Vor einigen Jahren noch völlig unbekannt, erhitzt die Gender-Praxis aktuell die Gemüter. Die Städte im Landkreis suchen nach pragmatischen Lösungen. Foto: imago/Christian Ohde

Geschlechtersensible Sprache beschäftigt derzeit nicht nur die Landespolitik, sondern auch die Rems-Murr-Kommunen. Während einige Städte auf den Doppelpunkt setzen, gendern andere prinzipiell nicht.

Also, was gilt nun: Studentinnen und Studenten, Studierende? Mieterinnen und Mieter, Mietende? Bürger, Bürgende?

 

Wenn an diesem Sonntag in Fellbach oder Weinstadt die Bürgerschaft zu den Neujahrsempfängen strömt, so darf die Öffentlichkeit auf das überraschende oder weniger überraschende Outing gefasst sein, ob die Rathauschefin oder der Rathauschef in diesem Herbst zur Wiederwahl antritt.

„Herzlich willkommen, liebe Mitbürger*innen“?

Noch kniffliger könnte sein, wie Michael Scharmann oder Gabriele Zull die Gäste begrüßen. Denkbar wäre, so wie es etwa ZDF-Moderatoren zelebrieren, eine an eine minimal gestoppte Videoaufzeichnung erinnernde Zehntelpause zwischen dem Wortstamm und der weiblichen Endung – also „Herzlich willkommen, liebe Mitbürger*innen“.

Ein kleiner Hickser, eine unscheinbare grammatikalische Besonderheit? Oder vielleicht das genaue Gegenteil. Denn derzeit geht ein Riss durch Deutschland. Ein Gender-Riss. Pro oder Contra. Ja oder Nein? Ein Kompromiss scheint unmöglich.

Strobl Pfeffer für die Gender-Debatte

Neuen Pfeffer in die Debatte gebracht hat in dieser Woche der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl. Der CDU-Politiker will das Gendern aus der ministerialen Verwaltungssprache tilgen – das gilt bereits für Gesetzestexte oder Verordnungen und soll nun auch den Schriftverkehr umfassen. Fraglich allerdings, ob der grüne Koalitionspartner mitspielt.

Denn während die einen auf geschlechtergerechte Sprache pochen, das Gendersternchen oder Binnen-I gut finden und wie die Grünen der CDU „Verbotsfantasien“ vorwerfen, wettern andere über die „Sprachpolizei“ (wie der offenkundige Gender-Gegner Winfried Kretschmann), erkennen ein „sprachliches Absurdistan“ und den „völlig übertriebenen Gender-Zwang“.

Das vermeintliche Problem poppt seit Jahren auch im Speckgürtel rings um Stuttgart auf. Im Februar 2023 forderte die CDU Remshalden die Gemeindeverwaltung auf, in der Kommunikation nach innen und außen keine Gendersprache zu verwenden. Eine Schlagzeile vom 10. Oktober vergangen Jahres in unserer Zeitung wiederum lautete: „Im Rathaus Ludwigsburg ist der Genderstern nun erlaubt.“ Frank Nopper, seinerzeit noch in seiner Endphase als Oberbürgermeister in Backnang, äußerte sich im Spätsommer 2020 im Wahlkampf für den Stuttgarter OB-Posten gewohnt knallig: „Schaffen statt Gendern!“

Und wie sieht es aktuell an Rems und Murr aus? Backnang hat keine Vorgaben zum Gendern im offiziellen Schriftverkehr. Geregelt sei lediglich eine einheitliche Schreibweise in Sitzungsvorlagen oder Pressemitteilungen, so die Auskunft auf Nachfrage. Demnach werden Doppelnennungen wie „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ sowie geschlechtsneutrale Bezeichnungen wie „Mitarbeiterschaft“ oder „Mitarbeitende“ bevorzugt. In Aufzählungen sei auch das generische Maskulinum zur besseren Lesbarkeit möglich. Auf eine Schreibweise mit Gendersternchen, Gendergaps oder Binnen-I soll dabei verzichtet werden. „Somit existiert ein ausdrückliches Genderverbot, wie es Innenminister Dr. Thomas Strobl für den Schriftverkehr der Landesbehörden plant, bei der Stadtverwaltung Backnang nicht.“

