Zwei Frauen, die sich gegen Kinder entschieden haben, erzählen, warum sie keine Mütter sein wollen. Und wie sie damit umgehen, dass die Menschen teils verständnislos reagieren.
Bist du dir sicher? Du änderst deine Meinung doch noch, oder? Diese Fragen werden Lena (26) aus Berlin häufig gestellt, wenn sie anderen Menschen erzählt, dass sie keine Kinder möchte. Das sei immer noch ein Stigma, so erlebt sie es. Ihren ganzen Namen möchte sie deshalb nicht in der Zeitung lesen.
Lena wusste sehr früh, dass sie das alles nicht will. Mutter sein. Ein Leben, das sich in diesem Ausmaß um einen anderen Menschen dreht. Mit 14 Jahren lies sie sich die Pille verschreiben, mit 18 Jahren war sie bereit für eine Sterilisation. Aber als Schülerin und Studentin hatte sie bisher nicht das Geld dafür. Eine Sterilisation ist keine Kassenleistung, etwa 1000 Euro müssen Frauen dafür aufbringen.
Freiheit und Freizeit statt wickeln und stillen
Warum entscheiden sich Frauen, keine Kinder zu bekommen? Die Wissenschaftlerinnen Claudia Rahnfeld (37) und Annkatrin Heuschkel (22) von der Dualen Hochschule Gera-Eisenach wollten das wissen. Für ihr Buch „Gewollte Kinderlosigkeit“ befragten sie unter anderem 1100 Frauen, die diese Entscheidung getroffen haben. Der Großteil war zwischen 31 und 40 Jahre alt. Ihre Ergebnisse zeigen: Die meisten Frauen wussten sehr früh, dass sie keinen Nachwuchs wollen, teils schon in der Jugend – und sind dabei geblieben.
Tatsächlich seien es entgegen dem politischen Mythos weniger die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder der fehlende Partner, warum Frauen sich gegen Kinder entscheiden. „Der Großteil der befragten Frauen wünscht sich schlicht mehr Selbstverwirklichung, mehr Freiheit und mehr Freizeit“, sagt Claudia Rahnfeld, Professorin für Sozialwissenschaften. Auch verspürten die Frauen selten später Reue, wenn sie kinderlos geblieben sind. Auch Lena sagt: „Ich bereue es lieber irgendwann mal, keine Kinder zu haben, anstatt es zu bereuen, Kinder bekommen zu haben.“
Rahnfelds Fazit ist: „Es gibt tatsächlich Frauen, die schlicht einfach keinen Kinderwunsch haben.“ Darüber werde aber kaum öffentlich gesprochen. Obwohl sie häufig unter einem sehr hohen Rechtfertigungsdruck in ihrem Umfeld stünden, vertreten aus ihrer Sicht immer mehr junge Frauen diese Entscheidung sehr selbstbewusst. „Dabei ist der soziale Druck nach wie vor immens“, sagt sie. Noch immer gehöre in das gesellschaftliche Bild, dass eine Frau eine Mutter sein muss. Sie finde das sehr rückschrittlich: „Es kann nicht sein, dass für uns Frauen immer noch nur ein Lebensweg vorgegeben wird“, sagt Rahnfeld. Es sei eigentlich ein „Wahnsinn“, dass es immer noch ein Tabu sei, wenn Frauen keine Kinder möchten.
Das wirkmächtige Ideal von der Frau als Mutter scheint in der Gesellschaft fest zementiert. Wer dem nicht entsprechen will, muss sich oft Vorwürfe gefallen lassen. Zum Beispiel karrieregeil zu sein, egoistisch und verantwortungslos gegenüber der Gesellschaft. „Dabei wird umgekehrt das Egoistische am Kinder kriegen sehr selten offen thematisiert“, sagt Claudia Rahnfeld.
Grundlos kein Kind? Für viele immer noch ein Affront
Die Diskussionen der vergangenen Jahre zeigen, es ist immer noch ein Affront, wenn eine Frau bewusst kein Kind möchte. 2019 bekannte sich die Autorin Verena Brunschweiger in ihrem Buch „Kinderfrei statt kinderlos – ein Manifest“ dazu, keine Kinder zu bekommen – vor allem, um der geplagten Umwelt zu helfen. Skandalös, dass sich da eine der Biologie und damit der menschheitserhaltenden Urfunktion und natürlichen Bestimmung einer Frau verweigert, fanden manche.
Dass es keines Weltretterinnenanspruchs bedarf, um sich gegen die Mutterschaft zu entscheiden, zeigte 2018 die kanadische Schriftstellerin Sheila Heti in ihrem Roman „Mutterschaft“ und machte das Phänomen für manche dadurch umso bedrohlicher. Dass ihre Protagonistin vermeintlich grundlos keine Kinder gebiert, einfach, weil sie keine Sehnsucht danach verspürt, weil sie keinen anderen Maßstab an ihr Leben anlegen möchte als sich selbst, führte zu Kontroversen.
Dabei zeigte spätestens die Aktion #regrettingmotherhood wie unglücklich Frauen sein können, die Mutter werden ohne sich dazu berufen zu fühlen. Nach einer gleichnamigen Studie aus Israel bekannten sich unter diesem Hashtag weltweit Frauen dazu, die Entscheidung für Kinder zu bereuen.
Lena eckt vor allem mit ihrem Wunsch nach einer Sterilisation an – weil sie noch so jung ist. Viele raten ihr daher noch ab. Dabei sagt sie: „Ich mag Kinder nicht, ich kann damit nichts anfangen.“ Ob sie sich deshalb oft verurteilt fühlt? „Ja, voll“, sagt Lena. Nicht von Leuten in ihrem Alter, viele junge Frauen, die sie kenne, sähen es wie sie, aber ihre Eltern und ältere Kollegen wollen sie oft von der Entscheidung abhalten. „Die sagen immer, ich solle warten bis ich den Richtigen gefunden habe.“
Dass der Kinderwunsch ja noch kommen könnte, muss sich Isabella nicht mehr anhören. Die Stuttgarterin ist 52 Jahre alt, seit 30 Jahren mit ihrem Partner zusammen – und bewusst kinderlos. Eine Entscheidung, die sie früh getroffen hat oder vielmehr gar nicht treffen musste: „Ich habe mich nie als Mutter gesehen“, sagt Isabella, die eigentlich anders heißt. Wenn sie als Mädchen mit ihrer Freundin Barbie spielte, dann waren sie zwei erfolgreiche Frauen ohne Kinder. Ein Selbstbild, das bleiben sollte.
Auch ökologische Gründe nennen viele Frauen
Das Leben, das sie sich schon als junge Frau für sich vorstellte und heute lebt, das auch ein bisschen beeinflusst ist von der Lektüre der Bücher Simone de Beauvoirs und starken Frauenfiguren aus der Weltliteratur, sei ganz einfach eines ohne Nachwuchs gewesen, sagt Isabella. Dafür ausgefüllt mit ihrem Beruf, mit Interesse für Literatur, Theater, Musik, Natur.
Ähnliches hörten auch die Wissenschaftlerinnen Rahnfeld und Heuschkel in ihrer Befragung. Viele Frauen, die auf Kinder verzichteten, schätzten ihre persönliche Freiheit, seien teils abgeschreckt von der Verantwortung, die Kinder mit sich bringen. Jede zweite Frau gab außerdem an, aus ökologischen Gründen keine Kinder zu wollen.
Rahnfeld und Heuschkel räumen außerdem mit zwei Klischees auf: Dass sich Frauen umentscheiden, wenn „der Richtige“ kommt. So gaben drei Viertel ihrer Befragten an, bereits in einer festen Partnerschaft zu leben, etwa 21 Prozent war verheiratet. Auch den Mythos „karrieregeil“, zumindest wenn man ihn so versteht, dass man möglichst viel verdienen will, widerlegen sie. So waren zwar die meisten Studienteilnehmerinnen Akademikerinnen, aber die Themen Karriere und Finanzen war nicht oben auf der Prioritätenliste bei ihrer Entscheidung gegen Kinder.
Keine Kinder zu bekommen war auch für die Stuttgarterin Isabella keine Frage von Entweder-Oder, zwischen Beruf und Familie, gar ein Verzicht auf irgendetwas, sagt sie. Ganz ausgeschlossen habe sie es ohnehin lange nicht, Mutter zu werden. Sie mag Kinder. „Es hätte also sein können, dass der Wunsch irgendwann doch noch erwacht“, sagt Isabella. Aber so kam es nicht. Vor ein paar Monaten ließ sie testen, ob sie noch fruchtbar ist. Das Ergebnis war negativ. Für Isabella eher eine Erleichterung. „Jetzt habe ich das Gewese mit der Verhütung nicht mehr.“
Lieber allein als zu große Kompromisse
Dass sie in ihrem Partner jemanden fand, der ebenfalls ein Leben ohne Kinder plante, empfindet sie als großes Glück. Niemals sei sie vor der Frage gestanden, bekomme ich Kinder dem anderen zuliebe oder trenne ich mich. Wobei sie ohnehin auf letzteres tippt: „Ich würde lieber allein leben als zu große Kompromisse einzugehen.“
Sicherlich hätten Familie und Freunde schon mal nachgefragt, ob sie Kinder planen. „Aber da haben wir früh klar gemacht, dass damit nicht zu rechnen ist.“ Isabella ist ohnehin niemand, den angebliche Konventionen anfechten, der sich von Außenbildern und Rollenstereotypen verunsichern lässt. Jede Frau soll so leben wie sie will. „Wenn andere im Muttersein aufgehen, finde ich das toll.“
Die Aussicht auf ein Alter ohne Kinder und Enkel schreckt sie nicht. Langweilig werde ihr sicher nicht und die Hoffnung, dass sich die Kinder um einen kümmern, wenn man Hilfe braucht, erfülle sich in vielen Familien ohnehin nicht. Und dass ihre Geschichte mit ihr endet, es also keine Fortsetzung oder Weiterleben in den nachfolgenden Generationen gibt – auch ein Motiv, warum sich Menschen entscheiden, Eltern zu werden – ist für sie keine schlimme Vorstellung. „Dass dann nichts mehr kommt, ist okay.“
Die junge Berlinerin Lena will sich die Option auf Kinder gar nicht mehr offen lassen. Noch dieses Jahr will sie sich sterilisieren lassen. Nach längerem Suchen hat sie inzwischen einen Arzt gefunden, der den Eingriff in seiner Praxis macht. Viele Niedergelassene verweisen auf die Klinik oder sterilisieren erst, wenn die Frau schon ein Kind hat oder älter ist.
Aber Lena will jetzt Tatsachen schaffen. „Ich will keine Hormone mehr nehmen und mir nicht ständig Gedanken machen, ob ich schwanger sein könnte“, sagt die Berlinerin. Für sie ist klar: „Es ist meine Entscheidung, ich muss auch mit den Konsequenzen leben.“