Foto: Pressefoto Baumann

Gegen Hoffenheim darf sich der VfB solche Nachlässigkeiten wie in Bern nicht erlauben.

Bern - Es war ein ebenso seltenes wie amüsantes Schauspiel, als die Schneeraupen über den Kunstrasen von Bern pflügten. Ein Raunen ging durch die Menge, als sie sich in Manier der vom Cannstatter Volksfest bekannten Box-Autos bedrohlich nahe kamen. Da legte Ersatztorhüter Marc Ziegler, der die Schneeschipp-Trupps tatkräftig unterstützte, den Besen weg und brachte sich in Sicherheit. Selbst Martin Harnik, als Halb-Österreicher mit winterlichen Verhältnissen vertraut, sprach dem Treiben im Stade de Suisse den Sinn ab: "Bei dem Wetter packe ich normalerweise die Skier aus."

Auf die Idee, im Schneechaos Fußball zu spielen, kommt nur die Europäische Fußball-Union, die sich dem Diktat des Fernsehens beugt - komme von oben, was wolle.

Jens Keller - angefressen wie selten

Den Charakter einer lustigen Schneeballschlacht verlor das Europa-Liga-Duell bei Young Boys Bern für den VfB Stuttgart aber spätestens beim Schlusspfiff. 2:4 - nach einer weitgehend starken zweiten Halbzeit und einer 2:1-Führung. Drei Blackouts in vier Minuten (79. bis 82.) verschlugen dem VfB erst einmal die Sprache. Und einem schlug die erneute Niederlage mächtig auf den Magen. Jens Keller war angefressen wie selten. So sehr, dass auch er die Sinnfrage stellte, aber weniger in Bezug auf die äußeren Umstände als vielmehr auf die Tauglichkeit seiner Spieler. "Es ist schon sehr bedauerlich, welche Aussetzer der eine oder andere hat. Das hat mit Profifußball nicht viel zu tun", zeterte der Trainer.

Kunstrasen und Schnee ließ er ebenso wenig als Ausrede gelten wie das Sammelsurium aus Reservisten und Talenten, das er zwecks Schonung zahlreicher Stammkräfte ins Rennen schickte. Vielmehr sollte sich gerade die zweite und dritte Reihe hervortun, was mal mehr gelang (Pawel Pogrebnjak, Ermin Bicakcic, Sven Schipplock) und mal weniger (Cristian Molinaro, Mamadou Bah, Elson). Und auch die Freude, dass der VfB als Gruppen-Erster im Rückspiel der Zwischenrunde Heimrecht besitzt, trat in den Hintergrund vor der Hürde, die nun wartet: 1899 Hoffenheim.

Überlebenskampf in Bern

Man muss nicht gleich von einer "Schlacht" sprechen wie Philipp Degen. Man kann es auch Überlebenskampf pur nennen. Auf jeden Fall müssen die Roten als Tabellen-Vorletzter der Bundesliga dann ein nahezu perfektes Spiel abliefern. Dagegen spricht die bisherige Unbeständigkeit und Anfälligkeit. Doch die Lehre von Bern ist eindeutig: Nicht einmal 99,9 Prozent sind genug. "Wir haben gesehen: Wenn du nur ein paar Prozent nachlässt, passiert es schon. Das muss uns eine Mahnung sein", sagte Georg Niedermeier, der von einer "angespannten Atmosphäre" in der Mannschaft sprach. Die vielen Niederlagen zerren an den Nerven. Wie sehr, belegt dieser Satz von Martin Harnik: "Wir haben genug Selbstbewusstsein, um an unsere Qualität zu glauben."

Das klingt nicht gerade so, als sei er richtig überzeugt davon.

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