Das Schulhaus von Glashütte wird 125 Jahre alt. In dem Gebäude stecken viele alte Geschichten, einige davon wurden für das Jubiläum ausgegraben. Sie sind hochinteressant, unterhaltsam und gehen zu Herzen. Beim nahenden Festwochenende sind sie zu besichtigen.
Beate Robotka zeigt auf einem alten schwarz-weiß Foto auf ein Mädchen mit adretter Hochsteckfrisur, weißem Kragen und dicken Wollstrümpfen, das eine Schultüte im Arm hält und über beide Backen strahlt: „Das da bin ich“, sagt sie. Das Bild zeigt ihre Einschulung im Jahr 1965 im alten Schulhaus in Glashütte, einem Ortsteil von Waldenbuch. Robotka gehörte zu einem der letzten Jahrgänge, die noch in der Dorfschule das Lesen und Schreiben gelernt haben, denn 1971 wurde die Schule aufgelöst und die Dorfkinder mussten fortan zum Unterricht nach Waldenbuch gehen.
Geschichte wird lebendig
Das alte Backsteingebäude gibt es gleichwohl immer noch, und der Förderverein Schulhaus Glashütte, dessen stellvertretende Vorsitzende Beate Robotka mittlerweile ist, feiert am Wochenende das 125-Jahr-Jubiläum des altehrwürdigen Gemäuers. Neben Musik, Kaffee und Kuchen wird es eine Fotoausstellung mit historischen Bildern vom Schulhaus und aus dem Ort geben, die der Waldenbucher Heimathistoriker Wolfgang Härtel aus seinem Archiv zusammengesucht hat. Neben Robotkas Einschulung werden Klassenfotos von verschiedenen Jahrgängen zu sehen sein – das älteste von 1900 – , eifrige Schüler im Unterricht, Pubertierende im Schullandheim in den 1950er Jahren oder auch Aufnahmen vom Briefträger, von Bauern oder Schäfern, die jeder in Glashütte kannte.
Die Dorfbewohner kämpften für ihr eigenes Schulhaus
Um ein eigenes Schulhaus im Ort zu bekommen, hatten die Dorfbewohner lange gekämpft. Noch um 1850 herum war ihnen der Bau einer eigenen Dorfschule verwehrt worden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts setzten sie sich mit dem Wunsch durch, dass ihre Kinder vor Ort unterrichtet werden können. Ihr Einsatz war groß: „Die Glashütter haben das Schulhaus selber gebaut“, sagt Beate Robotka. 1898 feierten die 202 Einwohner, die damals im Dorf lebten, die Einweihung.
Im ersten Jahrgang waren es 33 Schüler, die in den Klassenstufen eins bis acht unterrichtet wurden. Sie lernten alle gemeinsam in einem großen Schulraum im Erdgeschoss. Das kleinere Zimmer daneben, erzählt Beate Robotka, sei Rathäusle genannt worden, weil dort der Dorfanwalt, der Vertreter des damals noch eigenständigen Ortes, seinen Dienst versah. Im ersten Stock war die Wohnung für den Lehrer, der auch den Garten zum Gemüseanbau nutzen durfte.
Wie aus Archivunterlagen hervorgeht, war der Lehrer neben dem Unterrichten auch für das Läuten der Glocken im Dachtürmchen zuständig, und zwar viermal am Tag. Hierfür sowie für das regelmäßige Aufziehen der Uhr bekam er zusätzlich zu seinem Lehrergehalt weitere 60 Mark im Jahr. Weiteren Lohn konnte er sich dazuverdienen, wenn er bei Beerdigungen die Glocken läutete – wie aus dem damaligen Vertrag hervorgeht, waren das „3 Mark die Leiche“. Ferner musste der Lehrer das Heizen des Schulhauses mit Holz und Koks übernehmen. „Miteingeschlossen ist das Heizen bei 12 Bibelstunden“, war vertraglich festgehalten.
