Unkontrollierte Wut bei Kindern: Können Eltern als Vorbilder wirklich so viel bewirken? Foto: Unsplash/Xia Yang

Gelassen, ängstlich oder wütend: Eltern, die sich über das Verhalten ihrer Kinder wundern, sollten wissen, dass die Macht der Gene größer ist, als man glaubt. Wie Eltern trotzdem Einfluss nehmen können.

Grübchen, Stupsnase, Lockenkopf – all das sind Merkmale, die man von den Vorfahren vererbt bekommt. Kein Mensch würde auf die Idee kommen und beispielsweise sagen: „Das Mädchen da hat gekräuselte Haare, weil sich ihre Familie nie kämmt.“

 

Dass körperliche Eigenschaften genetisch bedingt sind, ist inzwischen weitreichend bekannt. Anders läuft das bei Charaktereigenschaften: Wütende, faule, aufbrausende, selbstverliebte, introvertierte, missmutige, freche oder arrogante Kinder und Jugendliche gelten als Ausbund schlechter Erziehung.

Wenn sie dann noch saufen, kiffen und schwarzfahren, anstatt brav Vokabeln oder Klavier zu üben, dann muss da doch gehörig was schiefgelaufen sein. Oder gibt es vielleicht auch ein Armleuchter-Gen?

Kira Liebmann, Geschäftsführerin der Akademie für Familiencoaching, ist der Ansicht: „Die Eltern sind nicht schuld, aber sie sind oft die Ursache, wenn es größere Probleme gibt. Da sich die Kinder vieles abschauen, sind Eltern der Schlüssel zur Veränderung.“

Anlagen können durch Erziehung verbessert werden – oder verschlimmert

Liebmann sagt, es gebe zwar krankheitsbedingte oder über Generationen hinweg durch Zellinformationen vererbte Persönlichkeitsstrukturen, aber: „Beides kann durch Erziehung verbessert oder verschlimmert werden.“ Vor allem jedoch gehe es um das adäquate Vorleben: „Eltern sind die Vorbilder, und Kinder übernehmen ihre Verhaltensweisen. Wenn ich als Kind gelernt habe, gut mit meinen Charakterzügen umzugehen, dann sind sie auch nicht hinderlich in meiner Entwicklung zum Erwachsenwerden.“

Manch bestrebtes Elternteil hat dennoch andere Erfahrungen gemacht. Als Beispiel dient Single-Mutter Kerstin – fast von Geburt an alleinerziehend. Tagtäglich müht sie sich, ihren Kindern ein Vorbild in Sachen Harmonie, Freundlichkeit, Fleiß und Ordnung zu sein. Sie hadert leider etwas mit ihrem Selbstwert, liebt aber die Natur und das Lesen.

Von wem hat der Junge das nur?

Ihr Nachwuchs dagegen lebt auf großem Fuß, geht meist grußlos an der Nachbarschaft vorbei, schaut ständig selbstverliebt in den Spiegel, liegt abwechselnd tagelang faul auf dem Sofa oder feiert exzessive Partys. Auf Harmonie wird gepfiffen, „Natur ist blöd“ und Bücher dienen maximal als Deko, damit das Regal nicht ganz so leer bleibt. Das erinnert doch stark an den verschollenen Papa, obwohl der kein bisschen an der Erziehung mitgewirkt hat.

Das sei wenig überraschend, sagt Nicolai Peschel, Molekularbiologe, Neurogenetiker, Arzt am Universitätsklinikum in Erlangen und Autor des Buchs „Ich bin nicht dick, ich habe nur schwere Gene“. Er sagt: „Man weiß, dass für alle Charaktereigenschaften die Gene mitverantwortlich sind. Schuld ist also nicht nur die Erziehung.“

Zwillingsstudien haben längst deutlich gemacht, dass Charaktereigenschaften bei Geschwistern gleich sein können, obwohl die Kinder in völlig anderem Umfeld aufwuchsen. „Auch wenn die Eltern etwas ganz anderes vorleben, ist das Kind dennoch schon genetisch in eine Richtung geprägt“, erklärt Peschel.

