Kundgebung der Mütter und Hebammen für einen Erhalt der Gynäkologie in Leonberg. Foto: Jürgen Bach/Jürgen Bach

Die Zentralisierung der Gynäkologien hat nichts mit Patientennähe zu tun, meint unser Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.

Roland Bernhard und Alexander Schmidtke haben eine turbulente Woche hinter sich. Der Landrat des Kreises Böblingen und der Geschäftsführer des Klinikverbundes Südwest mussten auf gleich zwei Informationsabenden erklären, warum nicht unbeträchtliche Teile der medizinischen Versorgungslandschaft umgepflügt werden sollen. Aus dem Herrenberger Krankenhaus soll ein Gesundheitszentrum werden, mit einer Klinik im klassischen Sinne hat das nichts mehr zu tun. Die Pläne für Leonberg sind nicht ganz so drastisch, doch die Gynäkologie steht hier zur Disposition. Was beide Standorte verbindet: Die erfolgreichen hebammengeführten Geburtenstationen sollen verschwinden.

 

Schon jetzt ist der Andrang zu groß

Dagegen regt sich Widerstand, und zwar zunächst einmal kein politischer, sondern jener der Betroffenen: vor allem von Müttern, Hebammen und Ärztinnen. Denn dass für sämtliche Geburten im Bereich des Klinikverbundes, der die Landkreise Böblingen und Calw umfasst, künftig nur noch zwei Standorte vorgesehen sind, halten die Geburtshelferinnen für schlicht nicht machbar.

Auf den Infoveranstaltungen haben sie eindrücklich geschildert, wie eng es schon jetzt auf den noch vorhandenen vier Geburtsstationen zugeht. Oft müssen werdende Mütter abgewiesen werden. Und das ist keine ausschließliche Problematik des Klinikverbundes. In vielen Kreißsälen in der Region fehlt es an Kapazitäten. Erlebt also die Hausgeburt eine Renaissance? Das wiederum halten medizinische Fachleute für hochproblematisch, da in Notfällen viel zu spät reagiert werden könnte.

Und noch ein wesentlicher Punkt spricht dafür, beim Umbau des Klinikverbundes in der Frauenmedizin keine Zentralisierung um jeden Preis zu betreiben: Nach den hervorragenden Erfahrungen in Herrenberg wurde vor einem guten Jahr in Leonberg der hebammengeführte Kreißsaal eingeführt. Noch bis vor wenigen Wochen galt er als Vorzeigebereich, wichtiger Teil eines Innovationskurses im Klinikverbund, um neue Zielgruppen anzusprechen. All das spielt nach dem Gutachten des Hamburger Beratungsunternehmens Lohfeldt & Lohfeldt keine Rolle mehr. Abbau ist die Devise.

Alleinstellungsmerkmal hebammengeführter Kreißsaal

Gewiss: Die Personalvorgaben für einen medizinischen 24-Stunden-Betrieb machen es in Zeiten des Fachkräftemangels nicht leicht. Aber zumindest in Leonberg ist die Rund-um-die-Uhr-Präsenz ohnehin gesetzt. Ärzte sind auch mitten in der Nacht präsent.

Das Alleinstellungsmerkmal des hebammengeführten Kreißsaales jetzt einfach so dranzugeben, ist übrigens auch aus wirtschaftlichen Erwägungen sträflich. Oder glaubt allen Ernstes einer der Klinikstrategen, dass Mütter aus der Region Leonberg nach Böblingen gehen, wenn in Stuttgart qualifizierte Krankenhäuser näher sind? Noch ist Zeit, all das intensiv zu überdenken.