Geschwister und Geschäftspartner: Dominik und Marie-Janet Calzone Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Stuttgarter Geschwisterpaar Dominik und Marie-Janet Calzone hat eine außergewöhnliche Geschäftsidee: Sie bieten mit ihrem Start-up individuelle Reisen hinter den Kulissen Italiens, mitten im Alltag der Einheimischen.

Stuttgart - Dominik legt den Arm um seine Schwester und zieht sie ganz fest an sich. Dann lachen beide in die Kamera. Für einen kurzen Moment geht die süditalienische Sonne über dem Schlossplatz auf. Der Vater der Geschwister Dominik und Marie-Janet Calzone kommt aus einem kleinen Dorf in Süditalien, ihre Mutter ist Deutsche. Gemeinsam leben sie heute in Ludwigsburg.

„Als Kinder haben wir oft Urlaub im Heimatdorf meines Vaters gemacht“, sagt Dominik, „Dort waren wir immer mitten im Alltag der Dorfbewohner dabei, das war ein einzigartiges Urlaubsgefühl.“ Durch hohe Arbeitslosigkeit und Landflucht sind viele kleine Dörfer in Italien heute am Aussterben, Häuser stehen leer. Das wollen die Geschwister Calzone ändern und gründen gemeinsam mit Freunden im Sommer 2015 die Online-Plattform Amavido, ein Start-up- Unternehmen. „Slow Travel“, also „Entspanntes Reisen“ ist das Stichwort.

Das unentdeckte Italien finden

„Wir möchten Reisenden das unentdeckte Italien, fernab der ausgetretenen Pfade des Massentourismus zeigen“, sagt Dominik. Leerstehende Häuser in Italien sollen an Reisende vermietet werden. „Die Unterkünfte werden auf unserer Plattform präsentiert, und zusätzlich bieten viele Gastgeber noch Aktivitäten wie Wanderungen oder Kochkurse an“, sagt Marie-Janet. So sei der Reisende nicht König, sondern ein Gast auf Augenhöhe, mitten im Alltag der Italiener. „Die wirtschaftlich schlechtgestellten Dörfer können auf diese Weise nachhaltig unterstützt werden“, sagt Dominik.

Hinter Amavido steht mittlerweile ein zehnköpfiges Team, und rund 40 Gastfamilien in ganz Italien haben sich bereit erklärt, ihre leer stehenden Häuser zu vermieten. Einige der Gastgeber haben schon ein Video auf die Online-Plattform hochgeladen, um sich vorzustellen. „Wir wollen unsere Homepage wie ein Reisemagazin gestalten, bei dem alle kreativ mitwirken können und verschiedene Projekte vernetzt werden“, sagt Dominik. Aber aller Anfang ist schwer und teuer. Dominik und Marie-Janet haben von ihren Eltern einen Kredit aufgenommen. Nun möchten sie Geld über „Crowd-Funding“ sammeln, also eine Vielzahl an Personen übers Internet als Kapitalgeber anlocken.

„Der Glaube an das Projekt ist bei unserer Arbeit sehr wichtig“, sagt Dominik. Der 29-Jährige hat Medienwissenschaften und Film studiert, seine vier Jahre jüngere Schwester Kulturwissenschaften. Um als Start-up Fuß zu fassen, brauche man viel Durchhaltevermögen. „Es gibt so viele Punkte, die man bei der Gründung eines Unternehmens beachten muss und in die wir uns neu einarbeiten mussten“, sagt Dominik. In der Zusammenarbeit ergänzen sich die Geschwister optimal. „Wir können immer offen über alles reden“, sagt Marie-Janet. Einen richtigen Feierabend oder feste Arbeitszeiten hätten sie nicht, dafür mache die Arbeit Spaß. „Wir sind mit Leidenschaft dabei, das ist uns wichtig“, versichert sie.

Man braucht Geduld

Michael Aechtler, Vorsitzender des Vereins Start-ups Stuttgart, kennt die Schwierigkeiten, mit denen junge Unternehmer konfrontiert sind. „Unser Verein dient als Netzwerk und ist eine Anlaufstelle für Start-ups in jeder Phase“, sagt er. Die Überlebenschancen eines Start-ups seien gering, über 90 Prozent der Jungunternehmer würden bei ihrem ersten Start-up scheitern. Doch davon dürfe man sich nicht abbringen lassen. Unternehmer, die ihr drittes oder viertes Start-up gründen, scheitern nur noch zu 20 Prozent. „In Stuttgart tut sich gerade einiges, was die Unterstützung von Start-ups angeht, es gibt verschiedene, auch privatwirtschaftliche Initiativen“, sagt Aechtler. Das Interesse daran sei groß und die Politik offen für neue Ideen. Allerdings seien die Geldgeber, ganz anders als in den USA, noch nicht darauf eingestellt, dass ein Start-up auch mal scheitern kann. „In Amerika ist es ganz normal, dass erst das dritte oder vierte Start-up richtig ernst genommen wird“, sagt Aechtler.

Die Anzahl der Start-ups in Stuttgart steigt an. Rund 150 Start-ups seien gerade dort angesiedelt, die noch aktiv und jünger als fünf Jahre alt sind. Die Reisebranche sei kaum vertreten. „In erster Linie siedeln sich in Stuttgart junge Softwareunternehmen an, die etwa eine App für das Smartphone herausbringen“, sagt Aechtler. Stuttgart habe eine hohe Finanzkraft, das bedeute Stabilität für junge Unternehmen.

„Es ist viel Geld da, und es gibt größere Kunden, die das Produkt auch aufkaufen können.“ Ein Problem im Südwesten sei jedoch die Mentalität. „Bei den Schwaben muss immer alles perfekt sein“, findet Michael Aechtler. Das sei bei einem Start-up jedoch unmöglich. „Es gehört Mut dazu, Dinge auszuprobieren, um mögliche Fehler aufzudecken“, sagt er und rät allen Jungunternehmern: „Verliebt euch nicht in das Produkt, sondern in das Problem!“

Die Geschwister haben weitere Pläne

Dominik und Marie-Janet haben noch viele Etappen vor sich, und sie haben viele Pläne. Sie möchten für ihr Start-up ein Büro in Berlin anmieten und ihre Homepage weiter ausbauen. „In der Zukunft möchten wir versuchen, auch Ferienhäuser in anderen Ländern auf unserer Internetplattform aufzunehmen“, sagt Dominik. Und seine Schwester drückt ihn an sich. „Dominik ist der Kreative von uns beiden, ich bin die Planerin, gemeinsam sind wir stark.“

www.amavido.de

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