Nach vier Monaten haben im Gerber schon zwei Mieter gekündigt. Foto: Leif Piechowski

Im Gegensatz zum Milaneo hatte das Einkaufscenter Gerber einen holprigen Start. Nach nur vier Monaten geben dort zwei Mieter auf. Kein Grund zur Panik für Centermanager Oliver Grünwald.

Stuttgart - Die Nachricht schreckte viele auf: Ein Schuhhändler und eine Eisdiele kehrten nach nur vier Monaten dem Einkaufscenter Gerber den Rücken. Als Grund nannten die beiden Mieter eine zu geringe Kundenfrequenz. Mancher Händler in der Stuttgarter Innenstadt sieht sich dadurch bestätigt. Der Tenor lautet: Das Gerber läuft nicht so gut wie erwartet. Vor allem im Vergleich zum großen Konkurrenten Milaneo. Das Center mit rund 200 Läden zählte alleine in den ersten 100 Tagen seit der Eröffnung 3,6 Millionen Kunden. Das Gerber mit seinen 85 Shops dürfte im Vergleichszeitraum (79 Verkaufstage) etwa 1,6 Millionen Besucher gehabt haben.

Aus diesem Grund ist Gerber-Centermanager Oliver Grünwald mit der Startphase seiner Mall überhaupt nicht unzufrieden. „Wir haben täglich mit 20 000 Kunden durchschnittlich geplant. Und die haben wir auch.“ Dennoch räumt er ein: „Es gibt immer die Möglichkeit, sich zu verbessern.“ Tatsächlich gibt es acht Thesen zum holprigen Start des Gerber. Oliver Grünwald gibt darauf jeweils Antwort:

Das Umfeld

Die These lautet: Das Gerber leidet darunter, dass das Umfeld nicht gut entwickelt ist. Hier das moderne, geschleckte Einkaufscenter – dort das ausbaufähige Gerberviertel. Antwort Grünwald: „Das Viertel und die Tübinger Straße sind in einem städtebaulichen Prozess. Natürlich würden wir uns wünschen, dass sich hier auch der Mieterbesatz weiterentwickelt. Wenn sich in unserem Umfeld mehr szenelastige Läden mit urbanem Flair ansiedeln, würde sich das sehr gut ergänzen.“

Die Laufwege

Für viele Passanten endet die City gedanklich an der Marienstraße oder der Tübinger Straße. Auch wer mit Auto von Süden her kam, war bisher Verkehrschaos gewohnt. Noch zu wenige wissen, dass das Gerber auch über die Paulinenbrücke erreichbar ist. These: Die neue Situation, die Lauf- und Fahrwege müssen sich erst noch in den Köpfen der Kunden verankern. Antwort Grünwald: „Tatsächlich kommen über 70 Prozent aller Kunden zu Fuß. Zudem übernimmt das Center im Viertel eine Nahversorgungsfunktion. Obwohl Edeka und Aldi bisher sehr zufrieden sind, wird dieses Nahversorgungsangebot im Laufe der Zeit sicher noch stärker genutzt. Und wenn im Frühjahr die Radfahrer hinzukommen, wird es noch besser.“

Die Architektur

Das Gerber ist kein grober Beton-Klotz, der wie ein Fremdkörper in der Landschaft steht. Das Gebäude passt sich an die Struktur des Umfelds an. These: Was manche als Segen empfinden, wirkt gleichzeitig wie ein Fluch. Das Gerber fällt nicht als Einkaufstempel auf. Antwort Grünwald: „Das ist so gewollt. Wir sehen uns als städtebauliche Einheit und Erweiterung. Das wird auch durch den Charme unserer historischen Fassaden sichtbar. Andererseits sind wir von der Paulinenbrücke aus gut zu erkennen.“

Der Mieter-Mix

Mehrere Damenwäsche-Läden konkurrieren auf engstem Raum. Hauptsächlich Klamotten. These: Im Gerber fehlt ein spannender, abwechslungsreicher Branchen-Mix, der die Kunden anlockt. Antwort Grünwald: „Das sehe ich nicht so. Aber auch hier gilt: Wir befinden uns in einer Phase der Optimierung. Insofern ist auch der derzeitige Mieterwechsel eine Chance, sich weiterzuentwickeln. Im Übrigen laufen bereits Gespräche über eine Neuvermietung der freien Flächen.“

Vom Milaneo erdrückt

Die schiere Größe, aber auch die vielschichtigen Probleme, die das Milaneo in der Stadt verursacht, sind oft Gesprächsthema. These: Dadurch sind viele Kunden neugierig aufs Milaneo. Der Bekanntheitsgrad ist größer. Das Interesse am Gerber flacht dagegen ab. Antwort Grünwald: „Wir vergleichen uns nicht mit dem Milaneo. Wir sehen uns als sympathisches Stadtteil-Center. Zudem glaube ich nicht, dass der Bekanntheitsgrad Einfluss auf das Einkaufsverhalten hat.“

Der falsche Ankermieter

Ein Urban-Outfitter-Store und zwei Nahversorger sollen ins Gerber locken. These: Im Vergleich zu Milaneo-Anker Primark ist das eine strategische Fehleinschätzung.

Antwort Grünwald: „Primark spricht nicht unsere Zielgruppe an. Wir sehen uns als Center des mittleren und höheren Preisniveaus. Auch das Einzugsgebiet spricht dagegen. Wir sind ein Center für die Stuttgarter.“

Falsche Planung

These: Die Nahversorger Aldi und Edeka locken zwar Kunden ins Center. Die verweilen aber nicht im Gerber, weil dessen Ausgänge ganz in der Nähe der Läden liegen. Antwort Grünwald: „Das sehe ich nicht so. Wie gesagt: Wir sehen uns auch als Nahversorger in diesem Viertel. Und da haben wir eben auch Kunden, die einfach nur ihren Einkauf abwickeln.“

Unattraktive Marienstraße

Die Marienstraße sollte ursprünglich die Verlängerung der Königstraße werden und damit direkt zum Gerber führen. These: Die Marienstraße ist trotz des neuen Bodenbelags immer noch kein Schmuckstück. Hier endet – zum Nachteil des Gerber – gefühlt die Innenstadt. Antwort Grünwald: „Der Marienstraße fehlt in der Tat noch ein wenig Flair. Auch hier besteht Optimierungsbedarf, wie im gesamten Umfeld. Es wäre schön, wenn dort noch mehr wie bei uns die Zielgruppe der Non-Konformer angesprochen werden würde.“

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