuse. Dicht gedrängt stehen junge Menschen, ältere Paare, Familien mit Kindern und Hunden zusammen. Auf der Ladefläche eines roten Lieferwagens sitzt eine Frau, sie greift nach einem Mikrofon und beginnt zu singen: „Gemeinsam werden wir beschützen, was uns alle am Leben hält.“ Es ist ein Kanon. „Das Wasser in Grünheide und das Wasser auf der ganzen Welt.“ Immer mehr Menschen stimmen ein. Laut Angaben der Veranstalter sind es an diesem Tag mehr als tausend.

Nur 2,5 Kilometer Luftlinie von hier entfernt liegt die Tesla-Gigafactory in Grünheide, die Autofabrik des umstrittenen US-Unternehmers Musk. Geht es nach Musk, soll das Werk erweitert werden. Die Menschen auf dem Parkplatz sind dagegen. Tesla darf nicht größer werden – darüber sind sich die Menschen auf der Straße in einig. Bis sie auf ihrem Weg zum Marktplatz von Grünheide auf eine Gruppe treffen, die ganz anderer Meinung ist als sie.

Tesla will Produktion im Werk verdoppeln

Klima gegen Wirtschaft, Wald gegen Arbeitsplätze: In Grünheide in Brandenburg, eine halbe Stunde mit dem Regionalzug vom Berliner Alexanderplatz entfernt, ist ein Streit entbrannt, der die Gemeinde spaltet. Im Kern geht es um die Erweiterung der Tesla-Fabrik. Lagerhallen sollen hinzukommen, ein Güterbahnhof, ein Betriebskindergarten. Das Werk soll seine Produktion verdoppeln. Im Weg sind 100 Hektar Kiefernwald. Er müsste für die Tesla-Pläne weichen.

Für die Menschen in Grünheide geht es um Natur und Jobs vor ihrer Haustür. Doch längst haben sich andere Gruppen in den Konflikt eingemischt, für die es um mehr geht: Klima vor Wirtschaft. Seit vergangenem Donnerstag besetzen Klimaaktivisten das Waldstück, das gerodet werden soll.

Grünheide – ein Schauplatz der „Ja aber nicht bei mir“-Mentalität

In Grünheide wird nicht nur friedlich protestiert. Vergangene Woche wurde ein Strommast angezündet, der das Werk mit Elektrizität versorgt. Eine Woche stand deswegen die Produktion still. Für die Tat verantwortlich erklärte sich die linksextremistische „Vulkangruppe“, die in ihrem Bekennerbrief postulierte, sie lehne „grünen Kapitalismus“ ab. Da hilft es auch nicht, dass Tesla E-Autos baut, die als unverzichtbar für die Verkehrswende gelten. In Grünheide geht es um mehr als um eine Ja-aber-nicht-vor-meiner-Haustür-Debatte. Es geht um die Frage, wie Wirtschaft und Klima- oder Umweltschutz zusammen funktionieren können. Und um die Frage, wer dabei mitreden darf.

Die Luft im Wald riecht nach trockener Erde und nach Kiefernnadeln, gedämpft dringt der Verkehrslärm durch die Bäume. Zwischen den Ästen hängen rund zehn Baumhäuser, in denen teils vermummte Aktivisten sitzen. Zwischen der Landstraße L 23, den Bahngleisen und der Tesla Gigafactory haben sich Sprecherinnen und Sprecher verschiedener Initiativen versammelt. Eine kleine Pressekonferenz, mitten im Wald.

„Bei Tesla werden alle Augen zugedrückt“

Zwei kritische Themen greifen sie besonders heraus: der Wasserverbrauch und die Abwasserwerte. Denn Teile des Werksgeländes liegen im Trinkwasserschutzgebiet. Aus einer Beschlussvorlage des Wasserverbands Strausberg-Erkner geht hervor, dass Tesla „ständig und in erheblicher Weise“ Abwassergrenzwerte überschreite. „Der jüngste Abwasserskandal zeigt einmal mehr, dass für Tesla alle Augen zugedrückt werden“, sagt Karolina Drzewo, Sprecherin des Bündnisses „Tesla den Hahn abdrehen“. Mit ihrer fliederfarbenen Jacke fällt sie auf zwischen ihren grün und schwarz gekleideten Mitrednern. Sie entspricht zwar optisch nicht dem Klischee, aber auch sie war im Hambacher Forst, bei den Protesten gegen den Braunkohleabbau in NRW.

