Eine Mutter küsst ihr neugeborenes Baby Foto: dpa-Zentralbild

Übermüdet, ängstlich, hungrig. Männer reagieren nach stundenlangem Warten auf ein Kind oft gereizt oder sogar aggressiv. Der Grund: Sie sind häufig schlecht auf die Situation vorbereitet.

Stuttgart - Achtundzwanzig Stunden sind vergangen seit das Paar die Klinik betreten hat. Sie hat mal stärkere, mal schwächere Wehen, die in regelmäßigen Abständen mit einem Wehenschreiber gemessen werden. Das Gerät bildet eine krakelige Linie auf einem Bildschirm an der Wand ab. Immer wenn die Kurve nach oben geht, ist ihr Gesicht schmerzverzerrt. Gleichzeitig zeichnet die Maschine den Herzschlag des Babys auf. Er hält ihre Hand. Als die Babykurve immer flacher wird, springt er auf, klingelt nach der Hebamme. Nichts passiert. Er läuft hinaus auf den Gang. Ruft, schreit.

Was, wenn sein Baby gerade unter Sauerstoffmangel leidet? Kommt es dann behindert auf die Welt? Stirbt es vielleicht sogar?

Alles in Ordnung, beteuert die Hebamme, als sie schließlich kommt. Doch er ist mit den Nerven vollkommen am Ende. Ein einziges Wort würde genügen, um die Lage eskalieren zu lassen.

Situationen wie diese passieren täglich in Krankenhäusern. Georg Sauer, Leiter der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart sieht die Gründe dafür vor allem in der schlechten Vorbereitung werdender Väter. „Die Frauen haben ihre Frauenärzte als ­Ansprechpartner und die Hebammen, die sie begleiten. Sie haben ihre Ängste im Vorfeld meist schon einmal thematisiert. Bei den Männern sieht es ganz anders aus.“ Obwohl sich Kliniken inzwischen darin überbieten, Info-Abende für werdende Eltern anzubieten, kommen die Väter immer noch zu kurz, findet Georg Sauer.

Ihm fällt auf, dass Männer bei solchen Gelegenheiten meist nur digitale Fragen stellen, wie er es nennt. „Sie fragen zum Beispiel wie hoch der Prozentsatz der Kaiserschnittgeburten in der Klinik ist“, sagt Sauer. „Bloß keine Fragen, die in irgendeiner Weise ­Privates preisgeben oder Ängste offenbaren könnten.“

Deswegen bietet der Chefarzt nun einen Info-Abend nur für werdende Väter an. In lockerer Atmosphäre sollen die Männer ihre Ängste thematisieren können. „Gibt es einen Handlungsleitfaden für den Mann?“, fragt einer von dreizehn Männern, die sich zum ersten Treffen dieser Art im Vortragssaal des Robert-Bosch-Krankenhauses in einem Stuhlkreis zusammengefunden haben. „Nein, den gibt es nicht“, sagt Sauer. „Machen Sie sich bitte von solchen Dingen frei“. Es ist der Kontrollverlust, den viele Männer fürchten. Die Angst, es könnte etwas schiefgehen und sie sind dagegen machtlos.

Sauer geht mit den Männern erst einmal hinaus vor den Eingang des Krankenhauses. „Hier können Sie parken, dann müssen Sie nicht im engen Parkhaus herumkurven.“ Dann geht er Schritt für Schritt den Weg bis zum Kreißsaal mit den Papas in spe. „Sie müssen ihre Frau nicht beschützen, wenn Sie hierher kommen“, sagt Sauer. „Sie können sich darauf verlassen, dass Sie in guten Händen sind, denn bei einem Geburtsvorgang ist die Aufmerksamkeit von Hebammen, Schwestern und Ärzten besonders hoch.“

Auf die Anwesenheit der Väter will Sauer aber trotzdem nicht verzichten. „Sie nehmen uns viel Arbeit ab, indem sie ihre Frauen betreuen“, sagt er. Aber er ermutigt sie, ihre Frauen im Laufe der Zeit auch immer mal wieder allein zu lassen. „Ein Geburtsvorgang kann sehr lange dauern und nicht immer braucht die Frau einen Mann der neben ihr sitzt und Händchen hält“.

Wichtiger sei es, sagt Sauer, dass der Partner ausgeruht sei und im entscheidenden Moment noch Kräfte mobilisieren könne. „Wenn es absehbar noch einige Stunden dauern wird, dann fragen Sie ihre Frau, ob Sie noch einmal nach Hause fahren können. Sie werden überrascht sein. Die meisten Frauen haben nichts dagegen.“ Auch eine Schwangere bemerkt es, wenn der Partner nervös wird und ständig auf die Uhr oder das Handy schaut. Wie lange wird es noch dauern?

Diese Frage stellen sich manche Väter auch schon in einem viel früheren Stadium der Schwangerschaft. Zum Beispiel bei der Planung des Jahresurlaubs. Immer wieder ist Sauer mit Männern konfrontiert, die von ihrem Arbeitgeber genötigt werden, sich auf einen Zeitraum für ihren Jahresurlaub ­festzulegen. „Es kam schon vor, dass ein Paar das Kind viel zu früh per Kaiserschnitt entbinden lassen wollte, nur damit die Urlaubsplanung nicht durcheinandergerät. Das kommt natürlich überhaupt nicht in die Tüte“, sagt Sauer.

Die Sicherheit von Mutter und Baby steht im Vordergrund und deswegen rät der Arzt auch, alles stehen und liegen zu lassen, wenn die Frau während der Arbeitszeit mit Schmerzen anruft. „Sie bekommen von uns eine ­Bescheinigung, auch wenn es ein Fehlalarm war und ihre Frau noch einmal nach Hause gehen kann.“

Ist es dann soweit und die Presswehen beginnen, sollte möglichst alles besprochen sein. Will ich als Vater wirklich alles sehen können? Will ich die Nabelschnur durchschneiden? „Der Geburtsvorgang ist mit ­Gerüchen verbunden, die unangenehm sein können, wenn man es nicht gewohnt ist“, sagt Sauer. „Und beim Pressen kann natürlich auch Stuhlgang mit herauskommen“. Er rät dazu. sich vorher zu überlegen, was man mitmachen will und es mit dem Krankenhauspersonal abzusprechen. „Sie können auch ihre Frau fragen, ob es in Ordnung ist, wenn Sie während des Geburtsvorgangs ­hinausgehen“, sagt Sauer.

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