Der Hochbausbau ist als unfertiger Klotz meilenweit zu sehen. Foto: Gottfried Stoppel

Der Insolvenz des Wohnturms in Fellbach sind schon zwei weitere Konkurse an gleicher Stelle vorausgegangen. Der Versuch der Stadtväter, eine Pleite zu reparieren, zieht die nächste Fehlinvestition nach sich. Ein Blick zurück auf 25 Jahre und eine Kette von enttäuschten Hoffnungen.

Fellbach - Als läge ein Fluch auf dem Grundstück: In 25 Jahren hat es drei Pleiten auf dem Areal der Tower-Baustelle am östlichen Stadtrand Fellbachs gegeben. Der halb fertige Wohnturm, dessen Beton 107 Meter hoch ragt, ist die dritte.

Viele Fellbacher dürften sich noch an den nüchternen Zweckbau, eine flache Industriehalle mit kleinem Verwaltungsgebäude, auf dem heutigen Gewa-Grundstück in der Friedrich-List-Straße erinnern. Seit 1967 hat die Ferdinand Fromm GmbH dort Holzbearbeitungsmaschinen hergestellt. Im Alter von 90 Jahren geht die Firma im Juli 1992 in den Konkurs. Von ihr stammt der Name, der noch manchmal zu lesen ist: das Fromm-Areal.

Um das Grundstück zu veredeln und die Firma zu retten, lässt die Stadt Fellbach im Bebauungsplan ein Hotel zu. Der gesuchte Investor tritt auch bald auf: Jung, smart, von seiner Idee überzeugt: Rainer Binder und seine VKB-Bauträger GmbH aus Nufringen versprechen, ein Hotel mit 215 Ein-Zimmer-Apartments der gehobenen Klasse unter dem Namen „Le Village“ zu bauen. Protzig kommt das Projekt manchem im Fellbach vor. Aber die letzten Bauarbeiter ziehen bis 1995 ab, ohne den Rohbau fertiggestellt zu haben.

Die VKB-Bauträger GmbH stellt im Oktober 1996 Konkursantrag. Das Amtsgericht Stuttgart lehnt am 3. Februar 1997 eine Eröffnung des Konkursverfahrens mangels Masse ab.

Eine Rattenkolonie macht sich breit

Ab dieser Zeit grüßen bis weit ins neue Jahrtausend vier Betonwände ohne Dach, drei Stockwerke hoch, die zahlreich vorbeifahrenden Autofahrer. Ein Schandfleck optisch und hygienisch: Eine Rattenkolonie, gut zu beobachten bei Ausflügen in die Gärten jenseits der Eberhardstraße, macht sich breit. Die Plage sorgt für Schlagzeilen, nicht zum ersten Mal. Einen neuen Investor zu finden, wird zur ersten Bürgerpflicht des Oberbürgermeisters. OB Friedrich-Wilhelm Kiel schlägt eine „Heron-City“ vor, ein Einkaufs-, Erlebnis- und Fitnesszentrum mit einem Kinopalast, 4000 Sitzplätze groß, als Herzstück vor. Zwei Millionen Besucher im Jahr hätte der Komplex anziehen sollen. Ihm wird „Gigantomanie“ vorgeworfen. Einen kleinen Discounter dagegen lehnen die Verwaltung und der Gemeinderat ab: Er hätte eine Zufahrt benötigt auf die Friedrich-List-Straße und die Eberhardstraße, die damals noch stark befahren sind. Außerdem sollen Innenstadtgeschäfte vor Konkurrenz am Ortsrand geschützt werden.

Bis ins Jahr 2006 zieht sich die unappetitliche Hängepartie auf dem Fromm-Areal ohne weitere zündende Ideen hin. Dann kommt der erfahrene und stets über die Realisierungschancen seiner Projekte optimistische Investor Michael G. Warbanoff mit der Vision eines Wohnhochhauses. Bei der Mehrheit des Gemeinderats wird er mit offenen Armen empfangen. OB Christoph Palm hat ihn nach Fellbach gelockt, nachdem er in Winnenden mit dem Markthaus eine komplizierte städtebauliche Aufgabe gut gelöst hatte.

