Der Brunnen war 1909 das i-Dipfele der Altstadtsanierung. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Geißplatz samt Brunnen ist die Stube der Altstadt. Das ganze Quartier ist im Zuge der Altstadt-Sanierung von 1906 bis 1909 neu geschaffen worden. Zu seiner Geschichte gehören auch ein paar brachiale Momente.

S-Mitte - Unter Hochzeitspaaren genießt der Hans-m-Glück-Brunnen eine fast so große Beliebtheit wie die Solitude. Sommers wie winters drapieren Fotografen Frischvermählte vor dem volkstümlichen Bildhauerwerk. Die Popularität des 1909 von Josef Zeitler geschaffenen Brunnens gründet allerdings weniger auf seiner kulturhistorischen Ebenbürtigkeit mit dem Rokokoschloss des Herzogs Carl Eugen. Es ist eher die günstige Lage, die besticht: Vom Standesamt in der Eber­hardstraße ist das romantische Plätzle selbst in Brautschuhen in nur wenigen Minuten zu erstöckeln.

Ein verstecktes Selbstporträt

Kernstück des Brunnens ist Hans, ein pausbackiger Bursche auf einem goldenen Schwein, umfangen von einer käfigartigen Schmiedearbeit. Er kündet von einem sonderbaren Glück, von dem man gar nicht recht weiß, ob man es einem Brautpaar wünschen sollte oder lieber nicht. Heute, da sich schon junge Leute um ihre Rentenfinanzierung und zuverlässige Geldanlagen sorgen, dünken die Tipps vom Hans im Glück wenig zeitgemäß. Bekanntlich erhielt dieser für sieben Jahre Arbeit einen Goldklumpen zum Lohn. Diesen tauscht er gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans, und die Gans gibt er dann für zwei Steine her. Jedes mal reibt er sich die Hände ob des guten Geschäfts. Zuletzt fallen ihm die beiden Steine beim Trinken in den Brunnen. Doch Hans grämt sich nicht, er ist einfach bloß froh, dass er die Steine nicht mehr herumschleppen muss.

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Für den Bildhauer Josef Zeitler ist der Hans ein recht typisches Motiv. Während des Baubooms zu Beginn des 20. Jahrhunderts war er in Stuttgart ein gefragter Künstler und schuf neben Brunnen und Plastiken viele Reliefs, Erker und Figuren für Fassaden. Sein volkstümlicher, ot humorvoller und genrehafter Stil traf den Nerv der Zeit. Wer genau hinschaut, erspäht an den Häusern und in den Gassen rund um den Geißplatz, dessen Mitte der Hans-im-Glück-Brunnen ziert, noch zahlreiche weitere Werke Zeitlers.

An der Ecke Geißstraße 3 finden sich Medaillons mit Episoden zu Till Eulenspiegel, das ehemalige Weinhaus Geißstraße 12 ziert ein Neorenaissance-Portal mit Reben, Putti und Frauenköpfen. Das Bäckerhaus Geißstraße 15 ziert ein Erker mit Hänsel und Gretel. Den Fenstergiebel schmückt ein Relief mit kentaurartigen Mischwesen, die eine Brezel halten. Aber den absoluten Zeitler-Höhepunkt hält das Haus Geißstraße 7 bereit, das von zwei Geißböcken samt Storchennest und Froschkönig bekrönt ist und an den Ecken zwei höchst interessante Reliefs zeigt: Die linke Figur zeigt den Architekten Karl Hengerer mit Zeichendreieck und Zirkel und einem Vogel auf jeder Schulter. Die rechte Figur ist Josef Zeitler selbst mit Klüpfel als Hinweis auf das Bildhauerhandwerk und einer Maus auf jeder Schulter, als Symbol der Vergänglichkeit.

Der Architekt Karl Hengerer leitete in den Jahren 1906 bis 1909 die Altstadt-Sanierung, und Zeitler war „sein“ Bildhauer. Ende des 19. Jahrhunderts waren die ältesten Teile der Altstadt ziemlich heruntergekommen – schmutzig, dunkel, stickig. Man fürchtete Brände und Seuchen. Da trat der Bankier, Sozialreformer und Sponsor Eduard Pfeiffer auf den Plan, der eine neue Altstadt errichten wollte. Pfeiffer ließ Geiß-, Stein- und Eberhardstraße komplett umpflügen, riss unbeirrt die teils mittelalterlichen Gebäude ab und errichtete neue. Im Mai 1909 wurde das Quartier nach dreijähriger Sanierung eröffnet. Der Hans-im-Glück-Brunnen war sein i-Dipfele.

Helmut Horten lässt kacheln

Vor diesem Hintergrund erklären sich auch die Homogenität des Quartiers und sein fast puppenstubenhafter Charakter. Es ist nicht von gewachsener Struktur, sondern aus einem Guss. Die wenigen Fremdkörper sind später hinzugekommen. Besondere Erwähnung verdient hier die rückwärtige Fassade der Galeria Kaufhof. Sie ist die Botin einer anderen Ära, der Nachkriegsmoderne, deren Ästhetik auf völlig anderen Idealen fußt. Leicht blasiert lugt sie auf das idyllische Plätzchen herab.

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Jedes der 50 mal 50 Zentimeter großen Fassadenteile stellt ein stilisiertes „H“ dar , das für die Kaufhauskette Horten stand. Der Architekt Egon Eiermann (1904-1970) wandte das Prinzip der „vorgesetzten abstrakten Fassade“ 1961 erstmals in Stuttgart für Horten an. Die Idee hatte der Kaufhaus-Millionär Helmut Horten selbst aus den USA mitgebracht. Es folgten Dutzende Horten-Häuser dieser Art in Deutschland. Die Horten-Kachel wurde zum Markenzeichen, das sich auch auf den Einkaufstüten fand. Baulich hatte sie den Vorzug, dass man sie an jeden Grundriss anpassen konnte und auf Geschosse keine Rücksicht nehmen musste. Man brauchte auch keine Fenster und gewann so mehr Stellfläche für die Ware. 1994 wurde die Horten AG von der Kaufhof Warenhaus AG übernommen. Die Hortenkacheln in der Eberhardstraße blieben. Heute zählen sie zu den Designklassikern. Doch kaum eine Stadt hat dafür einen so hohen Preis bezahlt wie Stuttgart.

Denn dem neuen Warenpalast des Helmut Horten hatte ein architektonisches Juwel weichen müssen – das Kaufhaus Schocken des Architekten Erich Mendelsohn von 1928. Aller Protest und auch die Warnung des Direktors vom New Yorker Museum of Modern Art vor einem „Akt des Vandalismus“ halfen nicht. 1960 wurde das elegante Bauwerk zum Abriss freigegeben. Der Kaufhauskönig Helmut Horten hatte die Stadt mit der Drohung kleingekriegt, den Standort aufzugeben – und bekam nun jenes voll verkleidete, klimatisierte und mit Rolltreppen ausstaffierte Kaufhaus, das er sich gewünscht hatte. Und die Stadt genehmigte sich bei dieser Gelegenheit eine weitere schön breite Straße.

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