Museumsleiter Wolfgang Haug zeigt, wie Echterdingen aussah, nachdem Tonnen an Bomben auf den Ort gefallen waren.            Foto: /Natalie Kanter

In der Nacht vom 15. auf den 16. März 1944 brachten Bomben Leid, Tod und Zerstörung nach Leinfelden-Echterdingen. Am Samstagabend erzählen Bilder am Echterdinger Stadtmuseum über die Folgen jener Stunden.

Am Samstagabend will Wolfgang Haug nur wenige Worte verlieren. Dabei könnte der ehrenamtliche Museumsleiter unzählige traurige, aber auch einige berührende Geschichten zu jener Nacht erzählen, die so viel Leid auf die Fildern und nach Leinfelden-Echterdingen gebracht hat. Beispielsweise die jenes Mannes, der seine Kühe im Stall losbinden wollte, um ihnen die Freiheit und damit das Leben zu schenken – und dabei sein eigenes verlor. Der Mann wurde später gefunden, er lag unter einem seiner toten Tiere. Er könnte auch über das Ereignis mit dem Kälbchen berichten, das sich im Gasthaus Hirsch ins Obergeschoss verirrt hatte. Weil man es retten wollte, wurde ein Brand im Gasthaus entdeckt. Dank des Kalbs konnte letztlich auch der Hirsch gerettet werden.

 

Wolfgang Haug hat sich vorgenommen, bei der Gedenkstunde, die es am Samstag geben soll, Bilder sprechen zu lassen. 15 Aufnahmen hat er zusammengestellt. Sie werden im Hof des Stadtmuseums zu sehen sein. „Die Aufnahmen sprechen eine klare Sprache, erzählen von Ratlosigkeit, von Hilflosigkeit“, sagt er. Sie werden auf den Außenwänden des Museums zu sehen sein und Häuser zeigen, die dem Erdboden gleich gemacht wurden, niedergemäht von einem Feuersturm. Bilder einer zerstörten Heimat, zerstörter Träume.

Die Aufnahmen könnten auch vor Kurzem in der Ukraine entstanden sein. Sie sind aber 80 Jahren alt und erinnern an jene Nacht, „die der Gemeinde Echterdingen das Genick gebrochen hat“, wie Wolfgang Haug sagt. Der Bombenhagel der britischen Armee sollte eigentlich die Stuttgarter Rüstungsindustrie treffen. Der größte Teil der 2500 Tonnen Spreng-, Phosphor- und Stabbrandbomben fiel aber auf Gemeinden auf der Filderebene, wie der ehemalige Stadtarchivar Bernd Klagholz in einer Dokumentation berichtet.

Der Angriff begann am 15. März 1944 kurz nach 23 Uhr. „Danach war nichts mehr so, wie es mal war“, sagt Wolfgang Haug. Sieben Menschen starben: zwei in Musberg, fünf in Echterdingen. Gebäude, wie die alte Echterdinger Zehntscheuer, die sogar den Dreißigjährigen Krieg überdauert hatte, wurden zerstört. Musberg glich einer einzigen Brandruine, 399 Personen wurden dort obdachlos. Auch Leinfelden wurde schwer getroffen, das Rathaus zerstört, das Archiv der Gemeinde vernichtet. In Stetten waren die Schäden geringer als in den anderen Orten. Doch auch dort hatten nach dieser Nacht 36 Menschen kein Dach mehr über dem Kopf.

Allein in Echterdingen verloren 150 Familien ihr Zuhause

In Echterdingen verloren 150 Familien und 500 Menschen Haus, Hof und Stall. Die großen Brände breiteten sich schnell aus, Wind erschwerte die Löscharbeiten. Die örtliche Feuerwehr bekam Unterstützung aus Heilbronn. Viele dieser Helfer kamen wenige Monate später bei einem Luftangriff auf Heilbronn ums Leben.

Wolfgang Haug war am 15. März 1944 zwei Jahre alt. „Ich habe das ganze Geschehen gar nicht begriffen“, sagt er. Auch später wollte er sich mit den Bomben, die eigentlich Stuttgart treffen sollten, nicht beschäftigen. Er war genervt, als die Erwachsenen immer wieder aufs Neue davon erzählten, um das Erlebte zu verarbeiten. „Wir Kinder wollten nach vorn schauen, nicht zurück“, sagt er. Mit seiner Mutter und seinem fünf Jahre älteren Bruder hat er jene Nacht im Keller des damaligen Bürgermeisters Albert Rohleder überlebt.

Seine Mutter hatte am Tag zuvor noch die Wohnung auf Vordermann gebracht, weil sich eine Freundin aus Stuttgart für den nächsten Tag angekündigt hatte. Eine sinnlose Arbeit. Denn das Wohnhaus brannte nieder – wie so viele in Echterdingen und Umgebung. „Wir waren Kriegsflüchtlinge“, sagt Haug. Eineinhalb Jahre verbrachte die Familie in Neckartenzlingen, um später in Echterdingen neu anzufangen.

„Wir leben in einer besonderen Zeit“, sagt der Museumsleiter mit Blick auf die Gegenwart. „Es gibt schlimme Verwerfungen in unserer Gesellschaft, die allesamt in Gewalt münden können: Fake News, Hass und Extremismus“, betont Wolfgang Haug. Vom Hass zum Krieg sei es nicht mehr weit. Und er setzt hinzu: „Krieg führt zur Vernichtung, Tod und unglaublichen Leid.“

Erinnerung und spontane Geschichtswerkstatt

Gedenkstunde
Zur Erinnerung an die Bombennacht vor 80 Jahren gibt es am Samstag, 16. März, um 18.30 Uhr eine Gedenkstunde im Hof des Echterdinger Stadtmuseums, Hauptstraße 79. Der Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell wird sprechen, Museumsleiter Wolfgang Haug zeigt Bilder und lädt dann zu einer spontanen Geschichtswerkstatt ins Museum.

Buch
Der Luftkrieg hat auch in anderen Ortschaften großen Schaden angerichtet. „Kindheit in Trümmern“ heißt ein Buch, das jetzt erscheint und in dem 25 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über ihr Leben im Zweiten Weltkrieg und den Bombenangriff auf Stuttgart-Kaltental berichten. Am Sonntag, 21. April, 15 Uhr, wird es im Gemeindesaal der Thomaskirche, Schwarzwaldstraße 7, vorgestellt.