Die Bündnisse fordern mehr öffentlichen Nahverkehr, weniger Privatautos – auch wenn sie elektrisch fahren. Ganz abschaffen könne man den Individualverkehr zwar nicht, gibt Drzewo zu. Doch ein SUV, wie er im Werk von Tesla vom Band geht – knapp zwei Tonnen schwer, Neupreis 45 000 Euro aufwärts – sei bestimmt keine Lösung. Als Musk 2019 entschied, sein Werk in Brandenburg zu bauen, waren viele Politiker begeistert. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sprach von „der größten Investition in der Geschichte unseres Landes“. Skepsis gegenüber Tesla kam aber schon früh auf. Mit der geplanten Erweiterung verstärkte sich der Widerstand.

Zwei Drittel der Bevölkerung stimmten gegen Erweiterung

Dieser geht nicht nur von den Klimagruppen aus. In einer Bürgerbefragung stimmten zwei Drittel dagegen, die Ausbaupläne von Tesla zu genehmigen. Das Votum ist zwar nicht bindend, übt aber Druck auf die Gemeindevertretung aus, die den Bebauungsplan 60 zustimmen oder ablehnen muss. Die Entscheidung darüber sollte diese Woche gefällt werden, wurde aber vertagt. Auch eine Bürgerinitiative mit Einwohnern aus Grünheide, Erkner und Umgebung solidarisiert sich mit den Aktivisten im Camp, auch wenn sie selbst nicht in den Bäumen sitzen.

Unter den Demonstranten an diesem Tag ist auch Leander aus Erkner, 22 Jahre alt. Er befürchtet, dass sich die Gemeindevertretung über das Votum der Bürger hinwegsetzt. „Ich hoffe, sie halten sich an die Entscheidung“, sagt er. „Sonst können wir das mit Bürgerabstimmungen auch lassen.“ Er kritisiert, dass Elon Musk in Grünheide der rote Teppich ausgerollt worden sei. Der Milliardär hat sich bei seinen Besuchen keine Freunde gemacht. Die Sorge um Wasserknappheit bügelte er ungehobelt mit einem Hinweis auf die vielen Seen in der Region ab.

Nach dem Anschlag auf den Strommast kommt eine weitere Sorge hinzu: In der Region lief der Strom zwar schon eher wieder als in der Fabrik. Doch die Skepsis ist geblieben. „Die Gigafactory darf erst wieder in Betrieb gehen, wenn ein funktionierendes Störfall-Konzept installiert wurde“, fordert der Sprecher der Bürgerinitiative.

„Die machen gute Technologie kaputt, die nachhaltig ist“

Jörg Melinat sieht das anders. Er ist unter den Gegendemonstranten, die sich rund 500 Meter hinter dem Ortsschild Grünheide versammelt haben. „Ideologie killt Hirn“ steht auf einem Schild, auf einem anderen „Tesla wird bewusst blockiert“. „Habt ihr kein Zuhause“, ruft Melinat den Aktivisten in den Bäumen zu. Melinat ist Mitte sechzig, Heizungsbauer aus Grünheide. Seine Freunde aus der Gemeinde und die Demonstranten auf der Straße trennt ein blaues Flatterband, drei Meter Grünstreifen und die Meinung darüber, ob die Erweiterung nun Fluch oder Segen sei. „Das ist die Krankheit: Dass man gute Technologie kaputt macht, die nachhaltig ist“, sagt Melinat. Bei der jetzigen Bewegung werde nie darüber gesprochen, dass Tesla an anderer Stelle aufforste oder ganz ohne Fördermittel auskomme. Kein Handwerkerbetrieb zahle so viel Gewerbesteuer, mit dem Unternehmen werde die Infrastruktur gestärkt und Jobs geschaffen.

Am Nachmittag spielt ein Mann mit Dreadlocks im Wald Klavier. Neben einer Kiste mit leeren Wärmflaschen steht ein Schild. Darauf kleben Kreppbandstreifen beschriftet mit Aufgaben im Camp: Wege bauen, Abendessen vorbereiten. Auf Gleis 2 stehen die Menschen dich gedrängt, um die Regionalbahn zurück nach Berlin zu erwischen. Auf der anderen Seite des Übergangs haben Aktivisten begonnen, Gemüse zu schnippeln.

An diesem Mittwoch will Musk nun selbst nach Grünheide kommen. Ein Gespräch mit Ministerpräsident Woidke und Landeswirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) ist geplant. Ob der Milliardär auch bei den Klimaaktivisten vorbeischaut, ist nicht bekannt.