Hartes Vorgehen gegen für Feinde der USA: Präsident Obama Foto: dpa

US-Präsident Barack Obama hat erheblich mehr gezielte Tötungen befohlen als sein Amtsvorgänger. Zum Einsatz kommen nicht nur Drohnen. Auch Nahkämpfer und Hacker führen die Befehle des Präsidenten aus.

Asadabad - In mondlosen Nächten wird die Welt des Feldwebels Marc schwarz-grün. Immer dann, wenn der Pilot in der Kanzel des Hubschraubers über die Schulter nach hinten schaut und seinen rechten Daumen hebt. Marc zieht die beiden Metallröhrchen vor seine Augen, die an ein Opernglas erinnern. Aus dem grauen Mischmasch entstehen scharfe, schwarze Konturen vor einem sattgrünen Hintergrund. Und Marc ist bereit zu töten.

Auf Befehl seines Präsidenten. Ihm oder seinen Sicherheitsberatern legen zum Wochenbeginn Geheimdienstler eine sehr geheime Liste vor. Auf ihr sind die Namen der Menschen aufgeführt, die für die USA und ihre Interessen als gefährlich gelten. Deshalb sollen das Staatsoberhaupt sie zum Tode verurteilen. Ohne Gerichtsverfahren, ohne sie festnehmen zu lassen. Ihr Leben ist mit einem Federstrich Barack Obamas oder seiner Berater verwirkt. Männer wie der, der in dieser Geschichte Marc heißt, werden durch diese Unterschriften zum Henker.

Joint Prioritized Target List (JPTL) heißt die Todesliste, die Präsident Obama in den vergangenen beiden Jahren nach US-Medienberichten mindestens 239-mal abgezeichnet hat. Und damit den Befehl gab, gezielt zu töten, zum targeted killing. Mehr als fünfmal so oft wie sein Amtsvorgänger George W. Bush, der in seiner Regierungszeit 44-mal den tödlichen Einsatz anordnete.

Nicht nur Drohnen kommen zum Einsatz

Missionen, die auf jede erdenkliche Art und Weise ausgeführt werden sollen, wie eine unserer Zeitung vorliegende, vertrauliche Dienstvorschrift des amerikanischen Verteidigungsministeriums belegt. So muss der Tod nicht zwangsweise von einer Drohne aus heiterem Himmel abgefeuert werden, wie es allgemein inzwischen angenommen wird. Die Anlage D der Order für die Erstellung der JPTL listet das breite Spektrum der Killermissionen auf: Zugriffe von Spezialkräften wie den Navy-Seals ebenso wie Luftangriffe mit Jagdbombern, von Zerstörern abgefeuerte Lenkbomben oder Attacken aus dem Internet. Vorstellbar, erzählt ein US-Oberst stolz, seien auch Hackerangriffe auf „die Steuerungssysteme medizinischer Geräte wie Beatmungsgeräten oder Herzschrittmachern, um dem Befehl des Präsidenten nachzukommen“.

Die Entscheidung, ob Feldwebel Marc in der afghanischen Provinz Kunar sich aus einem Hubschrauber abseilt und mit zwei Schüssen in den Kopf die präsidial auserwählte Zielperson tötet, ob eine US-Kampfdrohne vom Typ Reaper Luft-Boden-Raketen in ein Haus feuert oder ein Computervirus wie der „Stuxnet“-Wurm in iranischen Kernforschungsanlagen sein zerstörerisches Werk verrichtet – diese Entscheidung wird im „Targeting and Analysis Center“ in der amerikanischen Kleinstadt Rosslyn in Virginia getroffen.

Die vertrauliche Dienstvorschrift des Pentagon vom Februar 2013 regelt, was die Frauen und Männer des Zentrums zu tun haben, das seinen Namen zu oft wechselt, um ihn sich zu merken zu müssen: Sie sollen die zum Tode verurteilten Zielpersonen finden und ihre Hinrichtung planen. Für die aus Zivilisten, Militärs und Geheimdienstlern bestehende Analystengruppe vor den Toren Washingtons schreibt die Weisung einen Kreislauf in sechs Phasen vor: „Finde, stelle, verfolge, töte, verifiziere und beurteile“.

