Am Ende bleibt das Opfer meist allein. Foto: Imago/photothek/Thomas Koehler

Problem erkannt, Gefahr gebannt? Nein. Dass Kinder von Mitschülern systematisch schikaniert werden, ist bekannt. Warum Schulen das Problem trotzdem nicht in den Griff bekommen.

„Ich will so einfach nicht mehr leben!“ Als Anna (Namen geändert) diesen Satz von ihrem Sohn Tim das erste Mal hört, wechseln sich Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut ab, gemischt mit einer Fassungslosigkeit über fehlende Werte und Boshaftigkeit in einer Gesellschaft, die doch vorgibt, so tolerant zu sein.

 

Tim ist 15, geht auf ein Gymnasium und wird gemobbt. So sehr, dass er in seinem Leben, zumindest in dem einen Teil, der in der Schule stattfindet, keinen Sinn mehr sieht. Der eingeschaltete Lehrer ist geschockt, empört und gleichzeitig nicht sicher, ob Tim und Anna tatsächlich die Wahrheit sagen.

Er stellt die Mobber zur Rede, und die Beschuldigten geben vor, kein Vergehen bemerkt zu haben. Die Eltern der Mobber reden von Missverständnissen, denn ihre Kinder würden so etwas doch nie tun. Die Zeugen schweigen, denn sie ahnen, sie könnten die Nächsten sein. Mobber sind entweder gefürchtet oder geschätzt.

Mobbing heißt: Übergriffe wiederholen sich

Ärgern ist nicht automatisch Mobben. Mobbing beginnt, wenn Gewaltübergriffe – seien sie physischer oder psychischer Natur – wiederholt vorkommen, wenn das Opfer immer wieder angefeindet, ausgelacht, schikaniert, diskriminiert oder gar geschlagen wird.

„Das Opfer wird schädigenden Verhaltensweisen ausgesetzt, reagiert hilflos und kann sich nicht gegen diese Übergriffe wehren“, erklärt Wolfgang Kindler, Lehrer, Mobbing-Experte und Autor mehrerer Ratgeber für Mobbing-Geschädigte. „Deshalb wiederholt sich das Mobbing, denn die Täter fühlen sich durch die Hilflosigkeit des Opfers bestärkt.“

Das macht auch Eindruck auf die vermeintlich neutralen Schüler drum herum, denn mit Mobbern will sich keiner anlegen. Die Folge: Wegschauen oder Mitmachen. Und so bleibt der Gemobbte meist allein. Dabei bräuchte es Hinschauen, Aufbegehren und Zivilcourage.

Niemand will eine Petze sein

Die Angst, sich zu empören und auszupacken, sitzt tief, sowohl bei Zeugen als auch bei Opfern. „Petze“ sein will niemand. Das würde ohnehin alles nur noch schlimmer machen. Und der Gemobbte, findet so mancher Lehrer, „ist aber auch komisch“.

„Den größten Fehler, den die Lehrer machen können, ist, dem Opfer die Schuld zu geben. Denn viele Gemobbte verändern ihre Verhaltensweisen, schämen sich, reagieren mit Rückzug oder Aggression.

Aber der Schüler ist nicht komisch. Er ist komisch gemacht worden“, sagt Kindler. „Und selbst wenn ein Schüler ein auffälliges Verhalten zeigt, müssen die Mitschüler verantwortungsbewusst sein und ihn nicht quälen.“

Das Fehlen von Anti-Mobbing-Strategien im Lehramtsstudium begünstigt ein Hinwegsehen über Verstöße auf dem Schulhof und im Klassenzimmer. Gespräche mit Tätern, Opfern und Eltern sind mühsam und zeitaufwendig. Und so werden auch weiterhin Ranzen hinter Hecken versteckt, Schüler in den Nacken geschlagen oder „Du fette, schwule Sau“ genannt.