Keine Schuhe, keine Schule
Unter welchen widrigen Umständen der Unterricht in der Nachkriegszeit stattfinden musste, wird in Entschuldigungsschreiben aus dem Jahr 1946 deutlich, die von Glashütter Müttern erhalten sind. So schrieb eine Mutter an den damaligen Oberlehrer Bauer: „Sehr geehrter Herr Bauer, leider kann ich heute Erwin und Gretel nicht in die Schule schicken, denn alle beiden haben keine Schuhe, habe ihnen nur Stoffhausschuhe und bei dem schlechten Wetter können sie mit diesen nicht ausgehn. Ich werde heute auf das Bürgermeisteramt gehen! Mit Grüßen, Frau B.“ Der Gang aufs Rathaus war nötig, da Schuhe damals nur mit einem Bezugsschein erworben werden konnten.
In einem anderen Entschuldigungsschreiben von 1946 ist zu lesen: „Sehr geehrter Herr Oberlehrer Bauer, Entschuldigen Sie bitte, das ich meine Kinder auß dem Schulunterricht fern gehalten habe. Ich habe schon mehrerentags keine Kartoffeln mehr und wie es mit dem Brot ist, das wissen Sie auch, Herr Oberlehrer Bauer. Es ist bestimmt war, das meine Kinder manchen Tag nichts warmes zu essen bekommen. Ich selber liege schon seit dem Dienstag wieder im Bett wegen meiner Augen-Geschichte, wenn sie H. Oberlehrer Bauer Ärger haben sollten bei dem Schulrat, dann sind Sie bitte so lieb und unterrichten mich davon, ich werde mich dort persönlich verteidigen zu wissen. Mit freundlichen Grüßen, Frau L.“
Der letzte Lehrer will auch kommen
In dem geschichtsträchtigen Gebäude werden bis heute Geschichten geschrieben. Denn es ist wieder ein zentraler Ort für die Glashütter: Der Liederkranz trifft sich dort zu Proben, die Volkshochschule bietet Kurse an, der Kindergarten kommt zum Turnen vorbei, es werden Hochzeiten, Taufen und Geburtstage gefeiert. Einmal im Monat bietet der Förderverein ein offenes Kaffeetrinken an, das sich über die Ortsgrenzen von Glashütte hinaus herumgesprochen hat.
Zum Jubiläumsfest hat der Förderverein alle Schulabgänger, die noch ausfindig gemacht werden konnten, angeschrieben und eingeladen. „Die Älteste, die wir kannten, ist Jahrgang 1930. Die kommt auch“, sagt Beate Robotka und freut sich, denn auch ihr ehemaliger Lehrer Walter Meyer – der letzte, bevor die Schule geschlossen wurde – habe sein Kommen zugesagt.
Die Glashütter hängen an ihrem Schulhaus
Besitzerwechsel
1972 verkaufte Waldenbuch das Gebäude an die Kirche. Fortan fanden sonntags dort Gottesdienste statt. 2006 wurde das alte Schulhaus zurück an die Stadt verkauft. 2009 gründete sich eine Initiative und es wurden Unterschriften gesammelt mit dem Ziel, das unter Denkmalschutz stehende Gebäude für die Öffentlichkeit zu erhalten. 2011 gründete sich der Förderverein Schulhaus Glashütte, der das Haus 2013 für einen symbolischen Euro kaufte. Anschließend wurde es umfassend renoviert.
Fest
Der Förderverein Schulhaus Glashütte lädt zur Jubiläumsfeier ins Schulhaus an der Hauptstraße 18 ein. Am Samstag, 23. September, geht es los um 15 Uhr mit Beiträgen des Liederkranzes Glashütte, später folgt Musik von den Lührlesbrothers und Los Forgessos. Sonntag, 24. September, gibt es von 11 Uhr an Weißwurstfrühstück unr Live Musik mit Otto. Ab 17 Uhr spielt der Posaunenchor.