Zu einer Gedenkveranstaltung am Dienstag kommen rund 400 Menschen. Sie haben viele Fragen. Eine steht ganz oben: Hätte die Tat verhindert werden können?
Häfnerhaslach, kurz vor 18 Uhr am Dienstag: Menschen strömen aus allen Richtungen zur Kleeblattstraße. Sie kommen in kleinen Gruppen, Angehörige, Freunde, Leute vom Verein, Junge, Alte. Viele haben Blumen oder Kerzen dabei. Sie alle wollen desjenigen gedenken, der drei Tage zuvor aus ihrer Mitte gerissen wurde. Volker H., Vater von vier Söhnen und Opa von fünf Enkeln, lebte 20 Jahre in einem Haus in der Kleeblattstraße, ehe er am Samstagabend nur wenige Schritte davon entfernt getötet wurde.
Rund um den Tatort flattert das rot-weiße Absperrband der Polizei. Davor unzählige Blumen und Kerzen, rund um Fotos des Verstorbenen. Er hätte Ende Mai seinen 59. Geburtstag gefeiert. Volker H. starb am Samstag bei einem Streit mit einem 45-jährigen Mann, der als Obdachloser in der städtischen Unterkunft in den Containern zwischen der Turnhalle und dem Feuerwehrhaus an der Kleeblattstraße lebte. Der 45-Jährige soll auf seinen Kontrahenten eingeschlagen und diesen lebensgefährlich verletzt haben, teilte die Polizei mit. Im Ort sprechen die Menschen von einer Kopfverletzung.
Mit den Glockenschlägen vom Kirchturm wird es still auf dem Platz
Nach einer ersten spontanen Mahnwache am Sonntag, hatte die Stadt Sachsenheim am Dienstag zu einer öffentlichen Gedenkveranstaltung am Tatort eingeladen. Die Menschen sollten einen Rahmen haben, um zusammenzukommen und das Geschehene gemeinsam zu verarbeiten.
Rund 400 Frauen und Männer kommen, ein Großteil davon aus dem 650-Seelen-Dorf Häfnerhaslach selbst, einige weitere aus den umliegenden Ortschaften. Mit den Glockenschlägen vom Kirchturm wird es still auf dem Platz, auf dem sich die Menschen drängen. Der Himmel zaubert einen stimmungsvollen Sonnenuntergang. „Es gibt Momente“, sagt Sachsenheims Bürgermeister Holger Albrich dann in seiner Ansprache. „Da möchte man so viel sagen und dennoch fehlen die Worte.“
Die Fassungslosigkeit der Menschen ist fast mit Händen greifbar. Immer wieder Kopfschütteln, es wird kondoliert, sich umarmt, auch geweint. „Wie konnte das passieren in einem kleinen Ort, in dem sich eigentlich alle sicher fühlen?“, fragt die evangelische Pfarrerin Ira Philipp. „Man möchte die Reset-Taste drücken – als ob es den Samstagabend nie gegeben hätte und Volker H. noch mitten unter uns wäre.“
Viele Fragen sind offen. Das „Warum“ der Tat bewegt die Häfnerhaslacher. „Es gibt Momente“, sagt Holger Albrich, „in denen wir Fragen stellen. Warum konnte das passieren? Warum ist Volker H. nicht mehr da?“ Er sagt aber auch: „Es gibt Momente, schwierige Momente, in denen man solche Fragen stehen lassen muss. Auch, wenn man gerne schnell eine Antwort hätte. Die Polizei ermittelt. Wir kennen noch nicht alle Details. Der Tatverdächtige hat eine Geschichte. Wir möchten, dass sie aufgearbeitet wird.“
Beleidigungen, aber auch Bedrohungen gegenüber anderen Bürgern
Eine der Fragen, die im Zusammenhang mit der Bluttat auch aus dem Umfeld des Opfers immer wieder aufgeworfen wird, ist diejenige, warum der Beschuldigte weiter in Häfnerhaslach lebte, obwohl es immer wieder Probleme mit ihm gegeben hatte und er polizeibekannt war. Die Rede ist von Beleidigungen, aber auch Bedrohungen gegenüber anderen Bürgern.
Der Stadt Sachsenheim wurde wiederholt mitgeteilt, dass der Tatverdächtige Beleidigungen und Beschimpfungen von sich gegeben habe. „Wir haben in diesem Zusammenhang die zuständige Behörde aufgefordert, die Möglichkeit einer zwangsweisen Unterbringung oder zumindest die Anordnung einer Betreuung zu prüfen. Dort wurden allerdings die Voraussetzungen dafür als nicht gegeben angesehen“, sagt ein Sprecher der Stadt. Die zuständige Kreispolizeibehörde lässt auf Anfrage daraufhin mitteilen, dass im August 2022, als die Stadt Sachsenheim auf sie zukam, „keine Anhaltspunkte für eine erhebliche Fremdgefährdung vorlagen, sondern es um geringfügige Vergehen wie Beleidigungen ging“. „Bis auf eine Meldung über zwei Beleidigungen ein paar Tage später, welche ebenfalls keine Unterbringungsbedürftigkeit begründeten, erhielt die Kreispolizeibehörde keine weitere Kenntnis über Auffälligkeiten des Betroffenen“, heißt es aus dem Landratsamt Ludwigsburg.
Eine solche zwangsweise Unterbringung ist zudem nicht ganz einfach. Die Kreispolizeibehörde kann nur dann die zwangsweise Unterbringung einer Person beantragen, „wenn diese eine psychische Krankheit hat, aufgrund derer eine konkrete und erhebliche Eigen- oder Fremdgefährdung besteht“, teilt ein Sprecher des Landratsamtes mit. „Eine weitere Voraussetzung ist, dass die Gefährdung nicht auf andere Weise abgewendet werden kann. Insbesondere bei der Fremdgefährdung muss zwischen den gefährdeten Rechtsgütern Dritter und dem Grundrecht auf Freiheit des Betroffenen abgewogen werden. Dies bedarf einer sorgfältigen Prüfung im jeweiligen Einzelfall.“
In Sachsenheim geht man mittlerweile davon aus, dass die meisten Vorkommnisse, die im Zusammenhang mit dem Tatverdächtigen stehen, nicht den Behörden mitgeteilt oder zur Anzeige gebracht wurden. „Der Stadt lagen keine weiteren Informationen vor als die genannten. Alle der Stadt bekannten Sachverhalte im Zusammenhang mit dem Tatverdächtigen wurden an die Kreispolizeibehörde übermittelt.“
Die Gedenkveranstaltung am Dienstagabend sieht der Bürgermeister Holger Albrich als „wichtiges Zeichen, um zu zeigen, dass sich Sachsenheim nicht auseinanderdividieren lässt und dass die Bevölkerung auch in schwierigen Zeiten zusammensteht“.