Klimaproteste können gesellschaftliche Veränderungen auslösen. Fridays for Future ist es gelungen, Massen zu mobilisieren. Das prägt die Debatte bis heute. Foto: Imago Images / MiS/Marcel MŸcke/M.i.S.

Eine deutliche Mehrheit ist laut Umfragen für Klimaschutz. Was müsste passieren, damit auch so gehandelt wird? Eine Antwort gibt die Idee sozialer Kipppunkte, die Gesellschaft abrupt verändern. Wie realistisch ist das?

Die Klima-Kipppunkte liefern Stoff für Katastrophenszenarien. Permafrostböden, die auftauen, Regenwälder, die gerodet werden, der Golfstrom, der strauchelt – Wissenschaftler warnen vor Unumkehrbarkeiten und vor einer wechselseitigen Dynamik zwischen den Kipppunkten. Eben dieser Dominoeffekt, in Gang gesetzt durch einen letzten Stupser, könnte gleichzeitig eine Lösung in der Klimakrise sein – angenommen, es gäbe soziale Kipppunkte. Diesem Modell nach können bestimmte Elemente ein soziales System zum Kippen bringen, wodurch eine Gesellschaft grundlegend die Richtung ändert. Zu diesen Elementen zählen beispielsweise das Ende von Investments in fossile Energien, Klimabildung, aber auch gesellschaftliches Engagement.

 

Transformation sei auf einem gutem Weg

Ilona Otto, Professorin an der Universität Graz in Österreich, war eine der Ersten, die den Begriff der sozialen Kipppunkte im Klimakontext definiert haben. Vor drei Jahren hat sie zusammen mit anderen eine Studie veröffentlicht. Sie hat dafür die Literatur durchkämmt und Workshops sowie Experten-Fragebögen eingesetzt. Ilona Otto ist eine interdisziplinär gut vernetzte Soziologin. In den zehn Jahren, in denen sie am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung gearbeitet hat, habe sie viel Kontakt zu Naturwissenschaftlern gehabt, berichtet sie. Da habe man sich immer wieder darüber ausgetauscht, was passieren müsste, damit die grüne Transformation gelingt. Das war die Genese des Modells von den sozialen Kipppunkten.

Die Studie ist, wie gesagt, drei Jahre alt. Ilona Otto erzählt, dass sie oft gefragt werde: „Wo stehen wir jetzt gerade? Ist es gekippt oder nicht?“ Doch das sei schwer zu sagen. „Ich habe natürlich keine Glaskugel“, sagt sie. „Aber es gibt schon Zeichen dafür, dass die Transformation auf dem Weg ist.“ Wer heute zum Beispiel ein Haus baue, entscheide sich für eine Wärmepumpe und nicht für eine Gas- oder Ölheizung. Insgesamt fehlen laut Otto aber Daten, um einen Wandel besser nachzuvollziehen: zu Emissionen, Investitionen und Kompensationen. Viele Firmen würden Greenwashing betreiben, also vorgeblichen Klimaschutz.

70 Prozent der Emissionen aus dem Energiesektor

Sollte die Theorie der sozialen Kipppunkte aufgehen, würde das bedeuten, dass der Einzelne mehr Wirkkraft hat, als er denkt. Weil er kollektive Veränderungsprozesse anstoßen kann. Schon tausendmal gehört die Frage: Was kann der Einzelne ausrichten? Die großen Konzerne würden doch nur den Fokus umlenken wollen. Und sicher, um die 70 Prozent der klimaschädlichen CO2-Emissionen stammen aus dem Energiesektor. Gleichzeitig waren die fossilen Energien lange bequemer Alltag, scheinbar endlos verfügbar und das erschwinglich. Ein bisschen also auch das Henne-Ei-Problem. Was war zuerst da, die Wünsche des Konsumenten oder das Angebot der Wirtschaft?

Die Sozialwissenschaftlerin und Professorin Anita Engels aus Hamburg hat sich diese beiden Faktoren, die den Klimaschutz beeinflussen und sich gegenseitig blockieren können, genauer angeschaut. Im interdisziplinären Forschungsteam aus dem Hamburger Exzellenzcluster Cliccs hat sie untersucht, von welchen Faktoren es abhängt, dass die Transformation zur Klimaneutralität gelingt. Die Forscher haben zehn soziale Faktoren identifiziert und sechs physikalische Prozesse. Unter den physikalischen Prozessen sind einige sogenannte klimatische Kipppunkte, unter den sozialen Faktoren transnationale Initiativen, Gesetze und Regeln, Klimaproteste, Klagen und dann eben Konsummuster und die Reaktion der Wirtschaft.

