Fahne statt Pfeife: Foto: Eisenmann

Die Futsal Champions League der Gehörlosen ist zu Gast in der Landeshauptstadt.

Untertürkheim - T emperament? Das haben die angereisten Zuschauer aus Italien zweifelsohne. Auch wenn man dieses mehr sieht als hört. Die zweite Halbzeit im Spiel ihres Vereins PS Sordapicena gegen das französische Damen-Team DLS Cergy-Pontoise ist an diesem Mittag gerade vier Minuten jung, als das 1:1 fällt. Endlich. Der Ausgleich. Die Fans aus dem Stiefelstaat hält nichts mehr auf ihren Plätzen in der Sporthalle des Lindenschul-Zentrums. Sie springen auf, reißen die Hände in die Luft und winken wie wild. Kein großes Geschrei auf den Rängen, kein großes Geschrei auf dem Platz. Allerdings: Ganz still ist es auch nicht. Es sind immer wieder Ausrufe zu hören, die für Hörende eher ungewohnt klingen.

31 Teams aus ganz Europa

Es ist ein besonderes Turnier, das in dieser Woche nicht nur in Untertürkheim, sondern auch an vier weiteren Sportstätten in Stuttgart und Esslingen ausgetragen wird. 31 Mannschaften aus Europa sind zur Champions-League-Endrunde der Gehörlosen angereist, seit Mittwoch rollt der Futsal-Ball. Nur die besten Teams aus den verschiedenen Ländern haben sich für die Veranstaltung qualifiziert, unterstützt wird diese von der „Aktion Mensch“. „Schreiben Sie bloß nicht Hallenfußball“, sagt Philip Bleicher vom Ausrichter, der Gehörlosen-Sportgemeinschaft (GSG) Stuttgart. Schließlich unterscheidet sich Futsal, eine aus Südamerika stammende Variante, in mehrerer Hinsicht: Es wird mit einem kleineren und schwereren Ball gespielt und es gelten zum Teil andere Regeln. Zwei mal 20 Minuten dauert die Begegnung, es wird ohne Bande gespielt.

Was jedoch gleich ist: Auch hier wird um jeden Ball gekämpft. Und Gehörlosigkeit hin oder her: Auch hier wird geredet und geschimpft – eben nur mit Händen und Füßen. „Die Mannschaften verständigen sich untereinander in ihrer jeweiligen Gebärdensprache“, erklärt Katharina Wiederholt, die immer wieder als Dolmetscherin einspringt und als eine von zahlreichen Freiwilligen zum reibungslosen Ablauf des Turniers beiträgt.

Pfeife des Schiris zweitrangig

Die Pfeife des Schiedsrichters ist zweitrangig, entscheidend ist vielmehr die Fahne in seiner Hand. Wird diese in die Höhe gehalten, ist das Spiel unterbrochen. Michael Jahnel und Natascha Roschke gehören zu den 18 Unparteiischen, die bei dem Turnier im Einsatz sind. Eine besondere Erfahrung, lautet das Fazit der beiden. „Es macht Spaß, auch wenn die Kommunikation schwieriger ist.“ Ganz ohne Schulung vorab geht es deshalb nicht. Und so lernten die junge Schiedsrichterin aus Stuttgart und ihr Kollege aus Bad Saulgau unter anderem wichtige Gebärden. Darunter Beleidigungen, die auch im Gehörlosen-Futsal in der Hitze des Gefechts auf dem Platz fallen können. „Es wird aber weniger gemault als bei den Spielen, die wir sonst pfeifen“, zeigt sich Jahnel überzeugt.

Mit Thomas Krämer ist an diesem Vormittag einer der Initiatoren des Turniers in Untertürkheim zugegen. „Ich gab gegenüber einem Freund in England damit an, wie stark die GSG Stuttgart sei. Irgendwann stellten wir die Frage, warum es keine ‚Deaf Champions League’ im Futsal gibt.“ 2008 organisierte er mit zwei Freunden in London den ersten Wettbewerb. 2009 war die zweite Auflage in Stuttgart zu Gast – so wie zehn Jahre später. Auf dem Spielfeld haben die Italienerinnen mittlerweile auf 3:1 erhöht. Sichtlich enttäuscht verlassen die französischen Spielerinnen das Feld und begeben sich zu ihrem Maskottchen, einem riesigen Wildschwein, auf die Tribüne. Aufmunternd wird ihnen auf den Rücken geklopft – eine Geste, die auch Spielern ohne Hörbehinderung bestens bekannt ist.

Die Halbfinal-Partien und die Endspiele der Frauen und Männer finden am Samstag und Sonntag in der Scharrena in Bad Cannstatt statt.

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