Die Generation Mitte reist viel, an glückliche Zeiten glaubt sie aber nicht. Foto: eyeQ/Adobe Stock

Die Generation Mitte ist tief verunsichert, das kann auch eine Chance sein, kommentiert unsere Redakteurin Lisa Welzhofer.

Stuttgart - Sie haben genug Geld, gute Chancen aufzusteigen. Sie reisen viel und glauben trotzdem nicht, dass sie in glücklichen Zeiten leben. So lässt sich grob das Bild zusammenfassen, das eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach von der so genannten Generation Mitte, also von den 30- bis 59-Jährigen in Deutschland, gezeichnet hat. Das hört sich erst einmal wie ein Widerspruch an, und man ist versucht zu fragen: „Ja, geht es denen, also uns, denn zu gut?!“

Tatsächlich zeigen die Daten, die Allensbach zum sechsten Mal erhoben hat, dass es der Generation Mitte immer besser geht: Fast jeder zweite bezeichnet sich als Wohlstandsgewinner der vergangenen Jahre und ist mit dem Geld, das er zur Verfügung hat, zufrieden. Auch in die Zukunft gucken die meisten ohne Angst – zumindest, wenn es um die eigene geht. Denn ein anderes Bild zeigt sich, wenn die Befragten die Lage der Nation einschätzen sollen. Da sorgen sich viele um die politische und gesellschaftliche Stabilität. Jeder zweite hält die Zeiten sogar für ausgesprochen schwierig.

Nicht jedem geht es gut

Der vermeintliche Widerspruch löst sich auf, wenn man einbezieht, dass es in der Generation Mitte zwar vielen gut geht, aber nicht jedem: Während sich etwa jeder zehnte aus der Mittelschicht um seinen Arbeitsplatz sorgt, ist es in den schwächeren Schichten jeder Vierte.

In den Zahlen spiegelt sich auch das, was Soziologen wie Hartmut Rosa von der Universität Jena unter dem Stichwort „erschöpfte Gesellschaft“ beschreiben. Im Vergleich zu ihrer Elterngeneration leidet die Generation Mitte unter mehr Stress und Hektik. Sie fühlt sich unter Druck: Wenn es im Beruf darum geht, Neues zu lernen oder auch den Ort und Job zu wechseln. Wenn es in der Familie darum geht,die Kinder bestmöglichst zu fördern und in der Schule zu unterstützen. Oder wenn es in der Freizeit darum geht, aus einem Überangebot an Möglichkeiten (Stichwort Reisen) auszuwählen. Wer sich aber ständig gestresst fühlt – und noch dazu Angst hat, immer mehr Stress abzubekommen –, der blickt vielleicht nicht mehr allzu optimistisch in die Welt.

Geld allein macht nicht glücklich

Vor allem aber zeigt die Studie einmal mehr, dass Geld allein nicht glücklich macht. Und dass materiell gut versorgte Bürger eben nicht automatisch zufrieden mit Politik und Gesellschaft sind. „Weltweite Krisen, einen Verlust an politischer Stabilität, Veränderung des gesellschaftlichen Klimas“, macht Allensbach-Chefin Renate Köcher für die allgemeine Verunsicherung mitverantwortlich. Aber die Menschen sehen auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt erodieren, sehen Materialismus, Rücksichtslosigkeit und Vorurteile gegen Ausländer auf dem Vormarsch.

Unabhängig davon, ob diese Wahrnehmung nun stimmt oder nicht: Immerhin beschäftigt sich die Generation Mitte mit der Welt um sie herum. Vorbei ist hoffentlich die Phase rund um die Nuller Jahre, in denen sich Teile der Mittel- und Oberschicht hinter die Fassade ihrer Bürgerlichkeit ins Private zurückzogen, um sich vor allem um sich selbst zu drehen – was unter Begriffen wie Neo-Biedermeier und Cocooning (sich einspinnen im Privaten) bekannt wurde. Auch in einer hoch individualisierten Gesellschaft­ sind mit den 30- bis 59-Jährigen immerhin gleich zwei Generationen nicht immun gegen das, was direkt vor der eigenen Haustür oder auf der Weltbühne passiert.

Das ist zunächst eine gute Nachricht. Und sie ist einmal mehr ein Auftrag an die Politik, die Verunsicherung ernst zu nehmen. Aber sie ist auch ein Auftrag an die Bürger selbst, etwas gegen die Gründe dafür zu tun.

lisa.welzhofer@stzn.de

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