Der Markt für nachhaltige Produkte wächst

Es entstünden zwar Märkte für nachhaltige Produkte, sagt Engels. Doch die nicht nachhaltigen Produkte verschwänden nicht im selben Maße. Außerdem sei der Druck der Investoren global unterschiedlich stark ausgeprägt. Am besten wäre es, insgesamt weniger zu konsumieren, „aber dieser Trend ist nicht erkennbar“. Die Hamburger Wissenschaftler grenzen sich vom Modell der sozialen Kipppunkte ab, gleichwohl sie verwandte Themen bearbeiten. Ihre zugrunde liegende Fragestellung sei: Welche gesellschaftlichen Bedingungen ermöglichen oder verhindern, dass es zur Transformation kommt?“, sagt Engels. Erst auf dieser Grundlage kann man zeigen, wo die Akteure am besten ansetzen können. Und vor allem: Wie ist der Stand heute wirklich?

Dass es soziale Kipppunkte richten könnten, gehört für sie eher in die Kategorie Wunschdenken. „Es gibt Möglichkeiten, aber wir zeigen: Wir tun das nicht.“ Damit es sozial kippe, „dafür bräuchte es eine ungeheure Aktivierungsenergie“. Es gebe starke Beharrungskräfte. Und auch wenn sich Gesellschaften bewegen, meist gehe es nicht der Kipppunkt-Logik folgend unumkehrbar in eine Richtung. Es sei eher ein Vor-und-Zurück. Eine richtige Kipppunkt-Dynamik könne man eher bei einzelnen technologischen Innovationen sehen, die S-kurvenförmig verlaufen.

Wann Menschen ihr Verhalten ändern

Unter welchen Bedingungen Menschen ihr Verhalten kollektiv ändern, erforscht Immo Fritsche von der Universität Leipzig. Der Professor für Sozialpsychologie nennt die Idee der sozialen Kipppunkte „bestechend“. Er glaubt allerdings nicht, dass es so geradlinig funktioniert. „Es ist komplexer, als nur an der Werteschraube zu drehen.“ Fürs kollektive Denken und Verhalten seien soziale Normen seien ausschlaggebend. „Ihre Macht ist groß.“ Dabei werde unterschieden in präskriptive soziale Normen, die fragen: Welche moralischen Erwartungen hat eine Gesellschaft? Und in die deskriptive Normen, die fragen: Was macht die Mehrheit wirklich? Beispiel Tempo-30-Zone. Man sollte hier 30 Stundenkilometer fahren, doch der Durchschnitt liegt womöglich eher bei 48 Stundenkilometer. Daran orientiere man sich dann, weil man es als normal wahrnehme.

Diese Normalitätserwartung sei für die Debatte zur Transformation zentral. Wie viel sie beeinflusst, zeigen Experimente. In den USA habe man beispielsweise Nachbarschaften über lokale Umfrageergebnisse informiert, dass mehr als 75 Prozent der Nachbarn verschiedene Energiesparmaßnahmen praktizierten, berichtet Immo Fritsche. Das habe sich messbar bei den Adressierten ausgewirkt. „Es geht darum, die Wahrnehmung zu schärfen, was die Mehrheit will.“ Und es gehe meist unter, dass die Mehrheit für mehr Klimaschutz sei.

Wenn beispielsweise eine Freundesgruppe seit Jahren Urlaub auf Mallorca mache, könne man sich dem als Einzelner nicht ohne Weiteres entziehen. Hier funken Randbedingungen wie Freundschaft, Zugehörigkeit und Gewohnheit dazwischen. Aber: Warum nicht die Freunde fragen, ob auch mal eine Busreise schön wäre? Viele hätten dabei die Sorge, „sich zum Nerd zu machen, zum Außenseiter“, sagt Fritsche. Dabei sollte und müsse das gar nicht so sein. Sicherlich würden auch geänderte gesetzliche Vorschriften die Normalitätsvorstellungen verändern, wie die Gurtpflicht oder das Rauchverbot in Zügen und Gaststätten gezeigt hätten. Aber die Macht der Mehrheit dürfe bei gesellschaftlichen Veränderungsprozessen trotzdem nicht unterschätzt werden.