Kindler sagt: „Jedes Mobbing drückt die Schwäche einer leitenden Person aus, sei es in der Schule oder in Betrieben. Lehrer müssen konsequent eingreifen und einen guten Draht zu den Schülern haben, damit das Vertrauen da ist, Probleme und Missstände mitzuteilen.“

Ein kompetentes Einmischen aller Lehrpersonen fordert Kindler, kein schnödes „Jetzt hört aber mal auf!“. Eine Konfrontation zwischen Täter und Opfer ist ebenfalls nicht sinnvoll, denn der Täter hat plausible Erklärungen für sein Verhalten oder Unschuldsbeteuerungen parat, während das Opfer klein beigibt oder sich gar entschuldigt.

Wer sich jedoch nachweislich falsch verhält, muss manchmal eben einfach bestraft werden: durch Ausschluss vom Unterricht, von Klassenfahrten oder im extremen Fall durch Schulverweis. Das Mitgefühl für die Täter hält sich bei den Angehörigen der Opfer im Rahmen, selbst mit dem Wissen, dass Mobber oft ein problematisches Elternhaus haben, vielleicht sogar selbst zu Hause leiden müssen.

Meist läuft es jedoch ohnehin anders, weiß Beate zur Nieden. Die Rechtsanwältin, Co-Autorin von „Vereint gegen Mobbing in der Schule“ und betroffene Mutter beklagt, dass in der Regel die Opfer die Schule wechseln.

„Dabei sollten nicht die Opfer lernen, wie sie mit der Gewalt zurechtkommen“, sagt zur Nieden, „sondern die Schule muss unterbinden, dass Gewalt ausgeübt wird. Sie hat eine Aufsichts- und Fürsorgepflicht, und da kann man ihr im Zweifel auch juristisch auf die Füße treten.“

Den Tatbestand Mobbing gibt es nicht

Doch machen klagende Eltern der Schule keine Freude. Und Aussicht auf Erfolg hat ein juristisches Verfahren noch lange nicht, denn psychische Gewalt wird in der Gesellschaft nach wie vor nicht als Straftat angesehen.

„Leider gibt es bei uns keine Gesetze, die den Tatbestand Mobbing betreffen, und auch keine medizinischen Diagnosen, die die Traumatisierung des Opfers erfassen“, so die Juristin. „Man wird kaum einen Staatsanwalt finden, der psychische Gewalt bestraft, weil es immer scheitern wird an fehlenden ärztlichen Attesten oder Kausalitätsnachweisen.“

Ein blaues Auge ist sichtbar, eine geschundene Seele nicht. Dabei ist erwiesen, dass psychische Verletzungen die gleichen Regionen im Gehirn aktivieren wie physische. Und jeder kann zum Opfer werden: Mal ist man zu dick, mal zu klein, mal zu schlau und mal zu schön; auf jeden Fall zur falschen Zeit am falschen Ort.

„Wir müssen nicht alle mögen, aber alle respektieren“

„In einer Gesellschaft, die vielfältig sein will, müssen wir nicht alle mögen, aber alle respektieren“, wünscht sich zur Nieden. Ihr Sohn ist kein Opfer, hat sie entschieden, denn er hat schließlich eine Krise bewältigt.

Und auch Tim geht wieder in die Schule. Er und seine Mobber haben sich die Hand reichen müssen. Die Schikanen haben aufgehört. Vorerst. Wenn es wieder anfängt, wird er die Schule wechseln. Die Täter werden bleiben.

Was hilft?

Mobbing-Tagebuch
Es empfiehlt sich, ein exaktes Protokoll zu führen: Was ist wann mit wem passiert. Es macht Mühe, aber man sollte so genau wie möglich jeden einzelnen Vorfall genau beschreiben, ebenso die Tage, an denen nicht gemobbt wird.

Notruf
Wer unter Mobbing oder gar Selbstmordgedanken leidet, kann sich Tag und Nacht an die Telefonseelsorge wenden: 08 00 / 111 0 111.