Mit dem Regen werden in der Regel die Pollen aus der Luft gespült – stimmt das? Foto: 7aktuell.de/Simon Adomat

Wenn es regnet haben Allergiker normalerweise Grund zum Aufatmen. Bei einigen Menschen sind Schnupfen und Atemnot jedoch bei Regen besonders schlimm. Wir haben bei Experten nachgefragt, woran das liegt.

Stuttgart - Mit dem warmen Jahreszeit verbinden viele Menschen ausschließlich schöne Dinge: die Blumen blühen, zwischen Freibadbesuch und Grillabend trocknen die Haare an der Luft und nachts wird mit offenem Fenster geschlafen. Frühling und Sommer sind immer auch ein bisschen wie Urlaub – zumindest für gesunde Menschen.

Für Allergiker ist es die Zeit der Taschentücher und Tabletten, Nasensprays und Augentropfen. Pollenflug heißt für den Allergiker: Fenster zulassen, jeden Abend Haare waschen und Kleidung aus dem Schlafzimmer verbannen.

Wenn ein Gewitter kommt, atmen viele Allergiker auf. Mit dem Regen werden in der Regel die Pollen aus der Luft gespült – heißt es zumindest. Dennoch beschleicht den ein oder anderen Pollengeplagten das Gefühl, dass die Allergie direkt nach einem Regenschauer besonders schlimm ist.

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Gewitter-Asthma kann tödlich enden

Dr. Karl-Christian Bergmann, Leiter der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst und Allergologe an der Berliner Charité, hat nicht nur eine Erklärung für dieses Phänomen, sondern auch einen Namen: Gewitter-Asthma. Auf Nachfrage unserer Zeitung erklärt er, was es damit auf sich hat: „Im Rahmen eines Gewitters erhöht sich im Sommer die Gräserpollenkonzentration in der Luft“, so Bergmann. Wenn es dann zu regnen anfange, werde ein Großteil der Pollen aus der Luft gespült. Soweit die gute Nachricht. Auf der anderen Seite bringe der Regen einen Teil der Pollen zum Platzen und setze damit feine Allergene frei. „Das Gefährliche daran ist die Größe“, betont der Allergologe.

„Gräserpollen sind etwas 14 bis 20 Mikrometer groß und können problemlos gefiltert werden“, so Bergmann, denn die menschliche Nase filtere alles, was größer ist als 10 Mikrometer. Die freien Allergene aus den aufgeplatzten Pollen seien aber „so klein, dass sie in die Lunge gelangen und so starkes Asthma auslösen können, dass man an akuter Atemnot sterben kann.“

Im australischen Melbourne habe es in diesem Zusammenhang bereits Todesfälle gegeben, erinnert Bergmann. Im November 2016 hatten dort Hunderte Menschen nach einem heftigen Gewitter über Atemnot geklagt. Trotz dieser Geschichte warnt der Allergologe vor einer Dramatisierung: „In Europa sind solche Gewitter-Asthma bei weitem nicht so gut dokumentiert“, sagt er. Auch andere Faktoren könnten bei den Asthma-Anfällen eine Rolle spielen, mutmaßt er, „Feinstaub oder Ozon zum Beispiel“.

Allergikern und Asthmatikern rät Bergmann bei Gewitter zu Hause zu bleiben und die Fenster geschlossen zu halten. Etwa eine halbe Stunde bis Stunde nach dem Regen könne man dann die frische Luft genießen.

Regen fördert Pflanzenwachstum – ein Teufelskreis

Professor Peter von den Driesch, ist Ärztlicher Direktor des Zentrums für Dermatologie, Phlebologie und Allergologie im Klinikum Stuttgart. Er bestätigt die luftreinigende Wirkung von Gewittern. „Grundsätzlich ist die Auswaschung der Luft durch Regen natürlich positiv." Er gibt jedoch zu bedenken, dass Wasser und Sonne ideale Faktoren für die Pflanzen seien und eben auch ein Grund dafür, dass Gräser und Bäume stark blühen. Kurz gesagt: Der Regen reinigt zwar die Luft, fördert aber gleichzeitig den Pflanzenwachstum und die Blüte – ein Teufelskreis.

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