Egal, ob Gelassenheit oder Rastlosigkeit, Ängstlichkeit oder Mut, Musikalität, Witz, Schüchternheit oder Empathie, alles ist in unseren genetischen Bauplänen verankert – genau wie unsere Blutgruppe, die Gefahr, an bestimmten Krankheiten zu leiden, die Neigung zur Sucht und zur Depression oder welcher Chronotyp wir sind, also ob Frühaufsteher oder Nachteule.

Kerstins Kinder bekommen – ganz der Papa – immer um Punkt 12 Uhr mittags Hunger, obwohl die Mama diese Mahlzeit am liebsten ausfallen lässt. „Auch das Essverhalten, das Sich-nicht-zurückhalten-Können steckt in unseren Genen“, weiß Peschel und erklärt, dass die Veranlagung für hohes Körpergewicht ebenso erblich bedingt sein kann.

„Früher dachte man, die Leute sind charakterschwach und können sich nicht zurückhalten, aber die Gene sind auch für unseren Stoffwechsel verantwortlich.“ Das ist evolutionär bedingt sogar sinnvoll, denn in harten Zeiten war es stets überlebenswichtig, sich aus einer kleinen Menge Essen so viel Energie wie möglich zu ziehen. „Das Problem entsteht erst in einer Überflussgesellschaft.“

Peschel: „Auch das Essverhalten steckt in unseren Genen.“ Foto: privat

Auch Eigenschaften können zum Problem werden. Sie sind keineswegs etwas rein Geistiges, erklärt Peschel: „Alles passiert in unserem Körper. Vereinfacht ausgedrückt, gehen Depressionen, Wagemut oder Aggressionen auf bestimmte Moleküle zurück wie Serotonin, Testosteron oder Adrenalin, die im Körper vermehrt oder vermindert vorkommen können. Das ist entsprechend in unserem Genom codiert.“

Welche Genabschnitte ein Kind von der Mutter und welche vom Vater mitbekommt, ist ein bisschen wie Lotterie, und oftmals entstehen ganz neue Kombinationen, die nicht unbedingt von Vorteil für Gesundheit und Persönlichkeit des Nachwuchses sind.

Kaum verwunderlich in einer nach Perfektionismus strebenden Gesellschaft, dass manche sich wünschen, ein Kind nach Maß zu produzieren. „In manchen Ländern wird durch In-vitro-Befruchtung bereits selektiert, ob es ein Junge oder ein Mädchen werden soll“, mahnt Peschel.

Er verweist auf die USA, wo das in zehn Prozent der infrage kommenden Fälle schon praktiziert wird. Das männliche Wunschkind mit blonden Haaren und blauen Augen ist demnach keine Utopie. Bei den Charaktereigenschaften ist eine Selektion allerdings schwieriger, „denn da stecken Hunderte bis Tausende Gene dahinter, die jeweils einen kleinen Teil liefern“, so Peschel.

Daher ist es auch nicht einfach, Wesenszüge zu „berechnen“. Sicher ist, dass die Neigung zur Alkoholabhängigkeit genauso vererbt werden kann wie der Hang zum Narzissmus. „Für die Wissenschaft ist es natürlich schwierig, das evidenzbasiert aufzuzeigen, denn wie soll man Narzissmus quantifizieren. Er ist nur schwer messbar“, sagt Peschel.

Letztlich ist es auch egal; es ist eh nicht zu ändern. Die Gene sind mächtig, häufig gar mächtiger als die Erziehung. Aber man sollte nicht aufgeben und kann natürlich sehr wohl etwas falsch machen, pflichtet der Genetiker Peschel der Erziehungsexpertin Liebmann bei: „Indem man den Kindern nicht genug Liebe gibt.“