Warbanoffs Lösung zielt auf Größe und Exklusivität: Damit sich ein Neubau auf dem teuer erworbenen Grundstück – ein Vorbesitzer hat es für zwei Millionen Euro ersteigert – mit der finanziellen Belastung hoher Abrisskosten rentiert, will er die Fläche gut ausnützen: „Gigantische Siedlung soll Schandfleck ersetzen“, titelt die Fellbacher Zeitung im Jahr 2006, als Warbanoff seine Pläne erstmals der Öffentlichkeit darlegt. Von 240 Mietwohnungen, einem Hotel und einem Ärztehaus für zusammen 70 Millionen Euro ist anfangs die Rede. Der Wohnturm nach Plänen des Backnanger Architekten Jörg Wolf ist 85 Meter hoch. „Das ist das Ei des Kolumbus. Eine geniale städtebauliche Lösung“, jubelt OB Christoph Palm. Warbanoff hofft auf einen ersten Spatenstich im Oktober 2007.

Aber gleichzeitig geht ein Aufschrei durch die Stadt, als sich die Bürger den schlanken Baukörper in seiner ganzen Höhe vergegenwärtigen. „Fellbach ist nicht Manhattan“ nennt sich eine Initiative, unterstützt von der SPD und den Grünen, einer Minderheit im Gemeinderat. Den angestrebten Bürgerentscheid erklärt aber das Verwaltungsgericht Stuttgart Ende März 2010 aufgrund der damaligen Fassung der Gemeindeordnung wegen eines Fristversäumnisses für rechtswidrig.

Der Turm wächst weiter

Der Turm wächst sogar noch weiter in die Höhe – zuerst aber nur auf Papier: 107 Meter, das dritthöchste Wohnhochhaus in Deutschland soll er nun werden. Diese Erlaubnis kann man als eine Gegenleistung des Gemeinderats verstehen: Denn um die Nachbarrechte wegen des viel beklagten Schattenwurfs zu wahren, verlangt die Stadtverwaltung vom Investor, die Häuserzeile am nördlichen Grundstücksrand, an der Eberhardstraße, um ein Stockwerk zu verkleinern. Heute ist das aus dieser Randbebauung hervorgegangene Projekt „Turrealis“ mit 152 Mietwohnungen in sieben Häusern anders als der Gewa-Tower fast fertig. Die Firma Weisenburger aus Rastatt hat es anstatt der Gewa realisiert. Die meisten Wohnungen sind bezogen.

Nach langer Ungewissheit, erst Ende des Jahres 2011, finden Vater Michael und Sohn Mark Warbanoff einen überraschenden Weg, ihr Projekt zu finanzieren: Statt sich ein Bankkredit zu holen, gibt die Projektgesellschaft Gewa 5 to 1 GmbH und Co. KG der Familie Warbanoff eine Mittelstandsanleihe mit einem Volumen in Höhe von 35 Millionen Euro aus. Inoffiziell ist zu hören, dass zuvor eine Großbank in den Nachwehen der Finanzkrise abgesprungen ist. Die Anleihe wird voll gezeichnet, zahlreiche Anleger greifen zu. Der Gemeinderat Fellbach sieht sich zu diesem Zeitpunkt nicht als blauäugig oder leichtgläubig gegenüber dem Tower-Investor an. Ob Kredit oder Anleihe – er verlangt einen nachprüfbaren Finanzierungsplan, um zu vermeiden, dass erneut eine Bauruine zurückbleibt. Das neue Konzept prüfen zwei Fachleute und finden die Risiken überschaubar. Der erleichterte Gemeinderat gibt die Bauarbeiten im Mai 2014 frei.

Der erste Spatenstich im selben Monat wird ein Anlass für Jubelarien: „Sie haben uns von einem Schandfleck befreit“, dankt OB Christoph Palm. Die Warbanoffs gehen zu dieser Zeit – auch ohne die bereits verkaufte nördliche Randbebauung „Turrealis“ – von Baukosten in Höhe von 61,5 Millionen Euro aus. Dazu reichen die 35 Millionen Euro aus der Anleihe nicht. Das fehlende Geld erhoffen sie sich aus den je nach Baufortschritt von den Wohnungskäufern zu zahlenden Raten. Insgesamt sollen die Wohnungen samt den Stellplätzen 59,5 Millionen Euro erlösen. Das nach einigen Umplanungen am südlichen Rand verbliebene Hotel soll 7,8 Millionen Euro bringen .

