Staatssekretärin Petra Olschowski schätzt das Werk Sean Scullys. Foto: dpa/Franziska Kraufmann

Petra Olschowski bedauert, dass Sean Scully dem Land nun doch nicht seine Werke schenken will. Seine Forderungen, sie dauerhaft auf einer Etage ausstellen zu müssen, waren der Staatssekretärin aber zu strikt und hätten aus ihrer Sicht die Entwicklung der Karlsruher Kunsthalle blockiert.

Stuttgart - Er gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen abstrakten Maler. Ausgerechnet der Kunsthalle Karlsruhe wollte der international renommierte Künstler Sean Scully eine große Sammlung seiner Werke schenken. Inzwischen hat er sein Angebot, wie berichtet, wieder zurückgezogen. Die Staatssekretärin Petra Olschowski wollte seine Schenkung aber nicht einfach abnicken. Sie hätte den Künstler gern davon überzeugt, nicht auf eine unbefristete Dauerpräsentation auf einer Fläche von tausend Quadratmetern zu beharren, wie sie im Gespräch sagt.

 

Frau Olschowski, vor zwei Jahren hat der irisch-amerikanische Künstler Sean Scully angeboten, dem Land Baden-Württemberg seine Werke zu schenken. Jetzt hat er das Angebot zurückgezogen. Warum konnte man sich in der Zeit nicht einigen?

Sean Scully war hier im September 2018, um uns die Idee vorzustellen. Wir haben das Angebot mit sehr großem Interesse aufgenommen. Aber es war schnell klar, dass extrem viele Dinge zu klären sind – schließlich muss das Gebäude, in dem die Schenkung untergebracht werden soll, erst noch gebaut werden. Dabei geht es um Fragen wie Bauzeit, Finanzierung, Konzeption.

Hätte man die Verhandlungen aber nicht trotzdem etwas zügiger voranbringen können? Scully hat sich hingehalten gefühlt.

Nein, denn das dort bestehende Gebäude, das Amtsgericht, ist in Betrieb und steht unter Denkmalschutz. Ein möglicher Um- oder Neubau ist erst in neun, zehn Jahren möglich. Zunächst mussten wir also einen Alternativstandort für das Gericht finden. Im Dezember 2019 hatte ich das letzte, sehr gute Gespräch mit den Stiftern, die sich finanziell einbringen wollen. Danach war klar, dass die offenen Fragen nur im direkten Gespräch mit dem Künstler geklärt werden können. Meine Briefe mit der Bitte um ein Gespräch hat Herr Scully bisher noch nicht beantwortet.

Aber wieso wollten Sie die Schenkung von mehr als 200 Gemälden und Papierarbeiten so nicht annehmen?

Natürlich ist eine Schenkung im Wert von hundert Millionen Euro, auf die die Scully-Bilder geschätzt werden, bedeutend. Allerdings wären die Bilder ja nicht verkäuflich. Und auch das Engagement der Stifter ist herausragend. Diese haben sehr großzügig eine Unterstützung von sechs bis sieben Millionen Euro zugesagt und wollen weite Teile der Unterhaltskosten übernehmen. Die Kosten für den von Scully gewünschten Bau von 1000 Quadratmetern plus 200 Quadratmetern Depot plus Betrieb wären damit aber nicht abgedeckt. Wir müssen bei einer Bausumme für Galerie und Depot von – Stand heute – nicht unter 15 Millionen Euro davon ausgehen, dass auf das Land erhebliche Folgekosten zukommen.

Wäre es nicht denkbar gewesen, die Schenkung unabhängig vom Neubau zu betrachten und Sean Scully einen eigenen Raum in den bestehenden Gebäuden der Staatlichen Kunsthalle einzurichten?

Da wären wir sofort dabei. Aber Sean Scully hat eine klare Auflage formuliert und die heißt: tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche. Das ist eineinhalbmal so groß wie der Wechselausstellungssaal der Staatsgalerie Stuttgart und würde vermutlich ein Stockwerk des Neubaus belegen. Eine weitere Auflage war von Anfang an, dass dort nur seine Bilder präsentiert werden dürfen – und zwar dauerhaft.

Warum hat das Land dann aber nicht gleich abgesagt?

Das ist ein großzügiges Angebot, das man sehr ernst nimmt. Die Museumsleiterin ist überzeugt, dass mit der Schenkung eine deutliche Steigerung der internationalen Wahrnehmung für die Kunsthalle verbunden ist. Und es gibt das enorme Engagement der Stifter. Also sucht man doch das bestmögliche Konzept für alle Beteiligten, das auch andere Optionen für diese Kooperation eröffnet.

Will sagen, dass sich Herr Scully mit weniger Quadratmetern begnügt?

Man muss schon darüber nachdenken, ob es für ein Museum eine gute Perspektive ist, ein Stockwerk mit einem Künstler hermetisch zu belegen – ohne die Möglichkeiten zu haben, zumindest auch mal eine Doppelausstellung zu zeigen. Das Land hat die Pflicht, die Kunsthalle Karlsruhe für die nächsten zwanzig bis fünfzig Jahre gut aufzustellen. Und da wünsche ich mir ein international vernetztes, aber auch ein offenes und flexibles Haus, das Bewegungsspielräume hat.

Immerhin ist Scully ein Künstler von Weltformat.

Ja, das ist er. Das macht es interessant. Im Gegenzug kriegt Sean Scully aber auch die Sicherheit, dass sein Werk museal und langfristig auf höchstem Niveau betreut wird: dazu gehören Leihverkehr, Präsentation, Publikation und Erforschung. Er wäre eingebunden in den kunsthistorischen Kontext, in dem er sich sieht. Die Kunsthalle Karlsruhe ist ein ausgezeichnetes Museum. Es ist nachvollziehbar, dass das auch für ihn interessant ist. Wir haben als Land die Verantwortung, einen Vertrag zu unterschreiben, mit dem alle mit gutem Gefühl in die kommenden hundert Jahre gehen können. Um das zu klären, muss man Gespräche führen. Da führt kein Weg dran vorbei.

Ist das Kind in den Brunnen gefallen oder glauben Sie, es gibt doch noch eine Chance auf Einigung mit dem Künstler?

Ich kann es schwer einschätzen. Es ist nicht einfacher, nachdem die Debatte so öffentlich geführt wird. Ich finde es wirklich schade, weil ich persönlich sein Werk schätze. Aber die Rahmenbedingungen müssen für alle in Ordnung sein.

Der Künstler und die Staatssekretärin

Sean Scully, 1945 geboren, ist ein irischer Maler, der in Großbritannien aufwuchs und in den achtziger Jahren die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Inzwischen lebt und arbeitet er mit seiner Familie in Königsdorf in Oberbayern. Er wurde bekannt für seine abstrakte Malerei, die die Kunsthalle Karlsruhe 2018 in einer großen Einzelausstellung präsentierte.

Petra Olschowski, 1965 in Stuttgart geboren, hat unter anderem Kunstgeschichte studiert und war zunächst als Journalistin tätig. Sie hat die Kunststiftung Baden-Württemberg geleitet, war von 2010 bis 2016 Rektorin die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und ist seit 2016 Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst.