Viele prominente Unternehmen der Modebranche waren oder sind in einem Insolvenzverfahren. Foto: dpa/Frimen/fischerb

Die Zahl der Insolvenzen in der Modebranche steigt und steigt – jüngst hat es Peter Hahn, SportScheck und Yeans Halle getroffen. Bietet die Branche noch sichere Arbeitsplätze? Und wie gehen die Insolvenzen aus?

Vermutlich kommt zumindest der Modehändler Peter Hahn noch mit zwei blauen Augen davon. Im Oktober hatte das Winterbacher Traditionsunternehmen Insolvenz im Schutzverfahren angemeldet, am Dienstag wurde der Sanierungsplan verkündet. Für 600 Beschäftigte geht es weiter – doch rund 400 müssen gehen. Jetzt beginnt das bange Warten, wer zu welcher Gruppe zählt. Und werden die Arbeitsplätze auch auf Dauer sicher sein?

 

Das fragen sich derzeit viele Beschäftigte im Modehandel, denn insbesondere viele Ketten kämpfen derzeit ums geschäftliche Überleben. Der zur Signa-Holding gehörende Sportartikelhändler SportScheck stellte Ende November Insolvenzantrag. Im Dezember meldete die Modekette Yeans Halle, die unter anderem in Sindelfingen, Stuttgart, Ludwigsburg und Leonberg Filialen betreibt, beim Amtsgericht Stuttgart Insolvenz in Eigenverwaltung an. Jedes Mal stehen Hunderte Jobs auf dem Spiel und die Einkaufsmöglichkeiten Hunderttausender Kunden.

Viele verschiedene Ursachen führen in die Insolvenz

Auch wenn häufig Managementfehler ausschlaggebend sind oder dazukommen, setzen die schlechte Konsumlaune und hohe Kosten derzeit alle Handelsunternehmen unter Druck. Die Kosten für Energie, Mieten und Personal sind meist stärker als die Umsätze gestiegen. Im Zuge der hohen Inflation sparen die Verbraucher, außerdem sorgen die Kriege in der Ukraine und Nahost sowie der Zickzackkurs der Ampel-Regierung für Verunsicherung. Der Modebranche setzt all dies aber besonders zu, weil sie in der Pandemie wohl am stärksten gebeutelt wurde.

Viele Monate waren die Modegeschäfte in den Lockdown-Phasen geschlossen oder nur für Geimpfte und Genesene (2G-Regel) geöffnet. Saisonartikel sowie Büro- und Festoutfits blieben liegen, die Umsätze gingen 2020 binnen eines Jahres um fast ein Viertel zurück. Zwar kompensierten die Ketten mit ihrem Online-Geschäft Ausfälle besser als kleinere Geschäfte, verzeichneten aber aufgrund der hohen Mietkosten in den teuren Innenstadtlagen oft höhere Verluste.

Hinzu kommt, dass gerade im Modehandel schon vor Corona oft das Angebot die Nachfrage überbot. Viele Ketten wie H&M oder Zara haben ihr Filialnetz bereits ausgedünnt, betont Michael Gerling, Geschäftsführer des Kölner Handelsinstituts EHI. „Die Mitte wie Peek & Cloppenburg tut sich noch schwer. Viele Unternehmen müssen sich neu strukturieren und Filialen schließen.“

Welche Firmen hat es bereits getroffen?

Jüngst schlossen etliche Unternehmen Filialen infolge eines Insolvenzverfahrens: Die Modekette Gerry Weber trennte sich von Sommer bis Herbst vergangenen Jahres von 122 seiner 171 Läden und Outlets, davon rund ein Dutzend in Baden-Württemberg. Der insolvente Männermode-Konzern Ahlers wurde im vergangenen Sommer an die Textilhandelskette Röther verkauft. Der traditionsreiche Damenmodehändler Hallhuber hat Ende Oktober 2023 seine letzten Läden zugesperrt. Der fränkische Damenmodehändler Madeleine – bisher eine Unternehmensschwester Peter Hahns – stellte zum Jahreswechsel die Geschäfte ein.

Aber auch im Schuhhandel geht es mit der Filialzahl schon lange bergab. Reno schaffte nach der Insolvenz im März vergangenen Jahres nur eine Teilsanierung, lediglich 20 von zuletzt 180 Standorten wurden gerettet. Konkurrent Görtz musste schon zuvor einen Großteil der rund 160 Filialen schließen.

Der Handelsverband Textil, Schuhe und Lederwaren (BTE) befürchtet weitere Insolvenzen und Geschäftsschließungen in diesem Jahr. Vor allem die Rückzahlungen von Coronahilfen machten den Händlern zu schaffen. Neben KfW-Krediten sind dies die so genannten Überbrückungshilfen, mit denen die hohen Umsatzverluste infolge der Lockdowns im stationären Modehandel ausgeglichen werden sollten. Doch etliche Unternehmen haben ihre Reserven bereits aufgebraucht. „Ein Unternehmen kann in Insolvenz gehen, ohne dass es zuvor viel falsch gemacht hätte“, betont BTE-Geschäftsführer Axel Augustin.

In der Regel spielen aber viele der genannten Gründe eine Rolle. Dass die aktuellen Insolvenzen „massiv die Reputation und das Image der gesamten Textil- und Schuhbranche schädigen“, räumt selbst der Verband BTE ein. Für die Beschäftigten ist es schwierig zu entscheiden, welche der Modeketten überhaupt noch einen sicheren Arbeitsplatz bietet.

Wie geht es mit Galeria Karstadt Kaufhof weiter?

So ist die Zukunft der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof, die zurzeit noch 92 Warenhäuser betreibt, weiter unklar, obwohl sie bereits zwei Schutzschirmverfahren durchlaufen hat. Die Modekette Aachener wiederum, die 2023 in sechs aufgegebene Galeria-Standorte eingezogen war, meldete im November selbst Insolvenz an. Laut Medienberichten soll jetzt Peek & Cloppenburg an Galeria-Filialen interessiert sein – dabei steckte die Modekette bis in den Herbst selbst noch in einem Schutzschirmverfahren.

Das Beispiel Peek & Cloppenburg wiederum zeigt, dass eine Insolvenz für ein Unternehmen keine Sackgasse sein muss – aber das Vertragsende vieler Beschäftigten. Mehr als 300 Beschäftigte mussten Peek & Cloppenburg verlassen, rund 400 werden es in den kommenden Wochen und Monaten beim Modehändler Peter Hahn sein. Ob sie wohl nochmals einen Job in der Modebranche suchen werden oder doch anderswo?

BTE-Geschäftsführer Augustin hofft, dass die Modebranche auch als Arbeitgeberin ihr Image wieder aufpoliert – und vor allem die Kauflust der Bürgerinnen und Bürger wieder wächst. „Wir hoffen, dass die Konjunktur wieder anspringt und es Richtung Sommer wieder etwas besser geht. Die Mode ist im Handel der Bereich, der am meisten von einer guten Stimmung lebt.“