Mit gutem Beispiel voran: Rainer Öhrle lässt sich nicht hängen. Foto: Peter-Michael Petsch

Der Sportreferent Rainer Öhrle will die Generation 50 plus in die steile Wand locken.

Stuttgart - Als 1992 der Rohbau für das Haus 44 derEvangelischen Jugend Stuttgart fast fertig war, hatte Sportreferent Rainer Öhrle eine Idee. Warum sollte man anstelle des geplanten Wintergartens nicht eine Kletterhalle bauen. 20 Jahre später bietet Öhrle jetzt erstmals einen Kletterkurs für ältere Menschen an.

Herr Öhrle, was haben Flugzeuge und Kletterer gemeinsam?
Beide kommen am Ende immer runter. Und beide wissen, was Fliegen ist. Für den Kletterer ist das weniger schön, denn Fliegen bedeutet einen ernsthaften Sturz.

Machen Sie mir keine Angst!
Viel, viel öfter als Flieger erleben die Kletterer einen Flow, einen Höhenflug. Wird dann die Gefahr ausgeblendet? Nein, sicher nicht. Die Gefahr ist immer gegenwärtig. Aber man kann auch 20 oder 30 Jahre klettern, ohne sich einen ernsthaften Kratzer zu holen.

Sie machen einen ungebrochenen Eindruck.
Ich bin dem Klettern mit Haut und Haar verfallen. Und das mit 59 Jahren. Ist Klettern nicht ein Sport der Jungen? Unter den 35.000 Besuchern, die pro Jahr in unsere Kletterhalle kommen, sind nur wenig Ältere. Der Großteil ist zwischen 20 und 40 Jahre alt.

Das wollen Sie jetzt ändern?
Ich sage immer: Klettern kann man von acht bis 80.

Der einzige alte Kletterer war für mich Luis Trenker. Und den kannte ich nur vom Fernseher, wenn er am Kaminfeuer von seinen Jugendabenteuern erzählte.
Mein Beispiel ist Paul Nigg, die Bergführerlegende aus Pontresina. Vor ein paar Jahren habe ich ihn im Tessin erlebt, wie er voll kontrolliert und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk eine Tour im sechsten Schwierigkeitsgrad geklettert ist. Es war faszinierend. Damals war er 79.

Ein Vorbild für Sie?
Ja! Ich wäre froh, wenn ich in diesem Alter noch bis zum Einstieg dieser Wand käme.

Sie wollen hier in Stuttgart die Generation 50 plus fürs Klettern begeistern. Warum?
Ich bin überzeugt, dass Klettern eine Sportart ist, die für Ältere wie gemacht ist.


Das müssen Sie erklären.
Das Klettern in den unteren Schwierigkeitsgraden kommt ohne Dynamik aus. Es kommt dort nicht auf Schnelligkeit an. Aus meiner Sicht ist es dadurch der ideale Sport für Ältere. Der Kletterer ist der Herr über seine Geschwindigkeit. Auch den Schwierigkeitsgrad bestimmt er selbst.

Letzteres gilt aber nur fürs Hallenklettern.
Hier gibt es nebeneinander Kletterstrecken für Anfänger und Spitzenkletterer.

Gibt es sonst noch Unterschiede zwischen Klettern am Felsen und in der Halle?
In der Halle ist es wesentlich sicherer. Hier brechen keine Haken, Tritte und Griffe aus. Ich habe auch noch nie einen Seilriss oder einen Karabinerbruch erlebt.

Auf was kommt es beim Klettern an?
Es geht um Tritt- und Griffsicherheit, um Verlagerung des Körperschwerpunkts, um Technik.

Und wo bleibt die Kraft, die aus dem Bizeps kommt?
Beim Klettern geht es darum, die Hände so wenig wie möglich zu belasten. Sie dienen dazu, den Körper im Gleichgewicht zu halten.

Moment! Die Huber Buam und andere Extremkletterer haben Oberarme wie Bodybuilder und dicke Schwielen an den Händen.
In der Öffentlichkeit geistert beim Thema Klettern immer das Bild von Cliffhanger herum, der mit einer Hand unterm Überhang hängt. Das ist Blödsinn, das hat mit Genussklettern und mit Klettern für ältere Menschen nichts zu tun.

Mit Wandern und Nordic Walking haben die Älteren doch genügend Auslauf. Warum sollen sie auch noch in die Kletterwand?
Gegenfrage: Warum müssen so viele Leute Ski fahren und mir den Platz auf der Piste wegnehmen.


Ein gutes Argument, das aber auf Sie zurückfällt. Ihre Kletterhalle steht vormittags oft leer. Sind ältere Kletterer die Lückenbüßer?
Nein. Unsere Halle wird an 2800 Stunden im Jahr genutzt. Das ist eine gute Auslastung. Aber es gibt in der Tat vormittags noch freie Kletterzeiten.

Warum fällt jetzt der Blick auf die Generation 50 plus? Weil Sie als alt gewordener Jugendreferent ein Fossil sind und eine neue Aufgabe brauchen?
(Öhrle lacht) Wenn einer mit 59 noch Jugendreferent ist, dann ist in seiner Karriereplanung etwas falsch gelaufen. Doch im Ernst: Hier in der Kletterhalle schlägt mein Herz. Solange es möglich und gewünscht ist, bin ich am richtigen Platz. Ich will hier immer noch Neues machen und ausprobieren.

Mit den Älteren als Versuchskaninchen?
Ich leite seit 20 Jahren zwei Seniorensportgruppen. In dieser Zeit habe ich ein Gespür dafür bekommen, welcher Sport für ältere Menschen gut ist. Klettern gehört eindeutig dazu.

Ein Klettertreff speziell für Ältere wurde aber noch nie angeboten?
Das stimmt. Wir betreten damit Neuland.

Welche Motive haben die Teilnehmer?
Viele sagen, sie hätten das Klettern schon immer mal ausprobieren wollen.

Wie viele werden denn bei der Stange oder am Karabiner bleiben?
Das wird sich zeigen. Jedenfalls können Interessierte immer noch einsteigen.


Was könnte die Älteren am Klettern so faszinieren, dass sie es weitermachen?
Das Klettern ist eine neue Herausforderung und eröffnet eine neue Dimension. Wer den flachen Waldweg verlässt, erlebt in der Halle die Faszination einer steilen Wand...

... und hat nie schlechtes Wetter.
(Öhrle lacht) Fühlen Sie mal, wir haben hier sogar eine Fußbodenheizung. Der ideale Platz für Schönwetterkletterer.

Gibt es für Sie persönlich in dieser Halle noch klettertechnische Herausforderungen?
Natürlich, besonders wenn ich hinauf zu den überhängenden Wänden schaue.

Reizen die Sie nicht?
Ich sag' mir immer: Ich könnt' schon, wenn ich mehr machen würde.

Wie lang wollen Sie das Klettern für Ältere selbst leiten?
Bis zum Ruhestand. Noch viel schöner wäre es aber, wenn einer der Teilnehmer irgendwann einmal so weit ist und sagt, er übernimmt die Kursleitung als Ehrenamtlicher.

Die Kletterhalle im Haus 44 der Evangelischen Jugend Stuttgart, Fritz-Elsas-Straße 44, bietet einen Kletterkurs 50 plus für Ältere an. Er findet mittwochs von 9 bis 11 Uhr statt. Weitere Informationen und Anmeldung bei Rainer Öhrle, Sportreferent der Evangelischen Jugend, unter 0711/18771-31 oder -0.

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