Vor 50 Jahren wurde das Leonberger Gebiet auseinandergerissen. Der große Kreis Böblingen hat sich gut entwickelt und ist wirtschaftsstark. Beim großen Geburtstagsfest in Leonberg sind die Töne versöhnlich.
Der letzte Kunde, der am 30. Dezember 1972 in der Zulassungsstelle in Leonberg bedient wurde, war ein Malermeister aus Rutesheim. Und der staunte nicht schlecht, dass er nicht nur mit einem Nummernschild nach Hause ging, sondern auch mit einem Blumenstrauß. Er hatte das letzte offizielle LEO-Kennzeichen bekommen.
Roland Bernhard erzählt die kleine Szene, um an das für viele schmerzhafte Ende des Landkreises Leonberg vor 50 Jahren zu erinnern. Das Gebiet, das von Weil der Stadt bis Korntal reichte, wurde im Zuge der Gebietsreform nicht einfach mit einem anderen Landkreis fusioniert, sondern regelrecht auseinandergerissen. Der größte Teil ging an den Kreis Böblingen, die Strohgäu-Kommunen wurden dem Kreis Ludwigsburg zugeschlagen und die Orte um Heimsheim fanden sich im neu formierten Enzkreis wieder.
„Für manchen ein Anlass zur Trauer“
Die Stadt und der größte Teil des alten Landkreises sind seit einem halben Jahrhundert also Teil des Kreises Böblingen. Und es hat durchaus Symbolcharakter, dass der Festakt zum runden Geburtstag in Leonberg stattfindet. Gut 300 Gäste sind der Einladung des Landrats gefolgt, das Jubiläum des „Wohlfühllandkreises“, wie Roland Bernhard ihn nennt, in der Stadthalle zu feiern.
Der Chef des Landratsamtes, der bei der Kommunalreform noch lange nicht im Amt war, bekennt, dass das Jubiläum nicht nur ein Freudenfest, sondern „für manche auch ein Anlass zur Trauer ist“. Gleichwohl wäre es heute ein Kreis, der sowohl von der Wirtschaftskraft wie auch von den Naturschönheiten bundesweit ganz vorne liege.
Dass sich Böblingen und Leonberg gut angenähert haben, bestätigen auch die Teilnehmer einer Talkrunde. Bernhard Maier, der Vorgänger von Roland Bernhard, war Bürgermeister in Renningen, als der Kreis Leonberg zerschlagen wurde. „90 Prozent der Menschen im Kreis Leonberg hatten bei einer Volksabstimmung für ein Weiterbestehen votiert“, erinnert er an die damals eindeutige Stimmungslage.
Maier hatte im alten Landratsamt Leonberg gelernt, war während seiner Ausbildung aber auch bei den Kollegen in Böblingen. Als er später Landrat wurde, war sein herausragender Verdienst der Bau der S-Bahn-Linie 60, jener Schienenverbindung, die die beiden Städte tatsächlich ein Stück zusammenrückte. Nicht ohne Grund nennt ihn Otto Kühnle die „personifizierte Klammer“ zwischen den beiden Kreisteilen. Der frühere Chefredakteur der Kreiszeitung Böblinger Bote, übrigens in Leonberg geboren, moderiert den Abend launig und mit profundem Lokalwissen.
Staudt kam mit 23 in den Leonberger Kreistag
Die turbulenten Jahre des Kreisreform hautnah miterlebt hat auch Erwin Staudt. Der Ehrenpräsident des VfB Stuttgart, IBM-Chef und langjähriger Chef der SPD-Fraktion im Leonberger Gemeinderat wurde als 23-Jähriger in den Kreistag von Leonberg gewählt. „Und plötzlich war der Kreis weg. Das war unglaublich problematisch.“ Die SPD war in einem besonderen Dilemma, war doch die Gebietsreform doch das Werk des Innenministers Walter Krause, eines Parteifreunds. Daher hielten sich die Proteste der örtlichen Genossen in Grenzen.
Oettinger: Müssen mehr schaffen
Mit Spannung erwartet wird ein alter Bekannter. Günther Oettinger, einstiger Ministerpräsident und EU-Kommissar, hatte zuletzt viel Aufsehen erregt: Zu träge gehe es in Deutschland zu. Der Wohlstand sei in Gefahr. Wer jetzt geglaubt hatte, der Ditzinger Bub, der nach wie vor enge Bindungen im Altkreis Leonberg pflegt, gäbe sich beim Jubiläumsfest milde gestimmt, sieht sich getäuscht.
Oettinger hält sich nicht lange mit Reminiszenzen an die alte Heimat auf, sondern geht gleich in die Vollen. Er zweifelt die Luxusstrategie bei Daimler an: „Dann stehen auf unseren Parkplätzen immer mehr asiatische Autos.“ Der große Konflikt auf der Erde lautet für ihn Demokratie versus Autokratie. Diktatorisch geführte Staaten seien in der Mehrheit. Chinas Staatschef Xi Jinping hätte sein „Wohlstandsversprechen“ eingelöst: „Das bedeutet in China Wohnung, Auto, Urlaub. Da ist die Meinungsfreiheit nicht so wichtig.“ Deutschland, so sagt Oettinger, könne Wohlstand und Demokratie nur sichern, wenn mehr geschafft wird: „Wochen- und Lebensarbeitszeit dürfen kein Tabuthema sein.“
Bei so viel hartem Stoff tut ein Stück Kultur sehr gut: Die Hanke Brothers aus Sindelfingen setzen musikalische Glanzpunkte. Emotionaler Höhepunkt ist der gemeinsame Auftritt mit dem Inklusiven Chor der Lebenshilfe Leonberg, engagiert wie sympathisch dirigiert von Elisabeth Kolofon.