Bulgarische Roma-Jungen spielen im Armenviertel von Plowdiw. Foto: AFP

Die Familien der mutmaßlichen Täter der Gruppenvergewaltigung von Mülheim sollen aus Plowdiw in Bulgarien stammen, der Stadt mit Europas größtem Roma-Viertel. Armut und Ausgrenzung prägen deren Alltag.

Belgrad - Mit Angaben zu den minderjährigen Tätern der Gruppenvergewaltigung von Mülheim hält sich die Polizei bewusst zurück. Doch die Anzeichen verdichten sich, dass die türkischsprechenden Kinder aus Europas größtem Roma-Viertel Stolopinowo in Plowdiw stammen: Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung prägen den Alltag von den auch in ihrer Heimat sehr schlecht integrierten Bewohnern.

Rund 50 000 Roma und Angehörige von Bulgariens türkischer Minderheit zählt der völlig heruntergekommene Stadtteil, in dem schon seit Jahrzehnten keine nennenswerten Investitionen in die Infrastruktur getätigt worden sind. Ehen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen sind keine Seltenheit: Nicht Bulgarisch, sondern Türkisch ist die Umgangssprache in dem Problemviertel von Europas derzeitiger Kulturhauptstadt Plowdiw.

Türkischsprachige Roma finden in Bulgarien heute kaum Arbeitsplätze

Zu sozialistischen Zeiten verdienten die Bewohner von Stoliponowo ihr Auskommen meist in staatlichen Tabaks- und Fleischerei-Kombinaten. In den 90er Jahren waren Roma-Hilfsarbeiter oft die ersten, die in den kriselnden Staatsbetrieben entlassen wurden. Sie sind bis heute die letzten, die in der Privatwirtschaft eine Anstellung finden können. Nicht nur wegen ihrer mangelhaften Bulgarisch-Kenntnisse haben sich die Roma in der Nachwende-Marktwirtschaft nur schwer zurechtgefunden.

Neben zunehmenden Anfeindungen rechtsextremer Gruppen und Bürgerwehren macht der Minderheit bis heute die stille oder offene Diskriminierung bei der Arbeitssuche zu schaffen: Obwohl Plowdiw als Boomstadt Bulgariens gilt, sind die Bewohner von Stoliponowo bei den örtlichen Firmen als Arbeitnehmer kaum gefragt. Roma-Aktivisten klagen zudem, dass die Anstrengungen privater Stiftungen, vermehrt Roma-Kinder auf Schulen außerhalb des Viertels zu schicken, um deren Bulgarisch-Kenntnisse zu verbessern, unter der derzeit regierenden rechtsnationalen Koalition in Sofia praktisch zum Erliegen gekommen seien.

Wegen ihrer Sprache siedeln sich die Familien gern in deutschen Türkenvierteln an

Nur noch ein kleiner Teil der Viertelbewohner lebt vom traditionellen Kunstschmiedehandwerk oder Gemüse- oder Textilhandel: Viele sind arbeitslos, leben von der bulgarischen Sozialhilfe oder den Überweisungen ihrer nach Bulgariens EU-Beitritt 2007 verstärkt nach Westeuropa ausgewanderten Verwandten.

Wegen ihrer Türkischkenntnisse siedelten sich die Armutsmigranten aus Stoliponowo damals vor allem in den deutschen Türkenhochburgen des Ruhrgebiets, aber auch in Frankfurt an. Die Zeiten, dass junge Frauen aus Stoliponowo den Straßenstrich der Ruhrgebietsstädte bevölkerten, sind laut Roma-Aktivisten im Viertel zwar weitgehend vorbei. Doch ob als Hilfsarbeiter auf dem Bau, Putzhilfe oder Zweitfrau türkischer Immigranten: Auch in der deutschen Fremde sind die Getto-Flüchtlinge oft nur schlecht integriert.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: