Diese Kristalle sind Crystal Meth - die Droge wird auch in Baden-Württemberg immer häufiger konsumiert. Foto: dpa

Seit diesem Jahr nimmt die Stuttgarter Polizei Crystal Meth richtig ernst. Sie beginnt den Missbrauch zu dokumentieren. Noch ist die Droge hier nicht verbreitet, aber auf dem Vormarsch. „Wo ein Markt ist, da ist auch ein Produkt“, sagt der Ex-Süchtige Marius Bönte. Seine Erlebnisse schockieren.

Seit diesem Jahr nimmt die Stuttgarter Polizei Crystal Meth richtig ernst. Sie beginnt den Missbrauch zu dokumentieren. Noch ist die Droge hier nicht verbreitet, aber auf dem Vormarsch. „Wo ein Markt ist, da ist auch ein Produkt“, sagt der Ex-Süchtige Marius Bönte. Seine Erlebnisse schockieren.

Stuttgart - Die Gefahr lauert in kleinsten Mengen. 0,1 Gramm genügen. Und sofort verändert sich die Welt. Alles wird angenehmer, Farben werden bunter, die Zeit rast. Marius Bönte fühlt sich mächtig, stark und hellwach. Zwei, drei Tage am Stück. In seiner neuen Welt schrumpft Superman zu einem Vorstadthelden. Er wächst dagegen zum Herrscher des Universums. Sogar die harte E-Musik Schranz, die sonst „wie das unerträgliche Quietschen einer Eisenbahn“ klingt, wird plötzlich zu einer Sinfonie. ­Marius Bönte (22/Name geändert) ist mitten in einem „Film“, wie er sagt, „du hast vor nichts mehr Angst“. So nennt der Stutt­garter den Rausch, in den ihn die Modedroge Crystal Meth versetzt.

Inzwischen ist er clean. Komplett drogenfrei. Kalter Entzug im Gefängnis nach einem Raubüberfall. „Eklig war’s.“ Aber noch immer beherrscht dieses Teufelszeug seine Gedanken und Erinnerungen. „Du bist in einer anderen Welt. Es war genial“, sagt er mit leuchtenden Augen. Nichts sei vergleichbar. Weder Kokain, Heroin, Speed noch sonst irgendetwas, das die Drogen­küche hergibt.

Faszination dieser Droge scheint unheimlich stark

Ebendiese Augen können einem Angst machen. Nicht, weil sie einen gefährlich anblicken. Im Gegenteil. Marius, der Sonnyboy mit den netten Grübchen, wirkt wie Schwiegermamas Liebling. Aber seine ­Augen bekommen diesen besonderen Glanz, wenn er versonnen über seinen Crystal-Meth-Rausch spricht. Sie funkeln so sehr, dass man fürchten muss: Die Macht und die Faszination dieser Droge sind so stark, dass sie Marius in der nächsten ­Sekunde wieder übermannen.

Nur seine Bewährungshelferin der ­Neustart GmbH hört ruhig zu. Marius habe einen „starken Willen“, sagt Charlotte Schlentner. Zudem wisse ihr Klient, was auf dem Spiel stehe und was die Droge mit ihm gemacht habe. Der Modell-Athlet (1,84 m, 80 kg) wog schließlich nur noch 60 kg. „Man merkt nicht einmal, wie man abbaut und zerfällt“, sagt er, „bei anderen flogen reihenweise die Zähne raus.“  Er litt an Psychosen und Gedächtnisschwund. Er war völlig verwahrlost.

Kaum ein anderes Vorher-Nachher-Bild, das derartig schockiert. Konsumenten sind schon nach kurzer Zeit nicht wiederzuerkennen. Von dieser Schockwirkung haben sich auch die US-Fernsehmacher leiten lassen. In der kommerziell erfolgreichsten TV-Serie „Breaking Bad“ werden die Abgründe von Crystal Meth thematisiert. Sucht, Verfall, Tod. Doch Bönte ist dieser teuflischen Logik entkommen. Mit der Hilfe seiner Bewährungshelferin und einer Psychotherapie konnte er sich befreien.

Verheerende Wirkung schleicht sich von hinten an

Vielleicht macht all das, was Bönte ­beschreibt, Crystal Meth noch gefährlicher als alle anderen Drogen. Die verheerende Wirkung schleicht sich von hinten an. Bevor sich die Persönlichkeit verändert, der ­Körper zerstört ist, surft der Süchtige auf einer Welle der Euphorie. Die hohen Ansprüche in Beruf, Studium oder Familie nimmt der Konsument von Kristall, Ice oder Rupp, wie die Substanz auch genannt wird, mit links. Für Neugierige ist es dagegen ein Mittel, um ihren großen Erlebnishunger in der Event-Gesellschaft zu stillen. Crystal Meth ist nach dieser Definition für jeden gefährlich.

