Zwischen Frauen und Männern klafft in Deutschlands eine Lohnlücke. Wir haben die Gehälter von Frauen und Männern in den 50 häufigsten Berufen verglichen. Nur in einem verdienen Frauen ein bisschen mehr.
Die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern ist ein bekanntes Problem. Seit Jahren wird über den sogenannten Gender Pay Gap, seine Ursachen und Möglichkeiten, die Lohnlücke zu schließen, gesprochen. Doch in welchen Berufen ist die Bezahlung von Frauen und Männern besonders ungleich und in welchen sind die Unterschiede gering?
Helfen können dabei Daten der Bundesagentur für Arbeit. Sie enthalten jeweils die monatlichen Bruttomediangehälter von Frauen und Männern in den 50 häufigsten Berufen in Deutschland. Mediangehalt bedeutet: 50 Prozent der Beschäftigten verdienen mehr, 50 Prozent weniger. Der prozentuale Unterschied zwischen dem Mediangehalt der Männer und dem der Frauen ergibt den Gender Pay Gap. Dabei vergleichen wir nur die Gehälter von Vollzeitbeschäftigten. Dass Frauen deutlich häufiger als Männer in Teilzeit arbeiten, spielt für diese Berechnung also keine Rolle.
Die Berufsgruppe, in der der Gender Pay Gap prozentual am größten ist, ist die der Marketing-Spezialisten. Zu dieser Gruppe gehören zum Beispiel Werbetexter, Produktmanager oder Merchandiser. Bei knapp über 25 Prozent liegt der Gender Pay Gap in dieser Berufsgruppe. In absoluten Zahlen sind es mehr als 1450 Euro, die Männer in diesem Beruf im Mittel mehr verdienen.
Auch bei Qualitätskontrolleuren, die in verschiedensten Branchen tätig sind und die Qualität von genutzten Materialien und fertigen Produkten überprüfen, ist der Gehaltsunterschied mit knapp über 24 Prozent sehr groß. An dritter Stelle folgen die Vertriebsspezialisten, zu denen zum Beispiel Vertriebstechniker, Fachkaufleute für Vertrieb und Auslandsvertreter von Unternehmen gehören. Würde man dieselbe Berechnung statt mit Mediangehältern mit Durchschnittsgehältern durchführen, wäre der Gender Pay Gap wohl noch größer. Denn: Das Durchschnittsgehalt kann durch einige wenige sehr hohe Gehälter deutlich nach oben gezogen werden. Wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass der Abstand zwischen Durchschnitts- und Medianlohn bei Männern noch größer ist als bei Frauen.
Familiengründung bremst Karrieren aus
Woher kommen die großen Gehaltsunterschiede in einigen Berufen? Für Malte Lübker, Forscher am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, gibt es nicht die eine Erklärung für die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern. Ein wesentlicher Grund, warum der Gender Pay Gap besonders in Berufen mit hohem Qualifikationsniveau groß ist, ist die Familiengründung. Die Lasten der Kinderbetreuung seien noch immer häufig ungleich verteilt, so Lübker. „In der Phase der Familiengründung mit Ende 20 oder Anfang 30 starten Männer im Beruf häufig durch. Frauen gehen häufig in Teilzeit und treten kürzer“, sagt er. Auch wenn die Frauen später zu einer Vollzeitbeschäftigung zurückkehren, seien die Karriere- und Gehaltssprünge, die Männer in dieser Zeit gemacht hätten, häufig nicht aufzuholen, so Lübker. In Berufen, für die ein hohes Qualifikationsniveau nötig ist, sind die Aufstiegschancen, die viele Frauen wegen der „Babypause“ verpassen, besonders groß. Eine der wichtigen Maßnahmen, um den Gender Pay Gap zu schließen, sei daher, mehr Kita- und Kindergartenplätze bereitzustellen. „Trotz Kitaplatzgarantie hapert es in der Praxis, und deswegen bleiben Frauen teilweise länger in Teilzeit als sie möchten“, sagt Lübker.
Mehr Kitaplätze könnten das Problem lösen
Die Liste der 50 häufigsten Berufe enthält nur einen Beruf, in dem das Mediangehalt von Frauen etwas höher ausfällt: Postbotinnen verdienen im Mittel 0,6 Prozent mehr als ihre männlichen Kollegen. In vielen der Berufe mit niedrigem Gender Pay Gap arbeiten die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Im öffentlichen Dienst werden Beschäftigte deutlich öfter als in der Privatwirtschaft nach Tarifverträgen bezahlt. Das verhindert gerade in Jobs mit niedrigen Löhnen, dass Frauen deutlich weniger verdienen als Männer. Das Statistische Bundesamt gibt für das Jahr 2022 für alle Teil- und Vollzeitbeschäftigten im öffentlichen Dienst einen Gender Pay Gap von sechs Prozent an, während er in der Privatwirtschaft bei 19 Prozent liegt.
Neben dem Ausbau der Kinderbetreuung sieht Lübker auch Nachholbedarf, was die Transparenz beim Gender Pay Gap angeht. „Diskriminierung gedeiht am besten im Verborgenen“, sagt der WSI-Forscher. Dass Frauen und Männer oftmals ungleich bezahlt werden, sei zwar bekannt. Viele wüssten aber nicht genau, wie groß die Gehaltsunterschiede beim eigenen Arbeitgeber, im eigenen Beruf oder der eigenen Branche sind. Online zugängliche Vergleichsseiten, die mehr über die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen verraten, sind etwa das WSI-Portal „Lohnspiegel.de“, der „Gehaltsrechner“ des Statistischen Bundesamtes oder der „Entgeltatlas“ der Bundesagentur für Arbeit.
Daten und Methodik
Hohe Gehälter
Für einige der 50 Berufe, die wir analysiert haben, konnten wir keinen genauen Gender Pay Gap ermitteln. Das liegt daran, dass das genaue Mediangehalt von Männern in vier Berufen (unter anderem Ärzte und Unternehmensberater) nicht aus den Daten hervorgeht, weil es über der Beitragsbemessungsgrenze von 6750 Euro liegt. Höhere Gehälter erfasst die Bundesagentur für Arbeit nicht, weil die Daten aus der Sozialversicherungsstatistik stammen.
Daten
Die Bundesagentur für Arbeit erfasst die Bruttogehälter aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland. Daraus lassen sich mittlere Gehälter für jeden Beruf und sowohl auf Bundes- als auch auf regionaler Ebene ermitteln. Die Gehaltsunterschiede für Männer und Frauen liegen nur bundesweit vor.