Sprechende Hände, das muss Thomas Baumgärtner haben, wenn er Gottesdienst abhält. Foto: Eibner-Pressefoto/Sandy Dinkelacker

Thomas Baumgärtner ist Gehörlosenseelsorger in Böblingen. Er erklärt die Tücken der Gebärdensprache, worauf es in der Welt der Gehörlosen besonders ankommt und was er macht, wenn während des Gottesdienstes ein Handy klingelt.

Wenn Thomas Baumgärtner fünf Mal im Jahr zum Gottesdienst einlädt, ist das Gemeindehaus Laurentius in Maichingen gefüllt. Orgelklänge? Bibelsprüche? Davon ist nichts zu hören. Viel mehr gibt es etwas zu sehen. Thomas Baumgärtner predigt in Gebärdensprache, denn die Gottesdienstbesucher sind gehörlos – der 61-Jährige selbst nicht. Baumgärtner lässt seine Hände tanzen, und sein Gesicht verzieht sich zu einem Mienenspiel. Vier bis fünf Mal im Jahr gibt es im Gemeindehaus in Maichingen Gottesdienste für Gehörlose. Manche Besucher fahren bis zu 50 Kilometer, um daran teilnehmen zu können.

 

50 Anwesende verfolgen seinen Auftritt gebannt. „Man bekommt jeweils gleich eine Rückmeldung von den Teilnehmern“, erklärt Baumgärtner. Wenn die Predigt langweilig sei, schauten die Gottesdienstbesucher eben in ihre Smartphones, erzählt der Pfarrer ungerührt und lacht. Gehörlose seien unglaublich ehrlich, fügt er hinzu. „Wer bei ihnen auf Distanz geht, hat schon verloren“, sagt der 61-Jährige. Man müsse lernen, aus sich herauszugehen. Bei den Gehörlosen werde jeder und jede zur Begrüßung erst mal in den Arm genommen. „Gehörlose haben ein viel feineres Gespür, sie sind Spezialisten für Körpersignale“, so Baumgärtner.

Manchmal wird Thomas Baumgärtner während der Predigt verbessert oder ein Lachen geht durch die Reihen, weil er eine veraltete Gebärde verwendet. Man stelle sich das in einem Gottesdienst von Hörenden vor; derart direkte Reaktionen schärfen ganz sicher die Selbstreflexion. Obwohl er diverse Kurse in Gebärdensprache absolviert hat, sei er immer noch ein Laie, sagt er selbst. Denn auch in der Gebärdensprache gibt es zum Beispiel Dialekte. Sie entstammen verschiedenen Regionen und Altersgruppen. „Man braucht einfach ein gutes Maß an Humor“, erzählt der Pfarrer. Die Gehörlosen honorierten es, dass ein Hörender in die Welt der Nicht-Hörenden eintauche und sich dafür interessiere, weiß er. So ein Gottesdienst sei zwar ein großer Aufwand, bereite ihm aber sehr viel Freude.

Pfarrer in Maichingen und Gehörlosenpfarrer im gesamten Kirchenbezirk

Zur Gehörlosenseelsorge kam der 61-Jährige über seine Frau, die an der Volkshochschule einen Kurs belegte, in dem Kinderbücher in Gebärdensprache übersetzt wurden. „Das war die Initialzündung“, sagt Baumgärtner. Vor etwa zwölf Jahren sei dann eine Stelle als Gehörlosenseelsorger für den Bezirk Böblingen/Herrenberg frei geworden. Da habe er sich beworben. Unterstützt wird Baumgärtner durch seinen Kollegen Marcus Girrbach und die Diakonin Karin Haag und Ute Mayer von der Landes-Synodale. „So etwas funktioniert nur als Team. Man muss seine Kräfte bündeln“, sagt der Pfarrer, der nicht nur ehrenamtlicher Gehörlosenseelsorger im evangelischen Kirchenbezirk Böblingen, sondern auch seit 16 Jahren geschäftsführender Pfarrer in Sindelfingen-Maichingen ist.

Rund zehn Stunden braucht Baumgärtner, um den Gehörlosengottesdienst vorzubereiten – wobei vielleicht muss man doch eher von einer Inszenierung, einer Art Schauspiel reden. Denn einfach ablesen kann er seine Predigt ja nicht. Die Mimik muss passen, Gebärden stimmen, und er schaut auf die Lippen seiner Zuhörer – wie auch umgekehrt. Daher brauche es gute Lichtverhältnisse im Saal, und die Gottesdienstbesucher müssten sein Gesicht frontal sehen können.

Immer mehr Jugendliche sind hörgeschädigt

Aber es gibt auch viele Dinge, die genauso sind wie bei Hörenden, etwa der Aufbau des Gottesdienstes; aber eben in einer Mischform aus Gebärden und Bildern gefeiert. Zwar fällt die Orgelmusik weg, gesungen wird dennoch. Bei den Gebärdenliedern werden durch Handbewegungen die Liedtexte lebendig.

Rund ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland ist gehörlos. Immer mehr Jugendliche sind allerdings hörgeschädigt. Früher sei den Gehörlosen viel Unrecht angetan worden, erinnert der Pfarrer. Sie seien gezwungen worden, die Lautsprache vor dem Spiegel zu erlernen. Und viele seien diskriminiert worden. Erst seit gut 20 Jahren ist die Gebärdensprache als eigenständige Sprache anerkannt. Selbstständiges Hören bleibt für viele trotzdem ein großes Ziel – etwa mit einem Cochlea-Implantat. Das ist eine elektronische Hörprothese, die bei einer Operation ins Innenohr eingesetzt wird. Dadurch können gehörlose Menschen wieder etwas hören. Es entsteht ein Höreindruck, der aber immer anders bleibt. Baumgärtners Arbeit ist also nicht überflüssig: „So lange die Menschen unser Angebot so gut annehmen, bieten wir es weiter an“, sagt er.

Was tun, wenn das Handy klingelt?

An ein Erlebnis kann er sich besonders gut erinnern. Einmal klingelte während der Predigt das Smartphone eines Gottesdienstbesuchers in voller Lautstärke. Zunächst habe er versucht, das Geräusch zu ignorieren und fortzufahren. Als er aber bemerkte, dass niemand darauf reagierte, weil es schlichtweg keiner außer ihm hörte, sagte er dann doch in Gebärdensprache, man möge das Handy doch bitte auf lautlos stellen. „Alle haben es mit Humor genommen“, erzählt der Vater von vier Kindern. „Ich mag diese Menschen einfach unglaublich gerne und ich ziehe meinen Hut davor, wie sie die Arbeitswelt, das Autofahren und ihren ganzen Alltag meistern“, sagt der sympathische Pfarrer.