Auch der BND steuert Erkenntnisse bei

Bei den Schritten „finde“, „stelle“ und „verifiziere“ greifen die Experten für außergerichtliche Hinrichtungen auch auf die Erkenntnisse befreundeter Geheimdienste wie dem deutschen Bundesnachrichtendienst zurück. Mit deren Wissen ebenso wie ohne, wie die JPTL-Order deutlich macht: Alliierte seien nur dann zu „informieren, wenn dies im Rahmen der Gesamtoperation vertretbar und anwendbar“ ist. Im Vordergrund stehe, Erkenntnisse der Freunde „für die Operation verfügbar zu machen und zu halten“.

Eine Vorgabe, der der technische US-Armee-Dienst NSA ebenso nachkommt wie die zahlreichen Verbindungsoffiziere amerikanischer Sicherheitsbehörden bei den deutschen Nachrichtendiensten. Derart mit Informationen versorgt, planen die Geheimen in Rosslyn, welches Mittel am geeignetsten ist, um eine Zielperson zu töten. Sie rechnen aus, wie viele Unschuldige schlimmstenfalls getötet werden, wenn eine Reaper-Drohne eine Hellfire-Raketen abfeuert. Oder wie hoch das Risiko für das Leben des Feldwebel Marc ist, wenn er die Vorgeschobene Operationsbasis „Wright“ im afghanischen Asadabad verlässt, um im gebirgigen Grenzgebiet zu Pakistan einen Führer der Taliban zu erschießen. Ist in Rosslyn die Entscheidung gefallen, wer tötet, beauftragten die Analysten Geheimdienste oder Kommandos der Streitkräfte. Soll jemand in Somalia sterben, übernimmt die Planungen das für Afrika zuständige Regionalkommando in Stuttgart – wie unsere Zeitung bereits im März berichtete. Erkenntnisse, über die jetzt auch 20 Redakteure nach zweijähriger Recherche in zwei großen deutschen Medien berichten. Auch sie kommen zu dem Ergebnis, dass der verdeckte Krieg gewissermaßen familienfreundlich geworden ist. Denn die meisten Todesurteile werden aktuell von Joystick-Bombern in den USA per Knopfdruck vollstreckt.

Todesurteile per Joystick vollstreckt

„Morgens pendeln wir im Auto zur Arbeit, setzen uns dort vor eine Wand voller Bildschirme, fliegen ferngesteuert ein Kampfflugzeug in Tausenden Meilen Entfernung und schießen Raketen auf Feinde. Dann holen wir die Kinder von der Schule ab oder kaufen noch ein paar Liter Milch auf dem Heimweg“, beschreibt Oberstleutnant Matt Martin seine Einsätze als Drohnenpilot über dem Irak und Afghanistan in der „New York Times“. In den wenigsten Missionen stürmen Navy-Seals Verstecke wie 2011 das von Osama bin Laden im pakistanischen Abotabad, um den Anführer des Terrororganisation El Kaida zu töten.

Oder seilen sich nächtens wie Marc und seine Kameraden aus einem Helikopter über einem Bauerhof bei Asadabad ab. Ihr Ziel: der Taliban-Kommandeur mit dem Tarnnamen „Abu Ikhlas al Masri“. Der Mann, der in der Provinz über fast 800 Kämpfer gebieten soll, der mit Sprengfallen mehr als 70 US-Soldaten hat töten lassen. Ein Rebell, den der US-Präsident lieber tot als lebendig weiß. Doch der Lauf der schallgedämpften Maschinenpistole bleibt in dieser Nacht kalt. Kein Gesicht al Masris unter der Paskol genannten Käppchen der Paschtunen, dass sich im Nachtsichtgerät des US-Elitekriegers abzeichnet. 18 Minuten, nachdem er sich an einem Tau aus dem Hubschrauber zu Boden gleiten ließ, weiß Marc: Kein Terrorist ist im Bauerhof. Nur ein paar erschreckte Alte, Frauen und Kindern. Al-Masri sollen sie erst ein Jahr später, 2011, fassen.

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