Ein Patient aus dem Zollern-Alb-Kreis fährt für die Nachsorge zu einer Operation nach Altdorf – weil er in seiner neuen Heimat keinen Hausarzt findet. Eigentlich paradox, da die Hausarztversorgung im Kreis Böblingen kaum besser ist.
Es klingt wie eine Werbegeschichte für das Ärzteangebot im Kreis Böblingen: Ein Patient fährt insgesamt dreimal rund 150 Kilometer in Summe von Albstadt im Zollern-Alb-Kreis nach Altdorf in den Kreis Böblingen, um sich in der Schönbuchgemeinde ärztlich versorgen zu lassen. Hausärztliche Einöde dort, umfassende Gesundheitsversorgung hier?
Betrachtet man den kuriosen Fall von Sven Stagge isoliert, könnte man ohne Weiteres zu diesem Schluss kommen. Der 38-Jährige wohnt in Albstadt, 75 Kilometer entfernt von Altdorf. Weil Stagge relativ frisch nach Albstadt gezogen ist und weder im Ort selbst noch anderswo im eher ländlich geprägten Zollern-Alb-Kreis über eine Hausarztanbindung verfügt, steht er ohne Arzt da. Ein Problem, denn der 38-Jährige hat gerade eine Bauchoperation hinter sich gebracht.
Wer macht die OP-Nachversorgung?
„Ich hatte im Juli eine Operation. Daraus ergab sich die Notwendigkeit, die Wunde nachzuversorgen, die Klammern zu ziehen und die Entzündungswerte zu checken“, erzählt Sven Stagge. Unzählige Anrufe bei allgemeinmedizinischen Praxen seien allerdings ins Leere gelaufen, die Antworten seien immer dieselben gewesen: keine Patientenaufnahme, keine Termine, keine Kapazitäten.
Weil Stagge irgendwann mit seinem Latein am Ende war, griff er nach eigener Aussage zu einer unkonventionellen Maßnahme: Er zog sich die Klammern, die die Narbe direkt nach dem Eingriff zusammengehalten hatten, mit Hilfe eines Freundes selbst. „Dennoch war klar, ein Arzt muss sich die Sache anschauen“, sagt Stagge. Seine Schwester gab ihm schließlich den Tipp, sich bei der Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung unter der Standardrufnummer 116 117 einen wohnortnahen Termin geben lassen. Das Ergebnis: Die Hausarztpraxis von Hans-Peter Schweizer im 75 Kilometer von seiner neuen Heimat entfernten Altdorf.
Altdorfer Internist hätte sich wohnortnahe Versorgung gewünscht
Bei Schweizer, seines Zeichens Internist in der hausärztlichen Praxis in Altdorf, bekam Sven Stagge einen freien Termin. Zwei Zeitfenster pro Woche bietet Schweizer an für solche Notfälle. Mit Verwunderung nahm der Internist allerdings die Hintergrundgeschichte Stagges zur Kenntnis: „Wir wissen alle, wie überlastet die meisten Arztpraxen sind. Dennoch fehlt mir das Verständnis dafür, dass man einen frischoperierten Patienten nicht wohnortnah nachversorgt. Es handelt sich bei der Wundbehandlung, der Krankschreibung und der Blutabnahme nicht um einen aufwendigen Fall. Da sollte man nicht abwimmeln.“
Fälle wie diesen, in dem ein Patient 150 Kilometer fährt, um behandelt zu werden, erlebt Hans-Peter-Schweizer zwar selten, dennoch ist der Ärztemangel ein Dauerbrennerthema. „Mittlerweile hapert es enorm in der Gesundheitsversorgung. Das Problem liegt darin, dass wir kaum Nachfolger finden für bestehende Praxen und jüngere Ärzte viel seltener neue aufmachen wollen. Zudem ist die Ausbildung sehr langwierig“, sagt der 54-Jährige. Seit Pandemiebeginn habe sich die Lage in der Versorgung verschlechtert.