Eine Studie des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) an der Universität Hamburg zeigt dies: Völlig unterschiedliche Gruppen konsumieren Amphetamin oder Metamphetamin. Die Droge kommt fast überall zum Einsatz: in Freizeit, Schule, Beruf, Ausbildung/Studium oder der Party-Szene. Daher schlägt die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler Alarm: „Die unterschiedlichen Konsumbiografien, -motive und -muster für den Missbrauch von Amphetamin und Metamphetamin ­machen deutlich, dass die Prävention des Missbrauchs dieser Substanzen eine große Herausforderung ist.“

Suchtexperten machen sich große Sorgen, dass sich das rosa oder blau gefärbte Pulver bei uns so rasant wie in den USA ausbreitet. Auch in Stuttgart? Obwohl die Zahlen des Missbrauchs und der Delikte mit Crystal Meth noch weit von denen anderer Drogen entfernt sind, steht die Sache in Stuttgart seit diesem Jahr erstmals unter besonderer Beobachtung. Mit Sicherstellungen im einstelligen Bereich und 17 Gramm beschlagnahmter Ware im Land fielen die Zahlen im Jahr 2013 noch gering aus.

2014 zeichnet sich da schon eine eindeutige Tendenz ab: Im März haben Ermittler Drogenhändler mit 1,5 Kilo Crystal Meth in Karlsruhe erwischt. Sie hatten die Droge in Tschechien gekauft. Aber auch in Stuttgart ist die steigende Tendenz von Crystal-Meth-Konsum spürbar. Wenn auch noch in Szenen am Rande der Gesellschaft.

Meth-Missbrauch vor allem im Thai-Prostitutionsmilieu

„Metamphetamin ist in Thailand heute eine Volksdroge und wird dort Yaba genannt – wir vermuten, dass die Droge in Einzelfällen direkt aus Thailand hierher geschmuggelt wird“, meldet das Stuttgarter Drogendezernat. Bisher häufen sich die Fälle mit Meth-Missbrauch vor allem im Thai-Prostitutionsmilieu.

Im Vergleich zu anderen Drogen ist die Verbreitung noch gering, bestätigen auch alle Stuttgarter Suchtberatungsstellen. „Im Vergleich zu Bayern und Sachsen scheint die Droge hier nicht wirklich einzuschlagen“, sagt Ulrich Binder von Release, einer Selbsthilfeeinrichtung für Suchtkranke. „Bei 35 Süchtigen, die wir im Rahmen eines Aufklärungsprojekts interviewt haben, gaben fünf an, schon mal mit Metamphetamin in Berührung gekommen zu sein.“ Auffällig war jedoch der Mischkonsum verschiedener Drogen. Und der wird vor allem in der Stuttgarter Partyszene exzessiv gefeiert. Dort, wo elektronische Musik gespielt wird.

In diesem Milieu muss man nicht lange nach der Droge fragen. Wer auf der Suche nach Crystal oder einem Opfer ist, bekommt schnell die passende Antwort: „Ein Typ der Partyszene wurde zuletzt von der Droge völlig dahingerafft“, sagt ein Veranstalter von Electronic-Dance-Music-Partys. Es ist ein abschreckendes Beispiel, sagt der Insider und greift sich ans Herz: „Zum Glück ist das Zeug noch nicht so verbreitet wie geläufige Partydrogen.“

Eine Beobachtung, die auch Peter Streibel, Türsteher und Chef des Sicherheitsdienstes Stuttguard, macht: „Crystal Meth ist mir noch nie wissentlich untergekommen.“ Aber das könne sich schlagartig ändern: „In Berlin spielt es in der Partyszene durchaus ein Rolle.“

Transportachse über Bayern nach Baden-Württemberg

Auch in Bayern ist Metamphetamin deutlich verbreiteter als in Baden-Württemberg. Das liegt einerseits an der Nähe zu Tschechien, wo die Killerdroge hauptsächlich produziert wird. Andererseits haben sich dort bereits einige Drogenküchen etabliert. Eine davon steht nur etwa 200 Kilometer entfernt von Stuttgart. „Ich weiß definitiv von einer in Nürnberg“, sagt ein Stuttgarter aus dem Drogenmilieu, der heute in Regensburg lebt und lange in der dortigen Drogenszene unterwegs war. Die Achse Bayern/Baden-Württemberg ist offenbar einer der Wege, auf dem die Droge hier landet. Auch Marius Bönte hat sich so versorgt.

Neu ist die Droge im Übrigen nicht. Schon Kamikaze-Flieger im Zweiten Weltkrieg haben das Rauschmittel genommen. Sogar Adolf Hitler soll es unter dem Namen Pervitin geschnupft haben. Schon damals nahmen es die Soldaten zur Leistungssteigerung. Fast nichts wirkt besser auf die sympathischen Teile des vegetativen Nervensystems ein. Sehr wirksam, aber eben auch mit sehr fatalen Folgen.

Der Fall von Marius Bönte zeigt es: Die Verlockung, wieder ein Teil dieses scheinbar so wundervollen Films zu sein, ist groß. „Man darf die Gefahren von Meth nicht klein reden. Wenn die Polizei das unterschätzt, wäre das dumm“, sagt Bönte. Es sei auch in Stuttgart leicht zu bekommen. Ganz nach dem Motto: Wo ein Markt ist, da ist auch ein Produkt.

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