Gerberviertel Eine leere Kirche trotzt den Baggern

Von Jürgen Bock 

Die Abrissarbeiten für das Gerber an der Paulinenbrücke sind abgeschlossen. 

Stuttgart - An der Paulinenbrücke klafft eine riesige Lücke im Stadtbild. Die Abrissarbeiten auf der Baustelle für das künftige Einkaufszentrum sind abgeschlossen. Während die Vermietung voranschreitet, ist völlig offen, was mit der benachbarten Auferstehungskirche geschieht.

Die Szene erinnert ein bisschen an David gegen Goliath. Mit Getöse gräbt sich der Abrissbagger in das Gebäude an der Sophienstraße. Ein Kran hält eine riesige Matte in die Luft, die die Straße und die benachbarte kleine Auferstehungskirche der Evangelisch-Methodistischen Gemeinde abschirmt. Das restliche Gelände ist bereits eben. Die Dimensionen sind gewaltig. Von der Marien- bis zur Tübinger Straße fehlt ein kompletter Block.

Die Abrissarbeiten sind weitgehend abgeschlossen. In den nächsten Wochen wird die Baugrube vorbereitet. Die unterirdischen Teile der alten Gebäude sind bis dahin mit Abbruchmaterial verfüllt worden, um das schwere Baugerät tragen zu können. Wenn die Baugrube im Mai fertig ist, wird das Loch noch gewaltiger erscheinen als jetzt die platte Fläche: An der Marienstraße wird die Grube bis zu 20 Meter tief sein.

Im Frühjahr 2014 soll alles fertig sein. 250 Millionen Euro wird die Württembergische Lebensversicherung bis dahin verbauen. Etwa 75 Geschäfte, 90 Wohnungen auf dem Dach, Büros, Arztpraxen und 750 Stellplätze für Autos sollen in dem neuerdings "Das Gerber" genannten Komplex unterkommen. Zudem sind 200 Abstellplätze für Fahrräder vorgesehen.

Bauherrin bemüht sich um Transparenz

Zumindest bei den Ladenflächen geht es voran. "Rund 7500 Quadratmeter Verkaufsfläche sind bereits fest vermietet", sagt Sprecherin Dörte Lochner. Das ist ein Drittel. Edeka soll künftig den größten Lebensmittelmarkt der Innenstadt betreiben, dazu kommen andere Ketten wie Aldi oder dm. "Es werden aber auch viele regionale Anbieter einziehen", sagt Lochner. Dazu junge Modelabels, die es in Stuttgart bisher noch nicht gibt. Die Mischung soll zumindest in Teilen anders aussehen als in allen Einkaufszentren dieser Größe.

Völlig offen ist dagegen, was mit der angrenzenden Kirche passiert. Bisher sahen die Pläne immer vor, dass um das Sakralgebäude herum gebaut wird. "Bei dem Thema gibt es nichts Neues", sagt Dörte Lochner. Das ist freilich nicht ganz so. Die Gemeinde ist inzwischen ausgezogen. Am Schaukasten hängt nur noch ein Zettel mit einem Hinweis darauf. Die Auferstehungsgemeinde ist mittlerweile mit der früheren Zionsgemeinde verschmolzen und feiert ihre Gottesdienste nun in der Hoffnungskirche in der Silberburgstraße.

"Während der Bauzeit in der Auferstehungskirche zu bleiben wäre für die Gemeinde kein Zustand gewesen", sagt Dagmar Köhring vom Pastorenteam des Evangelisch-Methodistischen Bezirks Stuttgart-Mitte. Und: "Sie hat auch nicht die Absicht, wieder zurückzuziehen." Die Kirche wird also dauerhaft verwaist bleiben. Deshalb strebe man einen Verkauf an. Eine Lösung gebe es aber bisher noch nicht, betont die Pastorin: "Die Zukunft des Gebäudes ist noch nicht geklärt."

Abgesehen von dieser offenen Frage bemüht sich die Bauherrin auffällig um Transparenz. Es gibt regelmäßige Besprechungen mit den Anwohnern, für Herbst ist eine öffentliche Baustellenbegehung geplant. Zudem informiert eine Internetseite detailliert über das Projekt und den Baufortschritt. "Als Bauherrin ist es uns wichtig, dass der Bau im Dialog mit den Anliegern und allen Interessierten geschieht", sagt Sprecherin Dörte Lochner. Die Vermutung liegt nahe, dass der Wirbel um Stuttgart 21 die Bauherren anderer Großprojekte zu einer besseren Kommunikation veranlasst - auch wenn die Württembergische "keine Bezüge zu anderen Bauprojekten in der Region" sehen will. An der Paulinenbrücke ist der Abriss schließlich schon vorüber.

www.das-gerber.de

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