Die neue Haupttribüne in der MHP-Arena wird deutlich teurer. Das nahm der Gemeinderat fast kommentarlos hin. Foto: Baumann/Julia Rahn

Die neue Haupttribüne wird um 84 Prozent teurer. Im Gemeinderat ist das Hauptthema aber die Kostensteigerung für die Solarananlage auf dem Stadiondach. Haus und Grund spricht von Steuerverschwendung.

Die Landeshauptstadt will zur Fußball-Europameisterschaft 2024 mit einem runderneuerten Stadion glänzen. In der MHP-Arena (der neue Sponsor zählt zum Porsche-Konzern) werden vier Gruppenspiele und ein Viertelfinale angepfiffen. Letzter Schritt für den letzten Schliff ist der Neubau der Haupttribüne, für den die Stadt ihren Zuschuss an die Stadion Neckarpark GmbH & Co. KG erheblich aufstocken muss.

 

119,5 Millionen Euro wird die neue Haupttribüne nun voraussichtlich kosten. Bei der Vorstellung des Projekts im September 2019 ging die Verwaltung von bis zu 65 Millionen Euro aus. Beim Baubeschluss im Juli 2020 waren es dann schon 97 Millionen. Der Baukostenzuschuss der Stadt lag damals bei 37,5 Millionen Euro, nun steigt er um 60 Prozent oder absolut um 22,5 Millionen Euro. Der VfB Stuttgart soll unverändert 36,25 Millionen Euro am Neubau über eine höhere Pacht aufbringen, den Rest die Stadion KG. Mit den 119,5 Millionen liegt die Steigerung gegenüber dem Zeitpunkt der Vorstellung des Projekts bei 84 Prozent oder 54,4 Millionen Euro.

Die Tribüne wird um 84 Prozent teurer

Der Gemeinderat hat den erhöhten Zuschuss bei nur vier Gegenstimmen aus der Puls-Fraktion gesichert. Einen verbalen Schlagabtausch gab es dabei, er betraf aber nicht die horrend gestiegenen Baukosten für die Tribüne, sondern die zwei Millionen Euro Mehrkosten (insgesamt 3,5 Millionen Euro), die der aufwendige Unterbau für eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach verursacht. Dadurch wird die Anlage mit einer Spitzenleistung von 300 Kilowatt-Peak (kWp) unwirtschaftlich. Alternativ könne man auf dem Dach des Parkhauses P1 am Stadion die dreifache Menge Storm ernten, hieß es in der Vorberatung. Eine Anlage mit der sechsfachen Leistung, also 1800 kWp ließen sich an anderer Stelle aufbauen, sagte Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) vor dem Gemeinderat, zum Ende der Debatte nannte er dann 2000 kWp. Fuhrmanns Bedenken überzeugten die am Ende mit 29 zu 27 Stimmen knappe Mehrheit nicht. Grüne, SPD, das Linksbündnis und Verena Hübsch von der fünfköpfigen Fraktion Puls schlugen sie in den Wind. Zwar hatte die Fraktion Puls zu einem Antrag angesetzt, mit dem die Verwaltung ihre Wirtschaftlichkeitsrechnung vorlegen, Alternativen aufzeigen und quasi eine Fertigstellungsgarantie zur EM vorlegen sollte, doch dazu kam es nicht. Wenn man darauf eingehe, so Fuhrmann, sei eine rechtzeitige Fertigstellung deutlich weniger wahrscheinlich als bei einer sofortigen Entscheidung.

Zeitplan für Fotovoltaik ist eng

Das ökosoziale Lager setzt nicht nur wegen der tatsächlichen Stromproduktion auf das Projekt, sondern auch wegen der Signalwirkung. Fernsehbilder von der Europameisterschaft würden auch das Dach der Arena mit der Photovoltaikanlage zeigen, das sei eine Werbung für Stuttgart, so Florian Pitschel (Grüne). Außerdem habe man sich verpflichtet, dass die Stadt 2035 klimaneutral sein werde, privaten Hauseigentümern laste man bei Neubauten auch die Photovoltaikinstallation auf.

Haus und Grund: Steuerverschwendung

Für CDU, FDP, Freie Wähler und die AfD ist der Beschluss ein Sündenfall. Man brauche keine „pseudo-ideologischen Leuchttürme“, so Matthias Oechsner (FDP), sondern die höchstmögliche Umweltrendite auf das eingesetzte Kapital. Der Eigentümerverein Haus und Grund Stuttgart wirft der ökolinken Ratsmehrheit Steuerverschwendung vor. Allerdings kommt auch die Verwaltung nicht gut weg. Die zelebrierte vor wenigen Tagen den Aufbau einer Photovoltaikanlage auf einem Behördengebäude. „Reichlich spät“, so Vereinsvorsitzender Joachim Rudolf.

Das Argument, Geld zu verschwenden, konterte Linke-Stadtrat Luigi Pantisano mit dem Hinweis auf den Zuschuss für die sogenannte Host City. Während der EM wird Stuttgart sich mit Veranstaltungen und Betreuungen während der fünf Spiele als gute Gastgeberin zeigen. Das lässt sie sich bis zu 38,4 Millionen Euro kosten. Gut sechsmal so viel, wie die Verwaltung 2017 bei der Bewerbung um die Host City vage geschätzt hatte.