Blau oder rosa? Auf Gender-Reveal-Partys bedeutet das: Junge oder Mädchen? Diese Art der Baby-Partys liegt im Trend, sorgt aber auch für Kritik. Foto: Adobe Stock/aprilante

Immer mehr junge Eltern enthüllen das Geschlecht ihres noch ungeborenen Kindes auf einer sogenannten Gender-Reveal-Party. Auch in Deutschland ist dieser Trend spürbar. Doch es gibt daran scharfe Kritik – selbst von der Erfinderin der Feiern.

Stuttgart - Es ist ein umstrittener Trend, der vor allem in den USA ungeahnte Ausmaße annimmt: Bei sogenannten Gender-Reveal-Partys, zu Deutsch Geschlechtsenthüllungsfeiern, offenbaren werdende Eltern das Geschlecht ihrer Kinder auf einer Feier mit Bekannten und Freunden. Die Herangehensweise ist simpel. Von ihren Frauenärzten lassen sich junge Eltern auf einen Zettel schreiben, ob ihr Kind ein Junge oder ein Mädchen wird. Den Zettel schauen sie sich nicht an, sondern geben ihn an Bekannte, mit denen sie wiederum eine Party organisieren.

Auch in Deutschland sind die Babyfeiern angekommen. Christian Albring, der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, sagt: „Werdende Eltern bitten mittlerweile öfters um diese Art der Mitteilung.“ Für ihn sei das eine positive Entwicklung. „Es zeigt, dass für diese Eltern ‚Hauptsache gesund‘ wichtig ist und nicht, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist, über die sie sich riesig freuen.“

Social-Media-Influencer haben Gender-Reveal-Partys perfektioniert. In ihren Youtube-Videos zelebrieren nationale wie internationale Stars der Branche die Feiern ausgiebig: Lange, weiß gedeckte Tische, bilderbuchhaft gestaltetes Essen und häufig ein großer Luftballon, in dem das Geschlecht des Kindes in Form von rosa oder blauem Konfetti versteckt liegt. Der Höhepunkt der Feier besteht schließlich darin, den Ballon aufzustechen oder etwa eine Kiste zu öffnen, aus der blaue („Es ist ein Junge!“) oder rosa („Es ist ein Mädchen!“) Luftballons fliegen.

Vom Fest zur Katastrophe

Was erst einmal nach einer netten Festidee klingen mag, hat viele Kritiker angezogen. Vor allem in den USA, dem Geburtsland der Feiern, arten Gender-Re­veal-Partys teilweise aus. Einer der heftigen Waldbrände im US-Bundesstaat Kalifornien geht etwa nach Angaben der dortigen Brandschutzbehörde auf ein Feuerwerk bei einer Babyfeier zurück. Eine Familie aus dem Bundesstaat Iowa wiederum baute für ihre Gender-Reveal-Party aus Versehen eine Bombe.

Nach der Idee der Verantwortlichen sollte in einem metallenen Apparat Schießpulver gezündet werden, um rosa oder blaues Farbpulver nach oben zu schießen. Stattdessen ging die Bombe in die Luft. Herumfliegende Splitter töteten die anwesende Großmutter des Kindes. Einzelfälle sind das nicht, denn ähnliche Beispiele gibt es viele.

Ein syrisch-kanadisches Influencer-Paar erweckt den Eindruck, die Feiern könnten nicht teuer und aufgemotzt genug zelebriert werden. Das Paar gab jüngst 95 000 Dollar aus, um das weltweit höchste Bauwerk, den Burj Khalifa in Dubai, für ihre Babyfeier mit einer Lasershow anzuleuchten.

Soziales Geschlecht vs. biologisches Geschlecht

Umstritten ist die Gender-Reveal-Party nicht nur wegen ihrer teils gefährlichen und dekadenten Auswüchse. Kritik kommt zum Beispiel von Jenna Myers Karvunidis: Die US-Amerikanerin gilt als Erfinderin der Gender-Reveal-Partys. 2008 war sie schwanger – das wollte sie feiern. Gegenüber dem britischen „Guardian“ erklärt sie, das Leben sei zwar hart, sie möge es aber, Spaß zu haben. „Ich denke, es ist wichtig, Momente des Glücks festzuhalten“, so Karvunidis. Heute hält sie die Gender-Reveal-Partys für falsch. Ihr sei aufgefallen, wie reaktionär die Babyfeiern Geschlechterstereotypen behandeln. Ihre älteste Tochter, für die diese erste Gender-Reveal-Party ausgerichtet wurde, stelle sich entschieden gegen Geschlechterstereotypen. Das habe sie umdenken lassen.

Der Soziologe Daniel L. Carlson von der Universität Utah hat die Natur von Gender-Reveal-Partys untersucht: „Das Wichtigste in Bezug auf Gender-Reveal-Partys ist, dass es bei ihnen gar nicht um das soziale Geschlecht der Kinder geht.“

Blau und Rosa reproduzieren Geschlechterstereotype

Das Wort „gender“ steht in der Forschung für das soziale Geschlecht, auch Geschlechtsidentität genannt, mit dem sich ein Mensch identifiziert – seien es transsexuelle oder nichtbinäre Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen können. Welche Identität ihr Kind hat, wissen Eltern aber noch nicht, solange sie nicht gesehen haben, wie es sich verhält oder was es selbst sagt, gibt Carlson zu bedenken. Die Farben Blau und Rosa produzierten demnach kulturelle Geschlechterstereotype.

Worum es laut dem Soziologen bei Babyfeiern eigentlich gehe, sei das englische „sex“, zu Deutsch biologisches Geschlecht, das zwischen Frau und Mann unterscheidet. Carlson: „Wenn die Geschlechtsidentität dem Kind schon vor der Geburt auferlegt wird, laufen Eltern die Gefahr, dass ihre Kinder psychologisch traumatisiert werden, weil sie sich nicht mit der auferlegten Identität identifizieren.“ Erklärende oder einordnende Worte dahingehend finden zumindest deutsche Influencer in ihren Videos normalerweise nicht. Für sie und viele andere junge Eltern stehen allein das Beisammensein und die Freude auf das Kind im Vordergrund.

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