Von der Massenschlägerei Dorf gegen Dorf bis zum modernen Fußball war es ein langer Weg. Schon Jahrhunderte vor den Briten spielten Azteken, Maya, Spartaner und Chinesen mit dem Ball.
London/Mexiko-City - Als der Berner Pietist Beat Ludwig von Muralt um 1690 England besuchte, fiel ihm auf, wie „groß die Zahl der jungen Menschen doch ist, die sich ein Vergnügen daraus machen, auf den Straßen Londons mit Fußstößen einen Ball zu treiben und dabei Fenster von Häusern zu zertrümmern“. Da war auf der Insel der Football längst hoffähig geworden.
„Gemessen am modernen Fußball, ging es damals noch recht rüde zu“, meint der kanadische Fußballhistoriker Alan McDougall. „Es gab weder feste Regeln für die Spieldauer noch für die Zahl der Teilnehmer. Gespielt wurde oft, solange es hell war.“ Meist traten ganze Dörfer gegeneinander an, wobei sich das Spielfeld auf die Entfernung zwischen den beiden Orten erstreckte. Sieger war, wer den Ball über eine bestimmte Linie oder ins gegnerische Stadttor beförderte.
Mittelalterlicher Hooliganismus auf der Insel
Auf der britischen Insel lässt sich der stark körperbetonte Football bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts zurückverfolgen. Aus dieser Zeit stammt der Bericht eines Ordenspredigers aus Nottinghamshire, der ein Treibballspiel beschreibt: „Junge Burschen befördern während dieses Spiels einen Ball, aber sie werfen ihn nicht mit der Hand, sondern stoßen ihn mit den Füßen. Ein recht abscheuliches Spiel, um nicht zu sagen gewöhnlich und unwürdig des Menschen, unnützer als jedes andere Spiel. Überdies arten solche Spiele oft in wüste Prügeleien und Tumulte aus und enden selten ohne Unfall.“
Selbst Todesfälle soll es gegeben haben. Angesichts solcher Auswüchse spricht der britische Sozialhistoriker Edward Palmer Thompson von einem „mittelalterlichen Hooliganismus“, der schon damals als Ventil zum Abbau von Aggressionen vornehmlich bei jüngeren Männern gedient habe.
König Heinrich VIII. greift selbst zum Ball
Die Staatsmacht verhängte reihenweise Verbote: 1315 untersagte der Londoner Lord Mayor Nicolas de Fardone im Namen Seiner Majestät Eduard II. das „lärmende und unzivilisierte Spiel mit Bällen“. Doch schon 1349 musste Eduard III. wieder einschreiten, genauso wie 1414 sein Nachfolger Heinrich V. Zum Siegeszug verhalf dem Football schließlich der sportbegeisterte Heinrich VIII., der selbst zum Ball griff und das rohe Vergnügen hoffähig machte. 1519 soll der Pfarrer von St. Mary in Hawridge vor der Messe noch schnell einen Kick in der Kirche veranstaltet haben, während sich im schottischen Kirkmichael auch die Fischersfrauen diesem Sport hingaben.
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Die Begeisterung für den Ballsport ist keine britische Eigenart. Lange bevor in Europa kugelförmige Utensilien bewegt wurden, pflegten um 1300 vor Christus präkolumbianische Kulturen Mittelamerikas eine Ballspielkultur, die vornehmlich rituellen Zwecken diente. Olmeken, Maya und Azteken zelebrierten auf Turnierplätzen das „Pok-ta-pok“ oder den „Tlachtli“, bei dem zwei Teams versuchten, einen kiloschweren Kautschukball durch kleine Ringe zu befördern.
Cuju wird zum Volkssport im Reich der Mitte
In China pflegte man im 3. Jahrhundert vor Christus eine Ballsportart, „Cuju“ genannt. In den Quellen wird ein von Soldaten praktizierter Wettstreit genannt, bei dem die Akteure eine mit Federn und Haaren gefüllte Lederkugel in ein Erdloch befördern mussten. Dieses Spiel, vermutlich als eine Art Fitnessprogramm für das Militär entstanden, bürgerte sich am kaiserlichen Hof ein, später auch in den Städten, und avancierte schließlich im gesamten Reich der Mitte zum Volkssport.
