Der Elan Heranwachsender ist ansteckend: Adam Driver (li.) und Ben Stiller in einer Szene von „Gefühlt Mitte zwanzig“ - mehr Gefühlseindrücke in unserer Bildergalerie Foto: Verleih

In einem Stadtneurotiker-Drama lässt Noah Baumbach Generationen und ihre Mentalitäten aufeinanderprallen. Doch es geht um noch mehr: die Wurzeln menschlichen Selbstverständnisses in der Informationsgesellschaft.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "Gefühlt Mitte Zwanzig"

Josh und Cornelia sind Ende 40 und nicht nur deshalb in einer Krise, weil Joshs Dokumentarfilm über einen greisen Philosophen keine Gestalt annehmen will: Freunde bekommen Babys und tauchen ins Familiäre ab, während Josh und Cornelia sich als ziellose Stadtneurotiker durch ihr komfortables Bohemien-Leben schleppen. Als Josh in seiner Vorlesung an der Universität Jamie und Darby kennenlernt, wirkt das wie ein Jungbrunnen: Die Mittzwanziger sprühen vor Ideen, kennen coole Menschen und Orte, wissen ­immer, wo man hingehen muss, um mittendrin zu sein im prallen New Yorker Leben.

Die Twens tippen auf Schreibmaschine, hören Vinylplatten, gehen auf den Flohmarkt und huldigen analogen Dingen von gestern, mit denen die Fortysomethings aufgewachsen sind. Für die Twens ist alles nur vorübergehende Mode, Geste, Pose, und sie haben permanent das Mobiltelefon im Anschlag, zeichnen alles und jeden ungefragt auf für aller ­Augen. Die Fortysomethings verharren in einem prädigitalen Verständnis zwischenmenschlicher Kontakte, sie nehmen zunächst alles für bare Münze, setzen eine gewisse zwischenmenschliche Verbindlichkeit voraus.

Eine Weile können Josh und Cornelia mithalten, sich einfach treiben lassen, lustige Hütchen tragen, herumhängen – doch spätestens bei einer Ayahuasca-Party mit halluzinogener Inka-Droge und Brecheimern keimt der Verdacht: Wer es jenseits die 40 ­geschafft hat, neigt eher dazu, sich solche anstrengenden Termine zu ersparen.

Baumbach: ein Chronist der Beziehungsbefindlichkeiten

Vielleicht wird der New Yorker Filmemacher Noah Baumbach (45) deswegen gerne mit Woody Allen (79) verglichen, weil er wie dieser eine Art cineastischer „Shrink“ („Seelenklempner“) ist, ein Chronist der Beziehungsbefindlichkeiten. Baumbachs Humor freilich ist dezenter, bedächtiger, und er überlässt die Hauptrollen gerne anderen.

Zwei Generationen hat er bisher im Blick: seine eigene und die 20 Jahre jüngere. Selbiger hat er in „Frances Ha“ (2012) ein Denkmal gesetzt mit der famosen Greta Gerwig (31) und ihrer natürlichen Ausstrahlung, und mit Adam Driver (31), den ganz selbstverständlich die Aura des jungen Bohemiens umgibt. In „Greenberg“ (2010) ließ Baumbach den Star Ben Stiller (49, „Verrückt nach Mary“) mit Gerwig herrlich ungelenke Verrenkungen aufführen und holte ihn ins Charakterfach.

Als kreativ blockierter Josh nun arbeitet Stiller sich mit ernster Miene am eigenen Ego ab, wenn sein Schwiegervater, arrivierter ­Dokumentarfilmer, ihm Hilfe anträgt, vor ­allem aber an Jamie, dem Adam Driver das scharfe Profil eines durchtriebenen Tausendsassas gibt: sensationell, wie er charmiert, inspiriert und andere schamlos benutzt, das eigene Fortkommen immer fest im Blick.

Neben diesem Männer-Duell treten die Frauen in den Hintergrund. Kein Ort für Gerwig, und Amanda Seyfried (29, „Briefe an Julia“) deutet als Darby an, dass sie mehr kann als Mainstream-Blondinen. Bei Naomi Watts (46, „King Kong“) steht das außer Frage, als letztlich biedere Cornelia kann sie aber nur zurückhaltend Akzente setzen.

Baumbach geht weit über Beziehungs- und Generationsfragen hinaus, er rührt an die Wurzeln menschlichen Selbstverständnisses in der Informationsgesellschaft. Dürfen Dokumentaristen fingieren, inszenieren, der Realität nachhelfen? Während Josh noch über wahrhaftige Bilder moralisiert, hat Jamie längst ins Netz gestellt, was für ihn nur Momentaufnahmen sind, flüchtige Gebrauchsmotive, Spielbälle der Gezeiten des Internets.

Unsere Bewertung zu "Gefühlt Mitte Zwanzig": 4 von 5 Sternen - empfehlenswert!

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