Endlich ist auf der Baustelle mehr zu sehen als Ruinen oder Schutthaufen. Dort werden allein für den Turm 65 Pfähle mit einem Durchmesser von 1,20 Metern 40 Meter weit in den Boden gebohrt, weitere 47 mit 90 Zentimetern Durchmesser und eine 2,5 Meter starke Betonplatte werden für die Tiefgarage errichtet, um für Standfestigkeit zu sorgen.

Von April 2015 an geht es auch in die andere Richtung – eine Kletterschalung schiebt sich in Schritten von 40 Zentimetern nach oben, und rund um die Uhr sorgen im Schichtbetrieb arbeitende Bautrupps dafür, dass der Beton am oberen Ende nie trocken wird. So entsteht ein Gebäude „aus einem Guss“. Es dauert bis zum 9. September im Jahr 2016, als sie auf dem Dach des Stockwerks 34 ankommen und Richtfest feiern.

Die Gerüchte verdichten sich

Bald danach verdichten sich die schon seit langem um das Gebäude rankende Gerüchte über finanzielle Schwierigkeiten. Am 11. November gibt die Gewa 5 to 1 bekannt, dass ein Baustopp verhängt worden sei. Man verhandle mit dem Generalunternehmer Baresel GmbH um den Weiterbau, heißt es. 44 von 66 Wohnungen sind zwar verkauft, aber die stellen sich fast durchgehend als vergleichsweise günstige Angebote in den unteren Stockwerken heraus mit einem Quadratmeterpreis von 3200 bis 4500 Euro. Nur eine Wohnung aus dem Luxus-Segment mit 7800 Euro pro Quadratmeter findet bis dahin einen Käufer. Würden nur diese 44 fertiggestellt, hätte die Gewa bis zur Fertigstellung einschließlich der Tiefgaragen-Plätze 23,7 Millionen Euro eingenommen. Das heißt: Bei einem erwarteten Gesamterlös von 59,5 Millionen Euro allein für die Wohnungen und Tiefgaragenplätze sind erst etwa 40 Prozent verkauft – nach bald zehn Jahren Werbung.

Das Hotel, es soll ein „Tulip Inn“ werden, schlagen die Warbanoffs im Oktober los. Der Erlös fließt aber nicht: „Der Vollzug des Verkaufs erfordert unter anderem die Fertigstellung des Hotels sowie die Abnahme des Hotelprojektes durch den Erwerber“, so heißt es in einer Mitteilung. Mit dem Erlös kann die Gewa die Kosten für den Weiterbau also nicht decken.

Jetzt überschlagen sich die Ereignisse: Die Verhandlungen um den Weiterbau scheitern. Am gleichen Tag noch, am 18. November, kündigt die Gewa 5 to 1 an, ein Insolvenzverfahren zu beantragen. Am 21. November geschieht dies auch. „Ausbleibende Zahlungen“ beanstandet der Generalunternehmer in einer Mitteilung.

Die längst bekannt gegebenen Zahlen lassen das Fiasko ablesen: Laut Halbjahresabschluss zum 30. Juni 2016, der am 13. September vorgelegt wurde, hat die Gewa 5 to 1 bis zu diesem Zeitpunkt insgesamt 38,2 Millionen Euro investiert, aber nur 10,9 Millionen Euro an Vorauszahlungen von Wohnungskäufern sowie 35 Millionen Euro aus der Platzierung der Anleihe zur Projektfinanzierung eingenommen. Offenkundig fehlt Geld, um die 61,5 Millionen Euro, die der Turm kostet, tatsächlich zu investieren.

Um die Zukunft des Towers kümmert sich jetzt der vom Amtsgericht Esslingen eingesetzte vorläufige Insolvenzverwalter Ilkin Bananyarli. Er führt mit zahlreichen Investoren Gespräche um den Weiterbau und sucht Lösungen in enger Abstimmung mit den Anleihegläubigern. „Solche Verhandlungen sind zeitintensiv, da wir mit allen Verfahrensbeteiligten Gespräche führen“, bittet Bananyarli in einer Stellungnahme vom 12. Januar um Verständnis. Doch er zeigt sich optimistisch. Die Baresel GmbH hat sich derweil bereit erklärt, das Projekt fertig zu bauen. Welche Bedingungen sie daran knüpft, ist unklar. Mehr Licht dürfte eine Gläubigerversammlung ins Dunkel des unfertigen Towers bringen. Sie wird noch im Januar stattfinden.

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