Keine Verbote, sondern Vorgaben in Backnang

Denn diese, so OB Maximilian Friedrich, lege „großen Wert auf eine respektvolle und verständliche Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern“. Dazu gehöre in erster Linie, dass auch komplexe Sachverhalte möglichst einfach, aber nicht sinnverfälschend dargestellt werden und sich alle Menschen angesprochen fühlen. „Dazu bedarf es nach unserer Überzeugung keine Verbote, sondern klare Vorgaben, wie zu kommunizieren ist. Eine Verkürzung lediglich auf den Genderstil wird diesem wichtigen Anliegen nicht gerecht.“

„Sehr milde Form des Genderns“ in Weinstadt

Weinstadt, so Pressesprecherin Claudia Leihenseder, „gendert in ihren Texten generell nicht“ – sei es im Amtsblatt, in Pressemitteilungen, E-Mails oder Einladungen. Die Mitarbeitenden verwenden „lediglich eine sehr milde Form des Genderns“ und schreiben „Bürgerinnen und Bürger“ oder greifen zum generischen Maskulin. „Sternchen, Schrägstriche oder Ähnliches werden nicht verwendet.“ Eine interne Anweisung dazu gibt es aber nicht. So finden sich in internen Schriftstücken, Texten oder Mails abgewandelte Begriffe wie „Mitarbeitende“. Es zeige sich jedoch im Alltag, dass die Mehrheit der Weinstädter Mitarbeiter in ihrem Schriftverkehr auf das Gendern von sich aus verzichten. Leihenseder: „Wir sehen das Gendern als generell nicht nötig an. Wir respektieren selbstverständlich jeden Menschen, wie er ist. Das lebt die Stadtverwaltung Weinstadt jeden Tag – auch ohne Gendersternchen.“

Gendersternchen im Einzelfall in Waiblingen

Keine spezifischen Regelungen gibt es in Waiblingen. Bei der Kommunikation nach außen wird darauf geachtet, dass nicht gegendert und sich an die Rechtschreibregelungen gehalten wird. Stadtsprecherin Karin Redmann: „Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass im Einzelfall Gendersternchen oder dergleichen von Beschäftigten verwendet werden.“ Jedoch wurde bislang kein Grund gesehen, steuernd einzuwirken, so die Sichtweise von OB Sebastian Wolf.

Für Oberbürgermeisterin Gabriele Zull ist das Gendern nicht das aktuell wichtigste Thema auf der lokalen Agenda. Sie wirbt für pragmatische Lösungen. In Fellbach wurde im vergangenen Jahr durch einen Arbeitskreis ein kleiner Leitfaden entwickelt. Eine gendersensible Sprache solle nicht zusätzliche Barrieren durch unübersichtliche Formulierungen und somit „neue Diskriminierungen“ schaffen. Die Verwaltung nutzt deshalb den Doppelpunkt als „Gender-Gap“ – denn er gilt als „am wenigsten einschränkend“. In den Vorlagen ist dann etwa die Rede von „Integrationsmanager:innen“, von „Ansprechpartner:innen“ oder „Einwohner:innen“. Grundsätzlich, so Zull, gelte in der Fellbacher Verwaltung die Devise: „Verständlichkeit geht vor Gendergerechtigkeit.“

Verständlichkeit vor Gendergerechtigkeit

Der Fellbacher Weg: Mitarbeiter:innen, Integrationsmanager:innen, Einwohner:innen. Foto: Dirk Herrmann

Schorndorf hat dringendere Themen

Die Stadt Schorndorf hat beim Gendern keine einheitliche Regelung eingeführt und plant dies auch nicht. Zahlreiche Stellen innerhalb der Verwaltung versuchen, wenn möglich, geschlechtsneutrale Begriffe zu verwenden. Aus Sicht von Oberbürgermeister Bernd Hornikel gibt es „derzeit dringendere Themen als das Gendern“.