Auch Altdorf kennt steigende Patientenzahlen
Er selbst sei in seiner Altdorfer Praxis noch in einer vergleichsweise komfortablen Situation, „Wir haben zwar auch einen starken Anstieg der Patientenzahlen zu verzeichnen. 2011 waren noch 1300 Patienten pro Quartal bei uns, heute sind es mindestens 2300. Privatpatienten noch nicht eingerechnet.“ Dass er nicht ganz so laut klagt wie andere Ärzte, erklärt Schweizer damit, dass er in seiner Praxis zwei weitere Kolleginnen beschäftigt und moderne Räume hat.
Mit seiner kurzfristigen Patientenaufnahme stellt Hans-Peter Schweizer wohl eher eine Ausnahme dar. Die meisten Hausärzte im Kreis Böblingen haben nämlich – ähnlich wie offenbar im Zollern-Alb-Kreis – kaum Ressourcen, um neue Patienten aufzunehmen oder bereits vorhandene immer zeitnah zu behandeln. So sieht das auch Annette Theewen, Vorsitzende der Kreisärzteschaft Böblingen: „Wenn Hausärzte freie Kapazitäten haben und dies an die Servicestelle so zurückmelden, ist das erfreulich für die Patienten. Der Alltag sieht aber so aus, dass alle am oder über dem Limit arbeiten. Es gibt menschliche Kapazitätsgrenzen.“
Mehr Termine löst das Problem nicht
Selbst wenn Ärzte mehr Termine schaffen würden, so die Sindelfinger Medizinerin, würde dies das Grundproblem – den akuten Ärztemangel – nicht beheben. „Je mehr Patienten man behandelt, umso mehr könnte auch die Behandlungsqualität leiden“, merkt Theewen an. Außerdem brauche es neben dem Arzt immer auch ein Praxisteam, das die zusätzlichen Schichten mittragen könne und wolle. „Da kommen wir dann in Richtung Burn-Out. Das gibt es im Ärztewesen schon zuhauf“, meint die Vorsitzende.
„Wir haben im Landkreis eine hausärztliche Versorgungsquote von 87 Prozent. 110 Prozent sollten es sein. Es gibt also eine Unterversorgung.“ Die Kassenärztliche Vereinigung beziffert den Versorgungsgrad im Kreis sogar mit 84,5 – nur ein halbes Prozentpunkt mehr als in Albstadt. „Uns fehlen bereits jetzt 30 Hausärzte. Diese Mangellage wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. Alleine in Sindelfingen sind 40 Prozent der niedergelassenen Hausärzte 60 Jahre und älter“, erläutert Theewen.
Einfache Lösungen mit schnellen Resultaten gebe es kaum. Annette Theewen sieht eine Umstrukturierung des Medizinstudiums, Kooperationen mit Kommunen, Erleichterungen bei der Praxisgründung und das Anwerben junger Mediziner in die jeweiligen Kreise als mögliche Stellschrauben. Sonst könnten Fälle wie der von Sven Stagge in den kommenden Jahren Schule machen.
Hausärzte sind im Kreis Böblingen Mangelware
Versorgungsgrad
Die Kassenärztliche Vereinigung beziffert den hausärztlichen Versorgungsgrad für den Kreis Böblingen auf 84,5 Prozent. Spitzenreiter in Baden-Württemberg ist Freiburg mit 130, Schlusslicht Backnang mit 74 Prozent.
Hausärztemangel
30 Ärztinnen oder Ärzte könnten sich laut Kreisärzteschaft im Bereich Allgemeinmedizin im Landkreis niederlassen. Dabei ist sowohl ein Praxiseinstieg als auch eine Praxisneugründung möglich.
Termine
Unter der Nummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 ist die Terminservicestelle erreichbar. Sie vermittelt freie Arzttermine. Nicht immer klappt das wohnortnah.
Vorschläge
Viele Ärztevertreter wünschen sich unter anderem eine Öffnung des Medizinstudiums, Förderung für junge Ärzte bei der Praxiseröffnung und Kooperationen mit Kommunen wegen möglicher neuer Praxisräume.