Von China aus kam die Ballkultur nach Japan, wo man um 600 das „Kemari“ entwickelte. Dieser nur am kaiserlichen Hof betriebene Sport war eine reine Geschicklichkeitsübung, bei der die Akteure nicht gegen, sondern miteinander antraten. Es gab keinen Gewinner, die im Kreis aufgestellte Mannschaft sollte sich nur in anmutiger und harmonischer Weise den „Mari“ genannten Ball mit dem Fuß zuspielen, ohne dass der auf den Boden fällt. Überliefert ist ein Rekord aus dem Jahr 1683 mit 5158 Kicks.
Schon Platon berichtet von Ballschlachten
Inwiefern und ob die außereuropäische Ballspielkultur die Alte Welt überhaupt beeinflusst hat, darüber streiten sich die Gelehrten. Fest steht, dass bereits Griechen und Römer Treibballwettbewerbe kannten, die der körperlichen Ertüchtigung dienten.
So berichtet etwa der griechische Philosoph Platon, dass die Spartaner einer „sphairomachia“ genannten Ballschlacht nachgingen, die den jungen Männern als vormilitärische Übung diente. Denselben Zweck hatte offenbar das von römischen Legionären praktizierte „harpastum“, eine Mischung aus Rugby und Handball.
In Frankreich wird sogar im Kloster gespielt
Und irgendwie muss sich die Ballkultur hinüber ins Mittelalter gerettet haben, denn nicht nur in England jagte man dem Leder hinterher, sondern auch anderswo. In Frankreich hieß das Fußballspiel „Soule“ und wurde sogar hinter Klostermauern ausgeübt. Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: „50 Jahre Frauenfußball im DFB: Das schwere Spiel der Frauen“
Ein sicheres Indiz für die Bedeutung des Sports ist eine Regelung aus dem 13. Jahrhundert, die sich mit der Herstellung der Bälle beschäftigt: 1292 gab es in Paris 13 Handwerksmeister, die sich auf die Produktion der Spielgeräte spezialisiert hatten.
Der moderne Fußball entsteht in Eliteschulen
Hart zur Sache ging es auch südlich der Alpen beim „Calcio“, einem auf großen Plätzen vor Publikum ausgetragenen Ballspiel, bei dem Mannschaften aus Dörfern und Stadtvierteln gegeneinander antraten, um den mit Luft gefüllten Lederball durch das gegnerische Zelt-Tor zu bugsieren, erklärt der Kulturhistoriker Wolfgang Behringer. Von den Medici zum Nationalsport erhoben und besonders bei Staatsbesuchen, Hochzeiten und Festtagen ausgetragen, erfreute sich das Fußgerangel größter Beliebtheit.
Der Schritt zum modernen Fußball wurde nicht auf der Straße, sondern hinter den Mauern britischer Eliteschulen vollzogen. In Eton pflegte man bereits 1519 eine zivilisierte Variante. Auch die Studenten von Oxford rannten sich auf dem „Bullington Green“ die Seele aus dem Leib. Bald erkannten die Betreiber der „Public Schools“ den erzieherischen Wert des Mannschaftssports und zähmten die einst rüden Ballschlachten.
Anpfiff in London
Die Epoche des heutigen Fußballs begann am 26. Oktober 1863: Ehemalige Eliteschüler gründeten im Londoner Gasthaus „Freemason’s Tavern“ die „Football Association“, den ersten nationalen Fußballverband weltweit. Noch im gleichen Jahr wurde die Zahl der Spieler auf elf festgelegt. 1866 kamen die Abseitsregeln hinzu, 1875 verband man die Torpfosten mit einer Querlatte, 1882 entstand der zweihändige Einwurf, 1891 wurde der Elfmeter geschaffen und im 20. Jahrhundert die Durchnummerierung der Spieler beschlossen.
Die elf Vereine, die sich 1863 zu einem Bund zusammenschlossen, um Rugby von Fußball zu trennen, schoben damit das an, was wir heute als die schönste Nebensache der Welt kennen. Und der Volksfußball? Der wurde in Kingston upon Thames am Faschingsdienstag 1866 zum letzten Mal ausgetragen. Und dann verboten. Für immer.